Hagen Quartett: Tatendurstig im Jubiläumssommer
Von Erika Pichler | 17.07.2012 - 10:53
Alle sechzehn Beethoven-Streichquartette im aktuellen Konzertrepertoire: Ist dieses Vorhaben des Hagen Quartetts, das bereits Mozarts Gesamtwerk für diese Besetzung eingespielt hat, ein Tribut an die Gier des Klassikmarktes nach Großtaten? Mitnichten, meint Lukas Hagen, Leiter des Salzburger Streichquartetts, das mit der laufenden Saison auf sein 30-jähriges Bestehen zurückblickt.
"Zum Jubiläum haben wir uns das vergönnt, und bei den Salzburger Festspielen eröffnen wir diesen Zyklus. 2013 werden wir in New York alle sechzehn Quartette innerhalb einer Woche spielen. Andere machen so etwas eher früher. Wir fühlen uns jetzt reif dafür."
Als Stichtag des 30-Jahr-Jubliläums gilt der erste Auftritt der Hagen-Geschwister bei Gidon Kremers Kammermusikfestival Lockenhaus im Jahr 1981. Inzwischen ist auch der zweite Geiger, Rainer Schmidt, der der damaligen Formation noch nicht angehörte, seit einem Vierteljahrhundert Mitglied des Hagen Quartetts.
Der so erreichten Kontinuität und Qualität folgen seit Langem Wettbewerbssiege, Auszeichnungen, Auftritte auf den bedeutendsten Bühnen. Jüngst wurde das Hagen Quartett mit dem "Echo Klassik" zum Ensemble des Jahres 2011 gekürt. Die Salzburger Festspiele räumen ihm ab heuer jährlich einen eigenen Konzertzyklus ein.
In diesem Sommer werden vier Programme gegeben. Zwei davon sind Teil des erwähnten Beethoven-Zyklus. Sechs Streichquartette werden hier in kluger Auswahl gegenübergestellt. Beim ersten Termin wird Beethovens erstes und letztes Quartett erklingen, dazwischen eines der ausladenden und oft als Quartettsymphonien bezeichneten "Rasumowsky-Quartette" der mittleren Schaffensperiode.
Ein weiterer Abend spannt mit Schönbergs "Kammersymphonie für 15 Soloinstrumente" und Mozarts Klarinettenquintett einen weiten Bogen zwischen zwei Monumenten der Kammermusik.
Das vierte Programm schlägt eine Brücke nicht nur zum slawischen Raum, sondern auch zur Kunstform Tanz. Unter dem Motto "Über die Grenze" werden drei Streichquartette (Leos Janáceks "Intime Briefe", Franz Schuberts "Der Tod und das Mädchen" und Antonín Dvoráks "Amerikanisches Quartett") zusammen mit der Tanzcompagnie des Schweizer Choreografen Heinz Spoerli zur Aufführung gebracht.
"Es ist schon eine Herausforderung, das alles innerhalb kurzer Zeit auf den Punkt zu bringen", sagt Cellist Clemens Hagen. "Auch für die Salzburger Festspiele ist es eine logistische Leistung, allein die Proben mit so vielen Musikern zu organisieren, von denen jeder viel anderes zu tun hat." Der Dirigent Daniel Harding gehört zu diesen Musikern genauso wie die Klarinettistin Sabine Mayer mit ihrem Trio und andere Wunschpartner, denen sich das Quartett seit vielen Jahren verbunden fühlt.
Neu ist für das Hagen Quartett die Konstellation Streichquartett und Ballett. Heinz Spoerli, der seit über fünfzehn Jahren Ballettdirektor der Zürcher Oper ist und dieses Haus (wie sein bisheriger Chef Alexander Pereira) nach der Spielzeit 2011/12 verlässt, kann auf einige Arbeiten dieser Art verweisen. Vor zwei Jahren etwa stellte er in Zürich eine viel beachtete Tanzversion zu Schuberts "Der Tod und das Mädchen" vor. Für das Quartett hingegen ist - mit Ausnahme von Clemens Hagen - die Zusammenarbeit mit Tänzern eine Premiere. Wie passt kammermusikalische Intimität mit herumwirbelnden Körpern zusammen? Was, wenn die tänzerische Deutung der drei Streichquartette nicht zur Interpretation der Musiker passt? Die Antwort auf diese Fragen ist: Gelassenheit. Man vertraut auf Heinz Spoerlis Professionalität und Sensibilität. "Wir freuen uns auf die neue Erfahrung und lassen uns einfach überraschen", sagt Veronika Hagen.
Rainer Schmidt spricht das Gemeinsame zwischen Musikern und Tänzern an: "Auch wir arbeiten ja nicht nur mit unseren Fingern, sondern auch mit unserem Atem und unseren Körpern." Tänzer vermögen wohl auch Musiker zu inspirieren, nicht nur umgekehrt. Wenn alles aufgeht, was sich die vier Musiker erhoffen, darf sich das Publikum auf wechselseitige Inspiration zwischen Musik und Tanz als körperlich sichtbarer Energie freuen.
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