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"Das Labyrinth": Schikaneders Ervolksoper

Von Ernst Strobl | 04.08.2012 - 10:07

Die Festspiel-Premiere von "Das Labyrinth" im Residenzhof war ein einhelliger Publikumserfolg.

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Malin Hartelius (l.) als Pamina und Thomas Tatzl als Papageno. Bild: SN

Malin Hartelius (l.) als Pamina und Thomas Tatzl als Papageno.

V.l.: Christina Daletska als Zweite Dame der Königin, Monica Bohinec als Dritte Dame der Königin, Julia Novikova als Königin der Nacht und Nina Bernsteiner als Erste Dame der Königin. Bild: SN

V.l.: Christina Daletska als Zweite Dame der Königin, Monica Bohinec als Dritte Dame der Königin, Julia Novikova als Königin der Nacht und Nina Bernsteiner als Erste Dame der Königin.

Regula Mühlemann als Papagena und Thomas Tatze als Papageno. Bild: SN

Regula Mühlemann als Papagena und Thomas Tatze als Papageno.

 Michael Schade als Tamino. Bild: SN

Michael Schade als Tamino. 

Malin Hartelius als Pamina und Michael Schade als Tamina (l.). Bild: SN

Malin Hartelius als Pamina und Michael Schade als Tamina (l.). 

V.l.: Anton Scharinger als Alter Papageno, Regula Mühlemann als Papagena, Thomas Tatzl als Papageno und Ute Garerer als Alte Papagena. Bild: SN

V.l.: Anton Scharinger als Alter Papageno, Regula Mühlemann als Papagena, Thomas Tatzl als Papageno und Ute Garerer als Alte Papagena.

Michael Schade als Tamino. Bild: SN

Michael Schade als Tamino. 

V.l.: Christina Daletska als Zweite Dame der Königin, Julia Novikova als Königin der Nacht, Monica Bohinec als Dritte Dame der Königin und Nina Bernsteiner als Erste Dame der Königin. Bild: SN

V.l.: Christina Daletska als Zweite Dame der Königin, Julia Novikova als Königin der Nacht, Monica Bohinec als Dritte Dame der Königin und Nina Bernsteiner als Erste Dame der Königin.

Malin Hartelius als Pamina. Bild: SN

Malin Hartelius als Pamina. 

Anton Scharinger (r.) als Alter Papageno, Thomas Tatzl (m.) als Papageno und Ute Gfrerer als Alte Papagena. Bild: SN

Anton Scharinger (r.) als Alter Papageno, Thomas Tatzl (m.) als Papageno und Ute Gfrerer als Alte Papagena.

Malin Hartelius als Pamina. Bild: SN

Malin Hartelius als Pamina. 

Michael Schade (m.) als Tamino und Christof Fischesser als Sarastro. Bild: SN

Michael Schade (m.) als Tamino und Christof Fischesser als Sarastro. 

Michael Schade als Tamino und die Genien.Bild: SN

Michael Schade als Tamino und die Genien.

Malin Hartelius (m.) als Pamina und die Vier Möhre.Bild: SN

Malin Hartelius (m.) als Pamina und die Vier Möhre.

V.l.: Malin Hartelius als Pamina, Christof Fischesser als Sarastro und Michael Schade als Tamino. Bild: SN

V.l.: Malin Hartelius als Pamina, Christof Fischesser als Sarastro und Michael Schade als Tamino.




Hollywood hat es nachgemacht, wie man nach einem überraschenden Kassenschlager einen zweiten Teil nachschieben kann, um den Gewinn zu maximieren. Der Ahnherr geschäftstüchtiger Manager war Emanuel Schikaneder, der mit Mozarts "Zauberflöte" einen Blockbuster gelandet hatte. Und er selbst hatte das Libretto verfasst. Jahre später schrieb Schikaneder eine Fortsetzung, nur: der Hitkomponist Mozart war 1791, im Jahr der "Zauberflöte", jung verstorben. Also wurde Peter von Winter, bayerischer Hofkapellmeister, engagiert, um das fantasievolle Libretto in Musik zu gießen. Es wurde ein Erfolg, sei hinzugefügt, zumindest eine zeitlang. "Das Labyrinth oder der Kampf mit den Elementen" verschwand danach im Archiv. Nur Eingeweihte wissen heute noch von dem Stück, was sehr geeignet ist für eine eventuelle Millionen-Frage in TV-Shows. Auf der Bühne gesehen hat das Werk höchstens jemand, der 1978 in München bei August Everdings halbinformierter Wiederbelebung dabei war.

