Salzburg | Kultur 

Nach dem Gipfel geht’s weiter

Von Bernhard Flieher | 10.08.2012 - 15:04

Cornelia Rainer probt intensiv für die Salzburger Festspiele. Sie hat wenig Zeit. Ein bisschen Frischluft bei einer Bergtour geht sich dann aber doch aus, denn Bewegung ist ein Prinzip der 30-jährigen Regisseurin aus Osttirol.

Cornelia Rainer geht flott. Es sind eher Schritte einer Suchenden denn die einer Eiligen. Auch in dem kurzen heftigen Anstieg, mit dem der Weg auf den Kleinen Barmstein endet, bleibt das so. "Ich mag das, wenn ich Dingen nachgehe", sagt sie.

Mühelos geht sie im Steilen. Dass es hinten immer Abgründe gibt, steht außer Zweifel. Entscheidender, als daran zu denken, was zurückliegt, aber ist die Qualität des nächsten Schrittes, die Intensität der Bewegung. Im Hirn. Und mit den Füßen. Wie bei Jakob Michael Reinhold Lenz. Von dem dichtenden Stürmer und Dränger erzählt die 30-jährige Regisseurin in ihrem Theaterstück bei den Salzburger Festspielen. Froh ist sie, dass sie trotz der Proben "ein bisserl rauskommt".

Auf halber Strecke zum Gipfel des Barmstein scheint der markante Felsgupf über Hallein auseinanderzureißen. Einer Legende nach soll der Teufel aus irgendeiner Wut in den Berg gefahren sein. Der höllische Spalt entlang einer kahlen Wand öffnet den Blick ins Salzachtal. Der Wind pfeift durch den Spalt. Ein paar Hundert Meter geht es nach unten. "Das hätte Lenz gefallen. Der will ja immer nach unten", sagt Rainer. Nach unten? "Ja, er möchte ja auch gern auf dem Kopf gehen."

Lenz durchstreifte halb Europa. In der Salzburger Gegend war er nie. Aber: "Den 20. ging Lenz durchs Gebirg." So beginnt Georg Büchner seine Erzählung "Lenz". Es geht um 21 Tage, die Lenz im Winter 1778 im Dorf Waldersbach im Steintal in den französischen Vogesen verbrachte. Ein unermüdlicher Schreiber, zu Lebzeiten ohne Beachtung, war dieser Lenz. Geboren 1751 in Lettland, erfroren in einer Mainacht 1792 in Moskau. Dazwischen unterwegs als Unangepasster mit zarter, leicht zerrüttbarer Natur. Rainer mag diesen Dauerwanderer Lenz. Sie mag die Bewegung. Sie läuft - manchmal auch einen Halbmarathon. "Die Bewegung bringt das Verlassen und Zurücklassen", sagt sie. Und das bringt neue Blicke.

Nahe seien ihr "die dörfliche Welt und ihre Einschränkungen", mit denen der Freigeist Lenz in Waldersbach konfrontiert ist. Beim evangelischen Pfarrer Johann Friedrich Oberlin kam der unter Schizophrenie leidende Lenz unter.

Rainer wuchs in Lienz auf. Eine Stadt wohl, gut 10.000 Einwohner, aber weit vom Schuss. Ihre Eltern stammen aus dem Dorf Innervillgraten. "Bis 14, 15 war ich jeden Sommer auf der Alm. Ich kannte nichts anderes, kein Meer oder so." Viel musiziert wurde. Sie spielt Oboe und Klavier "und ein paar andere Sachen". Und sie singt. "Das ist wichtig - immer", sagt sie. Und mit den teils zehn Jahre älteren Geschwistern, mit denen sie bisweilen in der Musicbanda Franui auftaucht, kam sie auch ins Theater - etwa zu Inszenierungen von Martin Kusej. Aber von Theater als Beruf war keine Rede daheim. "Ein Glück war es, dass da niemand war, der das Gespür und das Gefühl unterbunden hat, dass es was anderes gibt, als das, was bei uns im Tal ist."

