Salzburger Festspiele   Fotostrecke verfügbar

Es ist ein Elend mit dem Elend

Von Ernst P. Strobl | 03.08.2012 - 08:45

Die Sopranistin Anna Netrebko stirbt wieder einmal einen armseligen Tod im Luxus der Festspiele.

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Sangeskunst von Weltrang: Anna Netrebko und Piotr Beczala. Bild: SN/APA

Sangeskunst von Weltrang: Anna Netrebko und Piotr Beczala.

Bild: SN/APA

Anna Netrebko. Bild: SN

Anna Netrebko. 

Sangeskunst von Weltrang: Anna Netrebko und Piotr Beczala. Bild: SN/dapd

Sangeskunst von Weltrang: Anna Netrebko und Piotr Beczala.

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Anna Netrebko. Bild: SN

Anna Netrebko. 

Sangeskunst von Weltrang: Anna Netrebko und Piotr Beczala. Bild: SN/APA

Sangeskunst von Weltrang: Anna Netrebko und Piotr Beczala.

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Es ist zum Weinen, dieses Elend. Aber warum zählt dann Puccinis Rührstück "La Bohème" zu den meistgespielten Opern dieser Welt? Eben deshalb, man geht in die Oper, um gerührt das eine oder andere Tränchen zu verdrücken. Ein bisschen romantisch wird man ja noch sein dürfen, und wenn da die arme Mimi ihr Leben aushaucht, drückt auch noch Puccini mit seinen zarten Geigen auf die Tränendrüse. Besonders schön aber ist es, Anna Netrebko beim Sterben zuzusehen. Taschentücher raus und jubeln. Am Mittwoch wurde im Großen Festspielhaus der von medialen Vortrommlern angekündigte Triumph Wirklichkeit, fast.

Anna Netrebko in Puccinis "La Bohème", überall war sie zu sehen und zu hören, im ORF, im Radio, auf dem Kapitelplatz und im Salzburger Festspielhaus. Was einem dort an Großaufnahmen und Kameraeinstellungen entgeht, macht das Live-Erlebnis mehr als wett, und wenn Anna Netrebkos Stimme aufblüht, kommt Glanz in das abgewrackteste Bühnenbild. Wer in der Wiener Staatsoper sozialisiert wurde und womöglich seit Jahrzehnten auf die Bühne von Franco Zeffirelli starrt, hat es eventuell ein bisschen schwerer mit der Umstellung auf die Ästhetik, die der Bühnenbildner Paolo Fantin für das Große Haus fand. Auf einer schiefen Ebene setzte er alle Maßstäbe außer Kraft, um dem Drama verzweifelt lustiger sozialer Außenseiter einen ungewöhnlichen Rahmen zu geben.

Im Zentrum des sängerischen Staraufgebots für Alexander Pereiras Lieblingsprojekt stand natürlich Anna Netrebko, die ihren Rang an der Weltspitze erneut festigte. Zu Recht wurde sie am heftigsten bejubelt.

Ein gigantischer Fensterrahmen mit regennass angelaufenen Scheiben bildet den Unort, an dem die singende Altkleidersammlung, die auf die Namen Rodolfo, Marcello, Schaunard und Colline hört, zwischen Matratzen und Einkaufswagerln haust. Diese Künstler-WG ist so pleite, dass der Dichter Rodolfo sein Drama verheizt. Das dem Vermieter Benoit vorenthaltene Geld wird im Quartier Latin flott verprasst. Immerhin ist Weihnachten, in Paris wird gefeiert.

In dieses Matratzenlager platzt ein Punkgirl mit (nicht nur) psychischen Problemen wie ein scheues, verwundetes Reh. Sie braucht Feuer für ein Jointerl, eh klar, Rauchen ist tödlich, das Ende vorhersehbar. Regisseur Damiano Michieletto hat noch viele andere Ideen, auch gute sind darunter, aber eines versäumt er: Wie sich mit dem Zigaretterl auch die Liebe entzündet, bleibt ein Rätsel. In vielerlei Hinsicht bleibt diese dramatische Beziehung nicht nachvollziehbar, wenn da nicht die Musik wäre. Nur hier finden Mimi und Rodolfo zueinander.