Geschäftstüchtig à la Schikaneder ist auch Alexander Pereira, der neue Salzburger Festspielintendant, der sich bei der wetterunsicheren Premiere am Freitag im Residenzhof persönlich einschaltete, um auf das Schiebedach hinzuweisen und den Sponsoren zu danken (und der wohl der Grund ist, dass das Bettelverbot aufgehoben wurde). Der Residenzhof wurde extra für "Das Labyrinth" mit Überdachung und einer Tribüne verbaut, die den Namen nicht verdient. Zusätzlich ging Pereira ein festspielmäßiges Risiko ein mit der Fortsetzung der "Zauberflöte", die er anlässlich der als Sensation gehandelten Aufführung mit Nikolaus Harnoncourt ansetzte. Im Residenzhof. Mit einer opernunerfahrenen Regisseurin. Ein Himmelfahrtskommando. Eine unbekannte Oper namens "Das Labyrinth" von einem in Vergessenheit geratenen Komponisten. Braucht das jemand?

Gut, Schikaneder hätte heuer seinen 200. Todestag, das wäre zumindest einer der Gründe. Es ist wohl der Fortune des Intendanten zuzuschreiben, dass das "Labyrinth" am Freitag im Residenzhof das Publikum überzeugte und begeisterte, wie der lange Applaus für alle zeigte.

Der musikalische Reingewinn hält sich bei Winter in Grenzen, so sehr sich der Dirigent Ivor Bolton dafür auch einsetzte. Aber Mozarts "Zauberflöte " ist einzigartig. Was den Abend eigentlich rettete, war der Ideenreichtum der Regisseurin Alexandra Liedtke, die aufs Tempo drückte, die vielen Schwächen der Stücks mit leichter Hand überspielte und eine Art Volksmärchen aus vergangenen Zeiten mit sachter Ironie in Schwung brachte. In den zweieinhalb Stunden war immer etwas los.

Aber worum geht es in dem Stück? Schikaneder peilte ein Spektakel an, was ihm in seinem Wiener Theater auch gelang. Die Zauberflöten-Figuren sind alle da - übrigens sangen alle Uraufführungssänger sieben Jahre nach Mozarts Superhit wieder mit. Tamino und Pamina stehen kurz vor der Hochzeit, das "Labyrinth" dockt also direkt an die "Zauberflöte" an. Allerdings will die Königin der Nacht den Verlust der Tochter nicht hinnehmen, sondern diese mit Hilfe der Drei Damen und des (neu eingeführten) Kriegsherren Tipheus und seines Freundes Pamina zurückrauben. Das wiederum lässt Sarastro nicht so einfach geschehen, der mit dem hohen Paar ganz andere Pläne hat. Er war grad dabei, die Liebenden in eine neue Prüfung, eben in das Labyrinth, zu schicken. Parallel dazu stört der Mohr Monostatos rachelüstern das Glück von Papageno und Papagena, die im Verlauf der Oper auf Überraschungen stoßen: Papageno entdeckt im Wald seine Familie und damit Vater und Mutter und eine große Runde kleiner - im aktuellen Fall - putziger Geschwister. Das sind die belustigenden Triebfedern des Abends. Aus der Hochzeit von Tipheus und Pamina wird auch nichts, sie weigert sich hartnäckig, und Papageno entfaltet - im Gegensatz zu Tamino - seinen ganzen Mut und raubt die von der Königin Gehilfen in die Luft (Element vier) entführte Pamina zurück. Eine der Merkwürdigkeiten: Sarastro lässt alle humanistischen Ideale fallen und ruft sein Volk zum Krieg auf. Könnte blutig werden, da prallen zwei Chöre aufeinander, doch dann passiert ein Wunder. Tamino, über zwei Folgen des Epos hinweg ein selbstbezogener Feigling, zieht das Schwert gegen den (wohl unachtsamen) Kriegshelden Tipheus, der laut Libretto in einen Vulkanschlund geworfen wird. Die Königin der Nacht und ihre Drei Damen werden gar an einen Berg geschmiedet, hier erstarren sie zum Standbild im historischen Sternenhimmel von Schinkel aus 1816. Ein Happy End schaut anders aus.

