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"Meistersinger von Nürnberg" bei den Festspielen: Gilt´s hier nur der Kunst?

In eine fabelhafte Welt der deutschen Romantik des 19. Jahrhunderts entführt die Regie von Stefan Herheim in Richard Wagners "Meistersingern von Nürnberg". Der erste Eindruck bei der Premiere: zwiespältig.

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"Meistersinger von Nürnberg" bei den Festspielen: Gilt´s hier nur der Kunst?

„Meistersinger von Nürnberg“ bei den Salzburger Festspielen. Bild: SN/APA/BARBARA GINDL



Seine Zipfelmütze und das lange Nachthemd sehen nach Carl Spitzweg aus. Hektisch wirft Hans Sachs seine Gedanken aufs Papier. Es könnten, soweit sich das aus der 20. Reihe im Großen Festspielhaus in Salzburg feststellen lässt, Noten sein, die er schreibt. Also ist Hans Sachs auch Richard Wagner. Denn mit dem ersten C-Dur-Akkord der Ouverture zu den "Meistersingern von Nürnberg" entwickelt er schlagartig eine hektische Betriebsamkeit wie nach einem Erweckungserlebnis.

Großartiges Spiel mit den Maßstäben

Ein tolles Eröffnungsbild: Wagners/Sachsens Stube wird hinter einem Transparentvorhang immer größer gezoomt, bis der Schreibsekretär wie magisch bühnenfüllende Dimension erreicht hat und real erscheint als postkartenschöner Orgelprospekt der (fiktiven) Katharinenkirche zu Nürnberg. Das Spiel mit den Maßstäben wird auch weiterhin die Raumideen von Heike Scheele bestimmen und sie mit verblüffenden Effekten aufladen. Für den 2. Akt wachsen ein schlichter Holz- und ein nobler Mahagonischrank aus der kleinen Wohnung des Hans Sachs zu den einander gegenüberliegenden "Häusern" für den Schuster und den reichen Bürger Veit Pogner, dessen Tochter Eve dem besten Meistersinger zur Frau gegeben werden soll. Als "Festwiese" schließlich dienen die ins Überdimensionale gewachsenen Regale mit den Requisiten des Wissens, die Hans Sachs als einen neugierig an der Welt Interessierten ausweisen sollen.

Im 2. Akt kommen die Märchenfiguren

Auch Gegenstände wachsen ins Riesenhafte, Schuhe oder Bücher beispielsweise, und aus "Grimms Kindermärchen" steigen zur "Prügelfuge" am Ende des 2. Akts folgerichtig, zeittypisch romantisch, herzallerliebst, aber im Grunde sinnfrei, die bekanntesten, volkstümlichsten Märchenfiguren.

Sie bevölkern die Breitwandbühne für ein paar Minuten und Auftritte so bunt wie überhaupt die pittoresken Tableaus mit farbenprächtigen Kostümen wie aus dem Bilderbuch (Gesine Völlm) für einen wohligen Augenschmaus quasi aus ferner Märchenzeit sorgen. Was aber will Stefan Herheim damit erzählen, außer dass er die "Meistersinger" aus der Zeit der Entstehung heraus, aus Wagners Welt begreift? Ist es nostalgischer Rückzug, um sich einen kritischen Kommentar von heute zu versagen und ihn an die "Geschichte" zu delegieren? Ist es lediglich eine augenzwinkernde ironische Brechung? Ist es bloß eine Volte, nur über Tradition und Fortschritt der "Kunst" reden zu wollen und damit um die Politik, die dem Stück immanent ist, einen eleganten Bogen zu machen? Man schaut jedenfalls fünf Stunden langzunehmend etwas ratlos auf schöne, überraschende, verblüffende Bilder, ohne ihre Zielrichtung schlüssig enträtseln zu können. Man tut dies aber durchaus auch mit Vergnügen ob der optischen Wirkungen und vor allem wegen der wirkungssicheren, klaren und detailverliebt perfekten Personen und vor allem Chorführung.

Stimmen gehen im Großen Festspielhaus unter

Zweifelsfrei steht Hans Sachs im Mittelpunkt, und hier wiederum ist es sein zentraler Wahnmonolog, der den Schlüssel zu seinem Charakterporträt (und wohl auch zur Grundhaltung der Regie) liefert. In Michael Volle hat der Regisseur einen Sänger, der sich die kräfteraubende Partie klug einzuteilen weiß und dem er dadurch ein faszinierend vielschichtiges Porträt abfordern kann. Volle läuft vor allem im 3. Akt zu überzeugender, großer Form auf, gewinnt auch stimmlich mehr und mehr Statur und Profil.

Für die Verfertigung und den letztendlichen Vortrag seines Preislieds mobilisiert auch Roberto Saccà als Walther von Stolzing Reserven, die man ihm nach grenzwertig untergewichtigem Anfang gar nicht zugetraut hätte. Dafür bleiben Anna Gabler als Eve mit lauen, flachen Soprantönen und mehr noch Monika Bohinec als Magdalene deutlich unter dem wünschenswerten oder erforderlichen Festspielniveau. Markus Werba gelingt als Beckmesser ein atypisch jugendliches Rollenprofil, das gute spielerische und stimmliche Ansätze zeigt und sicherlich noch wachsen wird. Peter Sonn könnte aus seinem etwas eindimensionalen Tenor durchaus mehr Beweglichkeit und vor allem in der Deklamation mehr bübischen Charme und rhetorische Erzählkraft herausholen. Unter den Meistern gewinnen Georg Zeppenfeld als Pogner und Oliver Zwarg als Kothner die brauchbarste, wenngleich nicht wirklich gewichtige Kontur, sie sprechen damit ein grundlegendes Problem der Besetzung an. Man setzte bei der Verpflichtung der Solisten offenbar auf leichte, sozusagen liedhafte Stimmen, die freilich in den Dimensionen des Großen Festspielhauses allzu leicht auch verloren zu gehen drohen. Das wiederum färbt auf den unabdingbar nötigen, verständlich zu artikulierenden Konversationston dieses auch textlich reich ausdifferenzierten Werkes ab.

Gatti deckt feine Details auf

Womit wir, die Schlagkraft des prächtigen Staatsopernchors wenigstens erwähnend, bei Daniele Gatti am Pult der aufmerksam musizierenden Wiener Philharmoniker sind. Er fächert Wagners Partitur sorgfältig auf, entdeckt dabei mannigfache strukturelle und klangliche Details, was auf sehr genaue Vorbereitung und Werkkenntnis schließen lässt, verzettelt sich aber dabei oft so deutlich, dass Tempo und Dynamik darunter spürbar leiden. Seine Interpretation wirkt dadurch bei allen Meriten im Einzelnen im Gesamten inkonsistent, heterogen und nur in den Farben homogen und delikat, oft durchaus impressionistisch abgemischt. Auch hier also: ein zwiespältiger erster Eindruck. Das Premierenpublikum jubelte durchaus differenziert, einzelne leise Buhstimmen für den Dirigenten und das Regieteam gingen letztlich fast klanglos unter.

Die ausführliche Besprechung zur Premiere der "Meistersinger von Nürnberg" lesen Sie in der Montagausgabe der "Salzburger Nachrichten."

 
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1
 
KOMMENTARE (1)
 

Jonathan Armas

08.08.2013 
15:11 Uhr

Die Katharinenkirche von Nürnberg ist nicht fiktiv; es gibt sie bis heute als Ruine!

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