"Das Labyrinth": Schikaneders Ervolksoper
Von Ernst P. Strobl | 06.08.2012 - 16:39

Schwindelfrei: Malin Hartelius wird als Pamina in die Lüfte entführt.Bild: SN,
Hollywood hat es nur nachgemacht, wie man nach einem überraschenden Kassenschlager einen zweiten Teil nachschieben kann, um den Gewinn zu maximieren. Der Ahnherr geschäftstüchtiger Manager war Emanuel Schikaneder, der mit Mozarts "Zauberflöte" einen Blockbuster landete, zu dem er selbst das Libretto verfasst hatte. Jahre später schrieb Schikaneder eine Fortsetzung, nur: Sein Hitkomponist Mozart war schon 1791, im Jahr der "Zauberflöte", jung verstorben. Also wurde Peter von Winter, bayerischer Hofkapellmeister, engagiert, um das fantasievolle Libretto in Musik zu gießen. Es wurde ein Erfolg, sei hinzugefügt, zumindest eine Zeit lang. "Das Labyrinth oder der Kampf mit den Elementen" verschwand danach im Archiv.
Geschäftstüchtig à la Schikaneder ist auch Alexander Pereira, der neue Salzburger Festspielintendant. Und auch risikofreudig: Er schickte die opernunerfahrene Regisseurin Alexandra Liedtke auf das Himmelfahrtskommando, diese unbekannte Oper zu inszenieren, der Residenzhof wurde extra dafür mit Überdachung und einer Tribüne verbaut, die den Namen nicht verdient. Das "Labyrinth" überzeugte am Freitag das Publikum, wie der lange Applaus für alle zeigte. Der musikalische Reingewinn hält sich bei Winter in Grenzen, so sehr sich der Dirigent Ivor Bolton auch dafür einsetzte und mit hoher Energie Stimm- und Instrumentalfäden zusammenhielt. Das Mozarteumorchester zeigte sich sehr kompakt und den Ansprüchen bestens gewachsen.
Nur hatte Peter von Winter kaum geniale Einfälle und variierte mitunter ein bisschen etwas aus Mozarts Vorgaben. "Die Zauberflöte" ist halt einzigartig. Was den Abend eigentlich rettete, war der Ideenreichtum von Alexandra Liedtke, die aufs Tempo drückte, die vielen Schwächen der Stücks mit leichter Hand überspielte und eine Art Volksmärchen aus vergangenen Zeiten mit sachter Ironie in Schwung brachte. In den zweieinhalb Stunden war immer etwas los. Schikaneder peilte ein Spektakel an, was ihm in seinem Wiener Theater auch gelang. Die "Zauberflöten"-Figuren sind alle da, Tamino und Pamina stehen kurz vor der Hochzeit. Allerdings will die Königin der Nacht den Verlust der Tochter nicht hinnehmen und lässt Pamina mithilfe der Drei Damen und des Kriegsherren Tipheus zurückrauben. Das wiederum lässt Sarastro nicht so einfach geschehen, der mit dem hohen Paar große Pläne hat. Es sollte in eine neue Prüfung, eben in das Labyrinth, geschickt werden. Der Mohr Monostatos wiederum stört rachelüstern das Glück von Papageno und Papagena, die im Verlaufe der Oper auf Überraschungen stoßen: Papageno entdeckt im Wald seine Familie und damit Vater und Mutter und eine große Runde kleiner - sehr putziger - Geschwister. Das sind die belustigenden Triebfedern des Abends.
Aus der Hochzeit von Tipheus und Pamina wird auch nichts, sie weigert sich hartnäckig, und Papageno nimmt - im Gegensatz zu Tamino - seinen ganzen Mut zusammen und raubt die von der Königin Gehilfen in die Luft (Element vier) entführte Pamina zurück. Eine der Merkwürdigkeiten: Sarastro lässt alle humanistischen Ideale fallen und ruft sein Volk zum Krieg auf. Es könnte blutig werden, zwei Völker stehen sich martialisch gegenüber, dann passiert ein Wunder: Tamino, über zwei Folgen des Epos hinweg ein selbstbezogener Feigling, zieht das Schwert gegen den Kriegshelden Tipheus und siegt. Die Königin der Nacht und ihre Drei Damen erstarren zum Standbild.
Die aufwändigen Kostüme von Susanne Biskovsky und Elisabeth Binder-Neururer sind ein Augenschmaus und voll ironischer Spielereien. Raimund Orfeo Voigt baute eine Bühne rund ums Orchester, mit einer verschiebbaren, ein wenig blendenden Lichter-Lamellenwand. Paminas Himmelfahrt geht zwei Stockwerke hoch, anfangs macht eine Pawlatschenbühne auf Armeleute-Theater. Papageno und Papagena sind schräge Vögel, die Königin der Nacht ist ein transparentes Geschöpf, Sarastro ist ein weißer Weiser. Das Gute an der Musik ist, dass der Chor eine große Rolle übernimmt und damit viele akustische Unzulänglichkeiten im Residenzhof übertüncht werden.
Michael Schade als lederhosentragender Tamino ist zwar nicht mehr taufrisch als Prinzlein, trifft aber als Einziger alle Spitzentöne und zeigt enormes Selbstbewusstsein. Julia Novikova ist eine ätherische Königin der Nacht, auch akrobatische Koloraturen wie bei Mozart hat ihr Peter von Winter nicht erspart. Thomas Tatzl muss als Papageno seinen Charme ein bisschen anbiedernd einsetzen, hat aber mit Regula Mühlmann eine besonders hübsche Papagena, die ihn kurzerhand mit Monostatos verlässt, als er den Reizen der von Monostatos eingesetzten "schwarzen Papagena" anheimfällt.
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