Was also sieht man im Residenzhof? Alexandra Liedtke bebildert das Stück bunt, die aufwendigen Kostüme von Susanne Biskovsky und Elisabeth Binder-Neururer sind ein Augenschmaus und prägen den Abend. Raimund Orfeo Voigt schuf eine geschickte Bühne rund ums Orchester, mit einer verschiebbaren, ein wenig blendenden Lichter-Lamellenwand, die zwar die Residenz-Architektur abdeckt, aber funktionell ist. Paminas Himmelfahrt geht zwei Stockwerke hoch, anfangs macht eine Pawlatschenbühne auf Armeleute-Theater. Die Vogelmenschen Papageno und Papagena sind schräge Vögel, die Königin der Nacht ein transparentes Geschöpf, Sarastro ein weißer Weiser. Das Gute an der Musik ist, dass der Chor eine große Rolle übernimmt und damit viele akustische Unzulänglichkeiten im Residenzhof übertücht werden.

Wusste niemand, dass um Punkt 20 Uhr in Salzburg die Kirchenglocken losdonnern? Die Beteiligten tun jedenfalls das Mögliche. Michael Schade als lederhosentragender Tamino - angeblich ist am Gurt "Ewig Schade" eingestickt - ist zwar nicht mehr taufrisch als Prinzlein, trifft aber als Einziger alle Spitzentöne und zeigt seine Bühnenpräsenz mit enormen Selbstbewusstsein. Julia Novikova ist eine ätherische Königin der Nacht, auch akrobatische Koloraturen wie bei Mozart hat ihr Peter von Winter nicht erspart. Thomas Tatzl muss als Papageno seinen Charme ein bisschen anbiedernd einsetzen, hat aber mit Regula Mühlmann eine besonders hübsche Papagena, die ihn kurzerhand mit Monostatos verlässt, als er den Reizen der von Monostatos eingesetzten "schwarzen Papagena" anheimfällt. Es gibt eine Unzahl von Gags, die Alexandra Liedtke zur verquirlten Geschichte einfielen. Malin Hartelius ist eine lyrische Pamina, in diesem Rahmen eine unerschrockene Powerfrau. Sarastro (Christof Fischesser) hat etwas Predigerhaftes, nett ist das Wiedersehen mit Anton Scharinger (Alter Papageno) und Ute Gfrerer (Alte Papagena) inmitten einer kunterbunten Papagenogeschwisterschar. Die Drei (wandelbaren) Damen - Nina Bernsteiner, Christina Daletska, Monica Bohinec - sind überall und nirgends, statt der Drei Knaben gibt es süße Genien, die leuchtend singen und wie Lampen leuchten. Klaus Kuttler (Sarastro) ist ein Mohr im Hemd und mit weißer Maske, wenn vonnöten, Clemens Unterreiner ein stattlicher Tipheus, der mehr Muskeln zeigt als er hat, die kleinen Rollen sind gut besetzt. Eine Stärke der Aufführung ist der Salzburger Bachchor. In Schwarz gekleidet, kennt man sich nicht immer aus, wer zu welcher Heerschar gehört, aber der Einsatz ist durchschlagend.

Ivor Bolton war mit hoher Energie am Zusammenhalten aller Stimm- und Instrumentalfäden, und drängte auf kompakten Klang, mitunter ein bisschen unzart. Und das Mozarteumorchester lieferte auf Stichwort, wie etwa der Flötist Bernhard Krabatsch, der die "Zauberflöte"von Tamino synchronisierte. Der Auftragskomponist Winter hatte kaum geniale Einfälle und variiierte ein bisschen was aus Mozart. Das war die Schwäche eines beschaulich-unterhaltsamen Abends, der von allen Beteiligten mit spürbarem Ehrgeiz mitgetragen wurde. Aber: es hat gefallen.

 
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