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"Lumpazivagabundus": Sie bringt den Lumpazi zum Lachen

Von Julia Danielczyk | 21.07.2013 - 08:30

Maria Happel wird als Göttin Fortuna jenen bösen Geist aus der Reserve locken, den Johann Nestroy als Beherrscher des Lustigen Elends und Beschützer der Spieler geschaffen hat.

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 „Eigentlich bin ich sehr ernsthaft“, versichert Maria Happel, gibt aber im selben Atemzug das zu, was das rechte Bild zeigt:„Ich lache tatsächlich sehr gern.“  Bild: SN/kati bruder

„Eigentlich bin ich sehr ernsthaft“, versichert Maria Happel, gibt aber im selben Atemzug das zu, was das rechte Bild zeigt:„Ich lache tatsächlich sehr gern.“

Bild: SN/kati bruder

 „Eigentlich bin ich sehr ernsthaft“, versichert Maria Happel, gibt aber im selben Atemzug das zu, was das rechte Bild zeigt:„Ich lache tatsächlich sehr gern.“  Bild: SN/kati bruder

„Eigentlich bin ich sehr ernsthaft“, versichert Maria Happel, gibt aber im selben Atemzug das zu, was das rechte Bild zeigt:„Ich lache tatsächlich sehr gern.“

Bild: SN/kati bruder




Maria Happel spielt in Johann Nestroys Posse "Lumpazivagabundus" die Göttin Fortuna. Diese bringt den bösen Geist Lumpazivagabundus zum Lachen: "Ha, ha, ha, das ist zum Totlachen!", ruft der aus, als Fortuna ihr Füllhorn über jene liederlichen Burschen ausschüttet, die das Vermögen ihrer Väter verjuxt haben. Über diese vermeintlich heilsame Großzügigkeit Fortunas muss Lumpazi, der Beherrscher des Lustigen Elends, laut lachen, und er prophezeit: "Da werden grad noch ärgere Lumpen draus."

Nicht nur in dieser Rolle, auch sonst ist die Burgschauspielerin Garantin fürs Lachen - also für glückversprechende ebenso wie für komische Theateraugenblicke.

SN: Sie gelten als Lachwurzen. Woher

kommt das?

Maria Happel: Das ist schwer zu sagen, eigentlich bin ich sehr ernsthaft. Aber ich lache tatsächlich sehr gern und bin diesbezüglich leicht zu verführen. Ich bin nämlich ein äußerst positiv denkender Mensch und in einem lachenden Umfeld groß geworden. Und ich finde, man tut sich viel leichter im Leben, wenn man das Lachen auf seiner Seite hat.

Das ist aber nur ein Aspekt. Die Hauptaufgabe des Schauspielers besteht ja darin, die Leute im Theater zum Lachen zu bringen oder zumindest sie am Einschlafen zu hindern.

Das lachende Gesicht ist nur die eine Seite der Maske, die unweigerlich mit der anderen, der traurigen, verbunden ist. Nicht umsonst hängen beide Masken an vielen Bühnenportalen.

SN: Was fällt Ihnen leichter zu spielen? Komödie oder Tragödie?

Maria Happel: Die Frage lässt sich nicht so einfach beantworten, weil beides zusammengehört. Beim Komödienspielen darf man nicht den Fehler begehen, lustig sein zu wollen, denn dann ist eine Anstrengung dahinter. Diese nimmt dem Lustigsein die Lust, und dann bleibt sozusagen nur mehr das "-ig" übrig. Das ist zu wenig.

Um Komödie gut zu spielen, braucht es den Mut, in Not zu geraten. Denn nur wenn der Schauspieler auf der Bühne wirklich die innere Not zulässt, öffnet er sich ganz.

Der Zuschauer ist zumeist schon einen Schritt weiter, er weiß oft mehr als die Figuren auf der Bühne. Und dieses Wissen macht ihn zum Voyeur, der Schadenfreude empfindet oder über das lacht, was der Bühnenfigur gerade passiert.

Um dieses Ziel zu erreichen, braucht man eben auch Ernsthaftigkeit und das Mitspielen der Kehrseite dieser Maske, die wie eine Medaille funktioniert. Je nachdem, welches Bild wir zeigen, das jeweils andere muss spürbar sein. Dasselbe gilt daher auch für die Tragödie. Dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

SN: Wie zeigt sich das im "Lumpazivagabundus"?