Piotr Beczala ist mit seinem tollen lyrischen Tenor ein ausdrucksstarker Rodolfo, der über das "eiskalte Händchen" von Mimi blitzartig entflammt. Später aber erweist sich Rodolfo als distanzierter Feigling, der mit der Todeskrankheit seiner Spontangeliebten heillos überfordert ist.

Für das Paris-Bild greift Michieletto ins pralle Leben, sein Bühnenbildner verkehrt die vorherige Vergrößerung in das Gegenteil. Ein raumfüllender Stadtplan, darauf Modellhäuschen, für die Errichtung einer Stehbar statt des Café Momus werden weitere Häuschen herangeschleppt. Wie vorhin die Menschen zu Puppen minimiert wurden, stehen sie jetzt in Minimundus, und gewinnen dennoch nicht an Größe.

Wie Kostümbildnerin Carla Teti das Volk kleidet und besonders den Kinderchor, ist an Buntheit nicht zu überbieten, und wenn der Spielwarenhändler Parpignol wie ein Comic-Held durch die Lüfte schwebt, eine Blaskapelle als Lichtermännchen durchmarschiert und zuletzt die Kinder mit Spielcomputern belohnt werden, wird das schwer parodistisch, aber warum? Hier kommt die kapriziöse, kesse Musetta hinzu und wechselt ihren neuen Liebhaber wieder ein gegen den alten, den Maler Marcello. Nino Machaidze hatte vor Jahren als Einspringerin für die schwangere Anna Netrebko ihr Salzburg-Debüt, das Start für eine Blitzkarriere wurde.

Dann aber wird es im überwärmten Festspielhaus plötzlich eiskalt. In einer urbanen, bizarren Katastrophenlandschaft unter einer Kreuzung mit blinkenden Ampeln steht auf einer verschneiten Straße eine Imbissbude, an der sich Nachtschwärmer und Arbeiter noch Stärkung holen. Ein Ort der armen Seelen, dessen vernebeltes Grau fast die Figuren verschluckt. Hier findet die Aussprache zwischen Mimi und Rodolfo statt, der sie verlassen hat in seiner Angst. Erst zum Sterben kommt Mimi wieder in die inzwischen devastierte WG zurück, wo alle - außer Rodolfo - noch einmal so etwas wie Herz zeigen. Mimi stirbt trotz Gesellschaft einen einsamen Tod auf der Matratze.

Schon im ersten Akt erschien wie ein Menetekel eine riesige Geisterhand, um mit dem Finger "MIMI" auf die angelaufene Scheibe des haushohen Fensters zu schreiben. Sie ist wieder da, schreibt erneut, und wischt dann in einem gruseligen Moment den Namen weg. Das ist einer der guten Einfälle von Damiano Michieletto.

Musikalisch ist die Produktion durchwegs geglückt, nicht nur wegen der intensiven Präsenz von Anna Netrebko als Leidensmädchen und Piotr Beczala. Die anderen Rollen sind gut besetzt, wenn auch von der Regie recht vernachlässigt. Nino Machaidze (Musetta), Massimo Cavalletti (Marcello), Alessio Arduini (Schaunard) und Carlo Colombara (Colline) sind jeweils brauchbare Charaktere und gut bei Stimme. Die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor und der herzige Salzburger Festspielkinderchor haben es nicht leicht im Getümmel.

Erstaunlich behutsam dirigiert diesmal der Italiener Daniele Gatti im Graben die Wiener Philharmoniker, die ihre immense Puccini-Erfahrung aus dem Wiener Opernalltag mitbrachten, hauchzart in den entscheidenden Momenten, schwebend leicht, dann wieder aufrauschend und sogar recht knallig, wenn es ging, und immer mit ausgeprägtem Hang zu großen Gefühlen. Große Rühroper.

 
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