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"Falstaff" fällt aus dem Rahmen

Von | 21.07.2013 - 10:00

In dieser "lyrischen Komödie" muss der Musikfreund auf erbitterte Leidenschaften und Liebestod verzichten. Stattdessen gibt es in Giuseppe Verdis Alterswerk viel Gelächter.

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Proben zum Salzburger „Falstaff“.  Bild: SN/andreas kolarik

Proben zum Salzburger „Falstaff“.

Bild: SN/andreas kolarik

Proben zum Salzburger „Falstaff“.  Bild: SN/Andreas Kolarik

Proben zum Salzburger „Falstaff“.

Bild: SN/Andreas Kolarik

Proben zum Salzburger „Falstaff“.  Bild: SN/Andreas Kolarik

Proben zum Salzburger „Falstaff“.

Bild: SN/Andreas Kolarik

Proben zum Salzburger „Falstaff“.  Bild: SN/Andreas Kolarik

Proben zum Salzburger „Falstaff“.

Bild: SN/Andreas Kolarik


Dass in einer Oper gelacht wird, damit kann sich so mancher Musikfreund nur schwer abfinden. Oper, das ist eine ernste Sache. Wahre Liebhaber des Musiktheaters lassen sich nur von einer Tragödie erschüttern. Die Sujets dafür wurden schon häufig variiert: Eine leidenschaftliche Liebe wird heimtückisch zerstört, das Lebensglück eines Aufrichtigen geht flöten oder anständiges Heldentum wird von miesen Halunken in den Dreck gezogen. Neid, Eifersucht und Missgunst bestimmen also den Lauf der Welt.

Es muss etwas Erhebendes sein, drei Stunden in rotsamtenen Sesseln die Geschichten vom Scheitern der anderen zu durchleben. Und das bei bekannter musikalischer Begleitung, also unter Zuhilfenahme einiger handfester Arien zum Mitsingen. Carmen wird erdolcht, Mimi stirbt, Don Giovanni fährt zur Hölle - da, wo es absolut nichts mehr zu lachen gibt, just an dieser Stelle geht ihnen das Herz auf, jenes der Opernfreundin und das des Opernfreundes.

Nur logisch, dass Verdis komische Oper "Falstaff" selbst im Club der Verdi-Aficionados gern als kurioses Alterswerk abgetan wird. Zugegeben, das durchkomponierte Stück macht es manchem Zuhörer schwer, weil die Arien zum Mit- bzw. Nachsingen fehlen. Und doch gibt es keinen Zweifel: Obwohl sich im Finale der Oper noch alle Protagonisten des Lebens erfreuen, sich einander freundschaftlich die Hände reichen und sich lachend verneigen, handelt es sich um ein kompositorisches Meisterwerk. Hätte Verdi nur diese eine Oper komponiert, seine Residenz im Komponistenhimmel wäre gesichert.

Nun wird man fragen, worüber und auf welchem Niveau man in dieser zwischen 1890 und 1892 entstandenen und am 9. Februar 1893 in Mailand uraufgeführten "Commedia lirica" lacht? Wir lachen über drei Männer, die von vier Frauen mithilfe von zugegeben etwas ausgefallenen Inszenierungen gefoppt und hereingelegt werden. Und wir sind erleichtert, dass wir nicht noch einen tragischen Liebestod erleben müssen, sondern Zeugen werden, wie ein junges Paar, Nanetta und Fenton, trotz aller Hindernisse zum Happy End gelangt. Das Leben der übrigen Ramponierten, wie die ihre Beziehungen fortsetzen werden, dafür interessieren wir uns offen gestanden nicht mehr.

Im Zentrum des Geschehens steht Sir John Falstaff, ein zur Zeit der Handlung verarmter Saufkopf mit aristokratischer Vergangenheit. Der Kerl besitzt eine grandiose Leibesfülle, die Anlass für zahlreiche Scherze gibt. Es soll Regisseure geben, die Falstaff den dicken Wanst streitig machen, um ihn als einen "wie du und ich" über die Bühne zu schicken. Dummerweise ist in Shakespeares Text aber von einem "fetten alten Mann", einem "ungeheuren Fass Sekt", von einem "aufgedunsenen Ballen Wassersucht" von einem "gebratenen Krönungsochsen mit Pudding im Bauch" usw. die Rede (Übersetzung: August Wilhelm Schlegel).