Maria Happel: Im "Lumpazivagabundus" herrschen Machtkämpfe zwischen den Feen und Göttern. Ich spiele die Glücksgöttin Fortuna, die an die Menschen und an die Vernunft glaubt.

Fortuna und die Liebesfee Amorosa stehen miteinander in Wettstreit. Fortuna will beweisen, dass der Mensch besserungsfähig ist, Amorosa zweifelt. Der Deal lautet: Wenn die ausgesuchten Sterblichen das beim Lottospiel gewonnene Geld verlieren, bekommen sie es ein zweites Mal. Dann aber werden sie darauf aufpassen, so Fortuna. Amorosa gewinnt die Wette, wenn nur einer der drei durch Liebe gebessert wird.

Der böse Geist Lumpazivagabundus, der die Menschen zu einem liederlichen Lebenswandel verführt, glaubt nicht daran. Seine Worte sind deutlich: Niemals, unter keinen Umständen, bessern sich die Menschen.

Das ist die Rahmenhandlung, erst dann beginnt das Spiel von Knieriem, Zwirn und Leim, die gezielt von den Göttern ausgesucht werden. Diese drei Handwerksburschen wissen, was Armut heißt. Der Lottogewinn bedeutet eine Überforderung für alle. Jeder von ihnen geht anders mit der neuen Situation um, daraus ergeben sich viele tragikomische Szenen.

SN: "Lumpazivagabundus" ist Johann Nestroys meistgespieltes Stück.

Was ist das Geheimnis des Erfolgs?

Maria Happel: Die Grundlage bietet Nestroys unverwechselbarer Wortwitz. Das Stück ist unglaublich gut geschrieben. Der Sprachwitz ist wie ein Trampolin, auf dem man als Schauspieler hüpfen kann.

Die Schicksale, die Lebensentwürfe der drei Protagonisten, die aus ihren verschiedenen Zünften kommen, sind gut durchdacht. Vor allem aber ist Nestroy wortgewaltig. Beim "Lumpazivagabundus" ist nichts zu viel, nichts zu wenig.

Wenn man für die drei Gesellen auch noch gute Schauspieler im Team hat, dann wird daraus eines: nämlich der Lumpazivagabundus, der nicht nur einen bösen Geist meint, sondern sich aus den drei Männern zusammensetzt: Lump - Pazi - Vagabundus: der Lump, der liebende Ehemann, der Vagabund. Für mich stecken in dem einen Wort alle drei.

SN: Wo finden Sie den Bezug zum Heute?

Maria Happel: Die Schuldenkrise ist ein wichtiger Aspekt. Fortuna hilft mit Geld aus. Sie sagt: "Ihr werdet sehen, die Menschen bessern sich und lernen aus ihren Fehlern." Fortuna vertritt die positive Seite.

Der Blick des Autors Nestroy insgesamt ist jedoch pessimistisch. Ihm geht es vor allem um die Frage, wie sich der Einzelne in Krisensituationen verhält. Was wird aus Menschen, die eine zweite Chance bekommen? Das ist sein Thema. Und das macht den "Lumpazivagabundus" sehr aktuell.

SN: Welche Rolle spielen die Götter dabei? Und vor allem Sie als Fortuna?

Maria Happel: Für mich beweist der "Lumpazivagabundus", dass auch die Götter den Menschen nicht ändern können. Der Mensch kann eben nicht aus seiner Haut heraus. Er ist schicksalhaft angelegt, so könnte man Nestroy interpretieren.

Das kennen wir doch auch: Wie viele Berichte gibt es von Lottogewinnern, die mit dem neu erworbenen Reichtum nicht umgehen können?

Ich sehe noch einen Gedanken in der Gestaltung der Figuren: Dass etwa Menschen, die ihre Freiheit brauchen, sich nicht binden können. Und umgekehrt: Dass häuslich orientierte Menschen mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Familie gründen. Diese Idee lässt sich noch vielfach weiterdenken.

SN: Sie spielen nach zwölf Jahren wieder bei den Salzburger Festspielen. Was bedeutet das für Sie?

Maria Happel: Das ist wunderbar. Tatsächlich trat ich 2001 zuletzt bei den Salzburger Festspielen in Christoph Ransmayrs "Die Unsichtbare" auf und habe ein entzückendes Nockerl mitgebracht! Sie ist heute elf Jahre und ihr Name lautet Annemarie. Da mein Mann Dirk Nocker heißt, nennen wir sie unser Salzburger Nockerl.

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