Lenz zog quer durch Europa. "Er wollte tätig sein, einen Weg finden", sagt Rainer. Stillstand hätte er wohl als Provokation empfunden. Nach der Schule begann sie in Wien zu studieren, Theaterwissenschaft und Gesang. 2003 nahm sie eine Stelle als Regieassistentin in Paris an. "Auch für mich war es sehr wichtig hinauszugehen." Und sie kommt gern nach Hause - und geht auch gern wieder. "Es ist ein Kommen und Gehen, ein Weitersuchen und Die-Augen-offen-Halten. Stehen bleiben ist gefährlich. Der Stillstand macht mir Angst", sagt sie auf dem Barmstein-Gipfel, schaut sich um, will wissen, "was da unten ist, was man alles sieht".

Ein Gipfel ist auch nur Durchgangsstation, kein Endpunkt, kein Ziel, das eine definitive Antwort parat hat. "Eine Faszination am Gehen ist für mich, dass man am Ende ja doch nirgends hinkommt, dass man in gewissem Sinn doch immer kreist", sagt sie, denn: "Man kommt ja niemals richtig fort, weil man sich selbst immer dabeihat." Allerdings erfahre dieses Selbst durch den Weg etwas über sich - man müsse nur offen sein. Suche. Immer. Auch im Steintal, wo sie sich auf Lenzens Spur begab.

Sie stöberte in Museen, notierte aus historischen Schriften, häufte Material. "Dokumentarischen Zugriff" nennt sie das. Als Kind sammelte sie Sätze. Einfach so. "Ich habe damit wohl den Alltag gefiltert." Im Rückblick erscheint ihr das wie eine Vorwegnahme ihrer Arbeitsweise. "Ich mag es, aus alltäglichem Geschehen, aus einfachen Handlungen theatrale Formen zu entwickeln, eine Partitur zu entwickeln, in der jede Bewegung ihren Sinn hat", sagt sie. Im Sätzesammeln sei wohl schon etwas gesteckt von der Leidenschaft "aus Gewöhnlichem Ungewöhnliches zu machen".

"Heimfindevermögen" hatte am Burgtheater 2007 ihre erste eigene Arbeit geheißen. Dafür recherchierte sie unter Taubenzüchtern. "Heimkehr, Abschied, das Zurücklassen" spukte durch den Kopf. Sie war damals nach drei Jahren in Paris nach Wien zurückgekehrt - ins Burgtheater als Regieassistentin.

Zuvor pendelte sie einige Zeit auch zwischen Paris und Hamburg, wo sie am Thalia Theater arbeiten konnte. Eine Freundin meinte damals, sie fahre doch nur hin und her, um als Assistentin in Hamburg Kaffee zu kochen. Und viel mehr war’s auch nicht. Sie lächelt, als sie von diesem Irrsinn erzählt. Aber es war ein Schritt, wie zuvor die kleinen Schritte in der Wiener Off-Theater-Szene oder später die Assistenzen bei Andrea Breth, Stefan Bachmann oder Karin Beier. Schauen. Beobachten. Und es auf jeden Schritt, jede Begegnung ankommen lassen.

Als sie auf Barmstein-Tour bei einer Rast zufällig mit einem Theologen ins Gespräch kommt, wird schnell klar, dass dessen feine Differenzierung der Begriffe "Schuld" und "Sünde" ganz tief mit ihrer Idee der Umsetzung des Lenz’schen Daseins zu tun hätte. Neugierig saugt sie auf. Aber es ist zu spät, zu weit sind die Proben schon gediehen.

Und damit das mit dem Lenz auf der Bühne was werden kann, "müssen wir jetzt schauen, dass wir weiterkommen".

Weitergehen. Weiterkommen. Eilig zurück ins Tal. Nach unten - aber nicht wie Lenz in den Irrsinn, sondern sicheren, festen Schrittes. Rainer muss zur Probe und "noch so viel rausschmeißen" von dem, was sie sammelte. Bleibt ja immer nur ein Bruchteil, den man zeigen kann. Und der andere Teil? "Der hilft mir, etwas Neues zu begreifen, etwas zu erfahren, dem ich ohne dieser Arbeit, ohne Bewegung um das Thema nie begegnet wäre." Froh sei sie, dass sie’s tatsächlich geschafft habe, ein bisserl rauszukommen bei all der Arbeit und der Aufregung. Ganz raus kommt man ja nie, aber: "Man soll niemals so zurückkommen, wie man weggegangen ist."

 
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