Salzburg | Salzburger Festspiele

Festspiele ehren Komponisten Toshio Hosokawa

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Dem berühmtesten lebenden Komponisten Japans sind bei den Salzburger Festspielen mehrere Konzerte gewidmet. Der bekennende Buddhist ist allerdings zu bescheiden, um darüber hinaus auffallen zu wollen.

Festspiele ehren Komponisten Toshio Hosokawa

Toshio Hosokawa genießt still die Stadt Salzburg. Bild: SN/wolfgang lienbacher

Der japanische Schwerpunkt bei der "Ouvertüre spirituelle" der Salzburger Festspiele stieß auf großes Interesse und Begeisterung: Neben den Shomyo-Ritualgesängen des Priesterchors wurde auch "The Seed of Contemplation" des 1955 in Hiroshima geborenen Toshio Hosokawa aufgeführt, ein Werk, das das alte Japan mit Neuer Musik aus Europa, wo der Komponist studierte, faszinierend verquickt.

SN: Sie schreiben dezidiert sakrale Musik. Würden Sie als Europäer Messen komponieren, wie es bei Mozart und Haydn noch selbstverständlich war?

Hosokawa: Der Unterschied zwischen den Religionen ist schon sehr groß. Das Christentum hat den Monotheismus und der Buddhismus hat sehr viele Beziehungen zur Natur - und insgesamt ist diese Religion auch toleranter. Und ich denke, dieser Unterschied, diese Art und Weise und die Gestalt des Glaubens - verglichen mit dem Christentum oder dem Islam - macht den Buddhismus zu etwas anderem, zu etwas Besonderem.

Ich komponiere nicht des Glaubens wegen, sondern, um die Beziehungen des Menschen und der Natur, die eine gewisse Nähe mit der buddhistischen Welt haben, zu vertonen. Das möchte ich in meine Musik mit aufnehmen.

SN: Wie war das für Sie in der christlichen Kollegienkirche?

Hosokawa: Das ist eine wunderschöne Kirche. Wir haben da ja eine liturgische Musik des Buddhismus gehört mit den Mönchen, auch mit meiner Musik, aber für mich hat diese Stimmung in diesem Raum überhaupt nicht fremd gewirkt.

SN: Sie sind in Japan Festivalleiter, Lehrer etc. Wie ist das mit der Neuen Musik in Japan? Hat sie dort ein gewisses Gewicht wie hier in Europa, wo auch Ihre Werke gespielt wurden?

Hosokawa: Leider wird in Japan nicht, so wie in Europa, die Bedeutung und Wichtigkeit der zeitgenössischen Musik wahrgenommen. Es gibt zahlreiche Konzerte, aber die werden alle in einem eher kleinen Kreis und eher unter Kollegen veranstaltet und besucht. Leider hat die zeitgenössische Musik keinen Zugang zum großen Publikum, das sich mit der klassischen Musik befasst.

SN: Wie erklären Sie sich das, dass die Japaner die klassische europäische Musik so lieben?

Hosokawa: In Japan gibt es allgemein eine sehr große Sehnsucht nach Europa. Die europäische Musik ist etwas sehr Schönes für Japaner. Seit 150 Jahren haben die Japaner versucht, diese europäische Musik für sich zu gewinnen. Andererseits haben wir unsere eigene Tradition, doch unserer eigenen Geschichte gegenüber haben wir kein starkes Bewusstsein mehr - und das bedauere ich sehr. Es besteht eine große Sehnsucht gegenüber Europa und seiner Kultur, andererseits haben wir auch kein Interesse, was Südostasien oder Afrika - also die ökonomisch schwachen Länder - betrifft. Das bedauere ich ebenfalls sehr.

SN: Barockmusik war bei uns auch schon eher vernachlässigt, boomt aber heute wie nie zuvor. Sogar gregorianische Gesänge sind gefragt. Vielleicht gibt es in Japan einmal eine Bewegung für Shomyo?

Hosokawa: Leider gibt es in Japan keine so starke und große Strömung, wie es in Europa vergleichbar beim Barock der Fall ist. Zum Beispiel die Shomyo-Musik, die wir in Salzburg von den Mönchen erlebt haben: Nur die wenigsten Japaner empfinden diese Shomyo als schöne Musik oder finden darin eine musikalische Schönheit. Denn unsere Ohren haben sich so sehr der westlichen Musik angepasst, und wir hören mit Ohren, die nur die westliche Musik hören wollen. Für solche Ohren wirken die traditionelle japanische Musik oder die Shomyo-Musik wie etwas Fremdes. Weil es keine Harmonie hat und ungewohnt ist.

SN: Es sollte spannend sein für europäische Komponisten, Gagaku-Instrumente einzusetzen.

Hosokawa: Ich denke, es geht nicht darum, dass man Gagaku-Instrumente auf europäische Art und Weise einsetzt, sondern man muss erst verstehen, was die einzelnen Töne der Gagaku-Instrumente für einen Charakter haben. Dass die einzelnen Tönen wirklich leben, eine Bewegung haben. Und dass sie eine Linie bilden, wie mit einem Pinsel gemalt, so wie man es in der japanischen Kalligrafie kennt. Jeder Ton hat einen Eros und er ist nicht so temperiert wie in der europäischen Musik. Wenn man das versteht, dass ein Ton ein Leben für sich hat, und lernt, dass das eine andere Gestaltung des Tones ist, dann ist es sicherlich für einen westlichen Komponisten möglich, japanische Instrumente einzusetzen.

SN: Würden Sie unseren Komponisten hier empfehlen, nach Japan zu gehen?

Hosokawa: Ich denke, die europäischen westlichen Komponisten und Musiker können sicher in Japan etwas lernen, wenn sie sich für einen längeren Zeitraum dort aufhielten. Das wäre eine große Bereicherung für sie. Wir japanische oder asiatische Musiker und Komponisten haben es genauso gemacht, dass wir für einen längeren Zeitraum hier in Europa studierten. Da haben wir vieles gelernt. Und mit dieser Bereicherung sind wir dann zurück in die Heimat gegangen. Nur so kann man von anderen Kulturen etwas lernen.
Toshio Hosokawa in Salzburg
Minguet Quartett, Hosokawa, "Melodia" für Akkordeon, "Blossoming" für Streichquartett, weiters Werke von Debussy, Webern, Yun, Takemitsu. Kollegienkirche, heute, Samstag, 20.30 Uhr.
Klangforum Wien. Hosokawa, "Drawing" (2004), weiters Werke von Takemitsu, Yuin, Fujikura. Kollegienkirche, 11. 8., 20.30 Uhr.
Ensemble Wien-Berlin. Hosokawa, Uraufführung eines neuen Werkes. Weiters Werke von Nielsen, Ligeti, Birtwistle. Mozarteum, 18. 8., 19.30 Uhr.
The NHK Symphony Orchestra. Dirigent Charles Dutoit. Hosokawa, Uraufführung "Klage" für Sopran und Orchester auf Texte von Georg Trakl, Auftragswerk der Salzburger Festspiele. Felsenreitschule, 25. 8., 20.00 Uhr.


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