"Der Fliegenpalast": Lebenskrise in Bad Fusch
Von Werner Thuswaldner | 20.08.2012 - 12:01

Peter Matic. Bild: SN/wico
Peter Matic trat energisch auf und sagte, bevor er sich hinsetzte, dass er im Jahr 1955, aus Anlass des Abzugs der Besatzungstruppen, am selben Ort Grillparzers "Loblied auf Österreich" (aus "König Ottokars Glück und Ende") vorgetragen habe. Heute lese er aus dem Werk eines anderen bedeutenden österreichischen Dichters.
Die Matinee am Samstag in der Großen Aula der Universität war dem Roman "Der Fliegenpalast" von Walter Kappacher gewidmet, einem Buch voller Bezüge zu den Salzburger Festspielen, denn es ist eine biografische Studie über einen ihrer Gründer, über Hugo von Hofmannsthal.
Kappacher schildert feinfühlig eine Lebenskrise, die der Dichter 1924 durchgemacht hatte, als er zur Kur "in der Fusch" war. Bad Fusch hatte damals als Kurort noch einen gewissen Rang. Hofmannsthal war von Selbstzweifeln geplagt und litt - wie man heute sagen würde - unter einer fatalen Schreibhemmung. Schwindelanfälle machten ihm zu schaffen und Todesahnungen begleiteten ihn. Ständig fragte er sich, ob er nach seinem frühen Ruhm den eigenen Erwartungen und jenen anderer gerecht geworden sei. Die politischen Zeichen standen nach dem verlorenen Weltkrieg und der Zerstückelung der Doppelmonarchie auf Niedergang.
Kappacher schildert ihn als einen Mann, der sich einerseits scheu gab, andererseits nach Anerkennung lechzte. Der Umgang mit wichtigen Persönlichkeiten war Hofmannsthal äußerst wichtig. Einerseits neigte er dazu, sich aus der großen Gesellschaft zurückzuziehen, andrerseits war er darauf bedacht, nur ja dazuzugehören. In Fusch, so zeigt es Kappacher, lebte Hofmannsthal vom Abrufen aus dem reichen Fundus seiner Erinnerung und im Bewusstsein, dass nicht mehr viel folgen würde. Die Gefühlslage, der Kappacher mit einem tiefen Verständnis für psychische Gefährdung Ausdruck gibt, ist von Melancholie geprägt, aber auch verhaltener Humor hat Raum.
Peter Matic, dessen Diktion so einprägsam ist, dass sie aus Dutzenden von Stimmen leicht herausgehört werden kann, ist der richtige Mann für derart sensible Literatur. Und kompetent ist er außerdem, zumal er den Haushofmeister in der aktuellen Festspielinszenierung der Oper "Ariadne auf Naxos" von Richard Strauss (Text: Hugo von Hofmannsthal) spielt. Es stimmte alles. Sogar auf die Urfassung dieser Oper von 1912, die in Salzburg aufgeführt wird, nimmt Kappacher in seinem Buch Bezug.
In der Aula wäre noch Platz für mehr Besucher gewesen. Doch alle, die da waren, fühlten sich höchst angetan von derartigem Kunstgenuss.
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