"Frisch gebügelt ist langweilig"
Von Hedwig Kainberger | 18.07.2012 - 10:03

Elke Wolter leitet die Abteilung Kostüm und Maske der Salzburger Festspiele. Bild: SN/Wolfgang Lienbacher
Die Vorbereitungen für die Salzburger Festspiele sind in der Endphase, einer der Brennpunkte ist die Abteilung Kostüm und Maske, die Elke Wolter leitet. "Für uns ist diese Spielzeit sehr anspruchsvoll", sagt sie im SN-Gespräch. Vor fünf Jahren waren von Anfang Juli bis Ende August etwa 220 Mitarbeiter mit Kostüm und Maske beschäftigt, heuer sind es fast 300. Davon sind etwa 120 Maskenbildner und 100 Garderobiers. Rund 90 Spezialisten arbeiten in den Werkstätten: als Schneider, Schuhmacher, Modisten, Weißnäher, Kunsthandwerker oder Kostümmaler. Dazu kommt im Sommer "ein Heer von Praktikanten und Hospitanten, ohne die nichts laufen würde."
SN: In Theaterwerkstätten arbeiten Schneider, Schuhmacher, Modisten. Was machen die anderes als normale Handwerker?
Wolter: Sie müssen vor allem über historisches Wissen verfügen. Auch ein Modedesigner braucht Know-how über Kostümgeschichte, aber er wandelt das ab, dass seine Modelle konfektioniert werden. Wir hingegen bleiben oft nahe an den Originalen, und wir haben nur Einzelanfertigungen. Zudem sind wir große Imitatoren. Bei uns schaut teurer Schmuck und geprägtes Leder oft nur so aus, als wären sie echt. Und wir lassen viele Kostüme altern, so als wären sie 20 oder 30 Jahre getragen. Das ist aufwendig. Man braucht viel Erfahrung, um neue Kleidungsstücke gebraucht, schmutzig und blutig aussehen zu lassen.
SN: Was verwenden Sie dazu? Rote-Rüben-Saft für Blut, Kaffee für Schmutz?
Wolter: Da gibt es die abenteuerlichsten Tricks. Jeder hat eigene Rezepte. Das Theaterblut gibt es in Flaschen zu kaufen und in vielen Nuancen, frisch, zäh, geronnen und für Schürfungen. Übrigens: Frisches Blut muss ja wie aus einer Quelle laufen oder heraussickern. Dafür bauen wir Drainagen und Pumpen, die im Kostüm versteckt sind.
SN: Wie lassen Sie Kleider alt aussehen?
Wolter: Waschen, bemalen, hämmern, spritzen, manchmal bearbeiten wir Stoffe mit Drahtbürsten und Schleifmaschinen. Jeder Kostümbildner hat eigene Methoden. Wir arbeiten auch viel mit Wasser und Farbe. Fast immer imitieren wir Bewegungsfalten. Nichts ist langweiliger als ein frisch gebügeltes Kostüm. Es ist immer schön, wenn Dinge eine Geschichte erzählen.
SN: Welche Berufe gibt es nur in Theaterwerkstätten?
Wolter: Weißnäher stellen Wäsche her, die unter Obergewändern getragen wird. Und die Maskenbildner machen Perücken, Glatzen, verformen Gesichter und Körper. Sie machen falsche Zähne, lange Ohren, eigenartige Nasen oder knorpelige Knie.
SN: Wie entstehen Kostüme?
Wolter: Ein guter Kostümbildner kommt mindestens ein Jahr vor der Premiere mit einem Konzept. Nach und nach kommen Detailzeichnungen, sogenannte Figurinen - für jede Chordame, jeden Statisten, jeden Solisten. Dann sprechen wir über Stoffe, Schnittformen, Epochen, Bühnenbild und schnelle Umzüge. Manchmal müssen ganze Chöre in zwei Minuten das Kostüm wechseln, das muss ich früh wissen.
SN: Wie beginnt das Nähen?
