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"Die Soldaten" kommen mit Pferden

Von Erika Pichler | 15.08.2012 - 15:04

Bernd Alois Zimmermanns Zwölfton-Werk gilt als extrem schwierig und als großer Wurf modernen Opernschaffens.

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Laura Aikin, Darstellerin der Marie, reitet bei einer „Soldaten“-Probe in die Felsenreitschule. Bild: SN/sf/rut walz

Laura Aikin, Darstellerin der Marie, reitet bei einer „Soldaten“-Probe in die Felsenreitschule.

Bild: SN/sf/rut walz

„Die unglaubliche Räumlichkeit des Klanges in der Felsenreitschule wird ein großes Erlebnis sein“, sagt Dirigent Ingo Metzmacher. Bild: SN

„Die unglaubliche Räumlichkeit des Klanges in der Felsenreitschule wird ein großes Erlebnis sein“, sagt Dirigent Ingo Metzmacher. 

„Das extrem hohe professionelle Niveau der Sänger hier war ein Kulturschock für mich“, meint Regisseur Alvis Hermanis. Bild: SN/Eva Repolusk

„Das extrem hohe professionelle Niveau der Sänger hier war ein Kulturschock für mich“, meint Regisseur Alvis Hermanis.

Bild: SN/Eva Repolusk




Es hat etwas von einem Abenteuer, die Oper "Die Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann auf die Bühne zu bringen. Dies wagen die Salzburger Festspiele am Montag nächster Woche mit ihrer letzten Opernpremiere dieses Sommers.

Wie abenteuerlich dies ist, wird im Gespräch mit dem Dirigenten Ingo Metzmacher spätestens dann klar, wenn er von der berühmten Traumszene des vierten Akts erzählt. Zwölf Teilszenen laufen da simultan ab, und alle Personen des figurenreichen Stücks singen gleichzeitig ihren jeweiligen Part.

"Weil das so extrem schwierig ist, hat man sich früher damit beholfen, es aufzunehmen und dann zuzuspielen", sagte Ingo Metzmacher im SN-Gespräch. "Ich wollte, dass es live gemacht wird, und habe in einer Probe mit allen Mitwirkenden diese Stelle ganz ruhig aufgebaut, zuerst nur über Text und Rhythmus. Denn man kann das nicht fünf Mal hintereinander singen. Man kann es eigentlich nur ein Mal singen."

Zum Ergebnis dieser so angebahnten Traumszene sagt der Dirigent: "Der Effekt ist Wahnsinn! Da sind 20 Sänger und dann noch die Soldaten dazu, die alle um ihr Leben singen. Wenn das wirklich passiert, entsteht eine unglaubliche Energie. Das war für uns alle wie Bungee-Jumping oder Ähnliches. Man muss sich da reinschmeißen, man kann das nicht nur mit 95 Prozent singen."

Der aus Hannover gebürtige Dirigent beschäftigte sich mit Bernd Alois Zimmermanns Zwölfton-Werk schon als Student und später als Assistent Michael Gielens, der seinerzeit die Uraufführung in Köln leitete. Diese hatte sich damals um fünf Jahre verzögert, da die Auftragskomposition als kaum realisierbar erschien.

Der Ruf der Unspielbarkeit haftet dieser Oper seither an wie ein Phantom. Dies sei nicht berechtigt, versichert Ingo Metzmacher. Allerdings habe er mit Sängern noch nie so intensiv geprobt wie derzeit in Salzburg für seine erste Produktion von "Die Soldaten".

Sein Partner in dieser Arbeit ist der Regisseur Alvis Hermanis, der sich als Opernneuling bezeichnet und sagt, er bedauere, keine musikalische Ausbildung zu haben. Ingo Metzmacher hingegen hebt hervor, wie viel Musikalität und Gespür für die Sänger Alvis Hermanis an den Tag lege, zudem bringe er den offenen und freien Arbeitsstil seines "Neuen Theaters Riga" ein.