Wenn der Vorhang emporschwebt, kommt Verdi, ohne Ouvertüre, direkt zur Sache. Der Schauplatz: ein Wirtshaus, ein lebensfrohes Reich, in dem Alkoholismus, sexuelle Ausschweifung und professionelle Gaunerei regieren. Dummerweise hat Falstaff gerade kein Geld. Seine Diebskumpane Bardolfo und Pistola sollen das Fehlende beschaffen, zumal auch die Wirtin Mrs. Quickly mit einer unerledigten Rechnung winkt. Zwei wohlhabende Damen, Alice Ford und Meg Page, sollen aus der Patsche helfen. Aber früher, so scheint es, hat das sowohl mit dem Geldtaschenziehen als auch das mit den Liebesbriefen besser geklappt. Was für ein unwahrscheinliches Pech, dass jene Frauen, denen Falstaff mit zärtlichen Zeilen den Hof macht, entdecken, dass er ein- und denselben Wortlaut gleich zweifach verwendet hat? Und was für einen Spaß werden sich die Damen daraus machen!

Das vereinbarte Stelldichein mit Alice währt nur kurz, denn Bardolfo und Pistola haben dem Ehemann alles verraten. Der erste Akt endet in einem auch musikalisch (und vor allem rhythmisch) irrwitzigen Tohuwabohu, in dem Solistenensemble, Dirigent und Orchester wahrlich nichts zu lachen haben. Jedenfalls wird Falstaff in einen Wäschekorb gesteckt und aus dem Fenster geworfen. Das Gelächter ist enorm, es stammt von der Clique der verschworenen Frauen und von den schadenfreudigen Männern. Und das Publikum lacht über Falstaff. Manchmal tönt es dann wie beim Tollpatsch-TV: Der Held setzt an zu großem Fluge - und landet im nächsten Moment auf dem Bauch.

Wie schön, dass sich der nach all diesen und weiteren Demütigungen im dritten Akt tatsächlich gehörnte und von Feen, Kobolden und Quälgeistern geplagte Liebhaber Falstaff zum unguten Ende so schnell wieder aufrappelt und mit allen anderen Protagonisten an die Bühnenrampe kommt, um gemeinsam die Schlussfuge "Alles auf der Welt ist Spaß" zu bewältigen. Derartig rasante Versöhnung widerspricht nicht nur unserer Erfahrung, sondern auch der Operntradition. Nicht von ungefähr hat sich Giuseppe Verdi entschlossen, sein musikdramatisches Oeuvre mit dieser grandiosen Fuge, einer ultimativen Herausforderung für Sängerensemble, Dirigent und Orchester, zu beschließen.

Natürlich könnte man es bedauern, dass der Librettist Arrigo Boito das Falstaff-Sujet zu sehr auf das Hereinlegen bzw. Hereingelegt-Werden konzentriert. Wir wissen ja längst, dass ein dickwanstiger Schwadroneur, ein heruntergekommener Alkoholiker, ein verarmter Strauchdieb bei eleganten Damen sein Glück durchaus nicht machen wird. Und doch lachen wir.

Aber Falstaff ist natürlich viel mehr als ein tollpatschiger Schürzenjäger. Schon allein mit seiner rhetorischen Brillanz nimmt es keiner auf. Hätte sich der Librettist nicht nur bei Shakespeares "Merry Wives of Windsor", sondern deutlicher noch an dessen zweiteiligem Historiendrama "Heinrich IV." orientiert, wäre die Titelfigur womöglich etwas profilierter ausgefallen. Falstaff befindet sich ja im Sold des Königs Heinrich IV., für den er sogar Rekruten ausheben muss, um gegen die aufständischen Herzöge Worcester und Northumberland in den Krieg zu ziehen.

Bei Shakespeare wird Falstaff zu einem rebellischen Gegenspieler des Königs, wie der bekannte Shakespeare-Forscher Stephen Greenblatt wiederholt dargelegt hat. Wenn im Wirtshaus "Zum Wildschweinschädel" eine parodistische Königskrönung Falstaffs stattfindet, so ist darin auch ein plebejischer, farcehafter Gegenentwurf zum königlichen Ordnungsprinzip zu entdecken. Davon erzählt uns Verdis Oper leider nichts.

Dafür hat uns der Komponist mit einer Fülle musikalischer Ideen, berührenden Melodieerfindungen und atemberaubend schwierigen Ensembleszenen beschenkt. Mit effektvollen Gegensätzen, parodistischen Elementen und ironischen Motivspiegelungen ist die Musik zur Oper "Falstaff" eine Komposition von höchster Raffinesse, ja ein Meisterwerk des Musiktheaters vom Ende des 19. Jahrhunderts. Wir lachen nicht nur, sondern kommen aus dem Staunen nicht heraus.

 
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