Wolter: Wir beginnen mit den großen Gruppen: Chor, Kinderchöre, Statisten. Wir machen da Prototypen und bekommen ein Gespür, wie der Kostümbildner arbeitet. Stoffe werden bestellt, zugeschnitten und genäht. Dann kommen die Anproben. Wenn erforderlich, wird jeder Chorist und Statist nach Maß angezogen. Da wir oft den Staatsopernchor haben, fahren wir mit jedem Gewand, jedem Schuh, jedem Socken zu Anproben nach Wien. Das ist günstiger, als wenn wir achtzig Personen nach Salzburg holen.
SN: Für welche Opern 2012 sind Sie nach Wien gefahren?
Wolter: "Carmen", "La Bohème" und "Die Zauberflöte".
SN: Da brauchen Sie ja einen Lastwagen!
Wolter: Zwei sind besser.
SN: Wer fährt alles mit?
Wolter: Damen- und Herrengewandmeister, Kostümbildnerin, Kostümassistenten, Produktionsleiterin, Leute aus den Werkstätten und ich. Jedes Kostüm muss aus- und eingepackt, gesteckt, nach der Anprobe aufgehängt und beschriftet werden. Dafür muss die Logistik ausgeklügelt sein.
SN: Wie lang dauert das pro Chor und Oper?
Wolter: Im günstigen Fall drei, oft fünf Tage. In manchen Inszenierungen hat der Chor nicht nur ein, sondern fünf Kostüme.
SN: Wie geht der Zeitplan weiter?
Wolter: Schön ist, wenn man im Februar, März mit allen Chören und Statisten durch ist. Dann kommen die Solisten. Ende Juni oder Anfang Juli sind deren Kostüme genäht, dann werden sie noch einmal genau angepasst. Wir haben seit Mitte Juni pro Tag acht bis zehn Solisten zur Anprobe.
SN: Wie erhalten Sie die Maße der Solisten?
Wolter: Oft dank Kooperation mit anderen Opernhäusern. Es ist ein großes Thema, letztgültige Maße von Solisten zu bekommen, da recherchieren wir weltweit.
SN: Wird bis zur letzten Minute vor der Premiere an den Kostümen gearbeitet?
Wolter: Ideal ist, wenn wir bis zur Orchesterhauptprobe mit Feinjustierungen fertig sind. Es gibt ja im Theater den Aberglauben, dass es kein Glück bringt, nach der Generalprobe etwas zu ändern.
SN: Welche Arbeit fällt ab den Premieren an?
Wolter: Ich widme mich der nächsten Produktion. Wir arbeiten ja jetzt schon für die Neuinszenierungen 2013. Ab den ersten Proben in Kostüm und Maske kümmern sich die Garderobiers darum, dass jeder Künstler die Kostüme in richtiger Reihenfolge an- und auszieht. Die Maskenbildner sorgen für Schminke, Frisur, Perücke oder Glatze. Beide kümmern sich intensiv und mit viel Zuwendung um die Künstler.
SN: Was passiert nach den Aufführungen?
Wolter: Die Kostüme werden in unseren Werkstätten gereinigt und gebügelt. Unsere zwei Waschmaschinen sind fast rund um die Uhr im Einsatz, eigentlich bräuchten wir fünf. Daher müssen wir die Hilfe externer Firmen in Anspruch nehmen. Unsere Schneider sind nach den Premieren vor allem mit Reparieren beschäftigt und Mitarbeiter im Fundus inventieren alle Produktionen bis ins kleinste Detail.
SN: Was ist das Schöne an Ihrem Beruf?
Wolter: Wir dürfen und müssen für jede Inszenierung viel Neues erfinden und entwickeln. Fast alles ist Neuland. Viele Kostümbildner, Bühnenbildner und Regisseure sind menschlich wie fachlich grandios. Begeisternd ist immer wieder die Kreativität der Mitarbeiter hier im Haus, wie sie sich auf die verrücktesten Aufgaben stürzen und sie mit unglaublicher Liebe zum Detail umsetzen. Das hat viel mit Wissen, Neugierde und Mut zu tun. Bevor Sie kamen, haben wir einen Rock aus "Labyrinth" anprobiert, der sieht aus wie angebrannt, das ist eine wunderbare, grandiose Arbeit.
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