Der lettische Regisseur zeigte sich im SN-Interview begeistert über das hohe Niveau der Sänger, das bei ihm während der ersten Proben in Salzburg etwas wie einen Kulturschock ausgelöst habe. "Da ist niemand, dem man Angst oder Anspannung ansieht. Die Sänger scheinen diese schwierige Musik zu genießen."

Was aber macht diese Musik so schwierig? In den Gesangspartien sei es vor allem die extreme Lage, sagt Ingo Metzmacher. Und das Orchester spiele extrem hohe und extrem tiefe Noten. "Von allen 88 Tönen, die eine Klaviertastatur umfasst, kommt jeder Ton in diesem Werk mehrfach vor."

Wie geht es dem Dirigenten mit dieser Partitur? "Es gibt in dieser Oper keine zehn Takte, die im gleichen ,Versmaß‘ notiert sind", sagt Ingo Metzmacher. "Man muss sich wahnsinnig konzentrieren. Und es geht ja auch gut, solange alle alles richtig machen."

Zum näheren Verständnis: In der ursprünglichen Version lagerte der Komponist nicht weniger als sieben verschiedene Temposchichten übereinander, was sieben Dirigenten erfordert hätte. Erst Zimmermanns Kompromiss, doch Taktstriche quer durch alle Schichten zu setzen, ermöglichte die Uraufführung unter einem einzigen Dirigenten, minderte aber nicht den exorbitanten Schwierigkeitsgrad für die Musiker. "Es bedeutet ständig Septolen, Quintolen und komplizierte Notationen", sagt Ingo Metzmacher. "Man muss all das als verschiedene Geschwindigkeiten begreifen, die man eben finden muss."

Trotz aller Komplexität gehe es in diesem Stück auch um große Emotionen. "Das Problem ist für alle und auch für mich, die technischen Herausforderungen so weit zu beherrschen, dass man ein bisschen loslassen kann."

An diesem Punkt habe den Musikern die Herangehensweise Alvis Hermanis’ geholfen, erläutert Ingo Metzmacher. "Er wollte sehr früh Gesamtdurchläufe, weil er das vom Sprechtheater gewohnt ist. Das ist in der Oper überhaupt nicht üblich. Dadurch waren alle - mich eingeschlossen - sehr früh gezwungen, auch wenn Dinge schiefgehen, einfach weiterzumachen. Das bringt die ganze Sache schneller auf eine höhere Ebene", sagt Metzmacher und gerät darauf ins Schwärmen, wenn er von seiner Lieblingsstelle spricht, einem Terzett dreier Frauenstimmen "Ach, ihr Wünsche junger Jahre, seid zu gut für diese Welt".

Bühnenmusik unterm Dach

"Das gehört für mich zum Schönsten, was jemals komponiert worden ist, und stellt aus meiner Sicht das Terzett aus dem ,Rosenkavalier‘ noch einmal auf eine andere Stufe. Die wunderbare Gabriele Benacková in der Rolle der Gräfin berührt uns hier alle sehr."

Neben einer Reihe großartiger Protagonisten empfinden Regisseur und Dirigent auch die Salzburger Felsenreitschule als unikalen Glücksfall. "Wenn es überhaupt eine ideale Bühne für ,Die Soldaten‘ gibt, ist es diese hier", sagt Alvis Hermanis. "Die Oper wird ja auch aus dem Grund so selten aufgeführt, weil es den Raum dafür nicht gibt."

Ingo Metzmacher, der mit der Felsenreitschule schon Erfahrung hat, kann hier die enorme Zahl an Musikern - ein mit ungefähr 100 Mitwirkenden besetztes Orchester, eine Schlagwerk-Bühnenmusik, eine Jazz-Combo - in einem Raum unterbringen. "Einen Teil der Musiker können wir direkt unter dem neuen Dach der Felsenreitschule platzieren", sagt der Dirigent. "So kommt die zusätzliche Bühnenmusik immer von oben. Allein schon diese unglaubliche Räumlichkeit des Klangs wird für jeden, der dort hineingeht, ein großes Erlebnis sein."

 
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