Jazzfestival Saalfelden: Offene Türen für Stilvielfalt
Von Clemens Panagl | 27.08.2012 - 18:36
Eben noch beim Frequency-Festival und schon wieder zurück auf der heimeligen Jazzbühne: Wie durchlässig die Musikwelt in der Praxis längst ist, lässt sich auch am Tourplan manches Saalfelden-Gastes ablesen.
Vor zehn Tagen erst war der superbe US-Gitarrist Nels Cline auf der großen Rockwiese in St. Pölten zu hören, wie er mit der US-Band Wilco experimentierfreudigen Rock mit einer Affinität für alternative Country-Klänge zelebrierte. Am Samstag standen die Vorzeichen umgekehrt: Mit US-Geigerin Jenny Scheinman spielte Nels Cline alternativen Jazz mit Vorliebe für Country- und Rockexperiment. Beim Frequency reichte der Roadie nach gängigen Rockritualen für jeden Song eine neue Gitarre. In Saalfelden lauschte dafür das weitaus konzentriertere Publikum.
Da wie dort bietet die originelle Gitarrenarbeit des Musikers, der seine Soli und Akkorde zwischendurch gern mit einem Effektgerät zerhäckselt, eine starke Basis - auch wenn Jenny Scheinmans Musikkonzept am Samstag in Saalfelden immer wieder zu vordergründig folkverliebt wirkte.
Die Türen zwischen Jazzimprovisation und Rocksongs hatte sich auch schon zur Eröffnung des 33. Jazzfestivals Saalfelden der Gitarrist Martin Philadelphy offen gehalten. Bei ihm überzeugten manche wuchtigen Klanggebäude, nicht immer jedoch gelang es, den Unterschied zwischen Durchlässigkeit und Austauschbarkeit hörbar zu machen.
Im Jazz wie in vielen anderen Kunstformen ist die Befreiung aus stilistischen oder historischen Zwängen längst kein Thema mehr. Eher stellt sich die Frage, wie aus der Vielzahl möglicher und individuell verfügbarer Konzepte und Ansätze verbindliche Aussagen getroffen werden können. Interessant zu beobachten war an den beiden ersten dichten, in Summe durchwegs überzeugenden Festivaltagen eine Hinwendung zu klassischen Besetzungen wie dem Quintett oder Quartett mit zwei Bläsern. Henri Texier, seines Zeichens französische Jazzlegende, ließ seine voluminösen Bassläufe am Freitagabend von Saxofon und Klarinette (François Corneloup sowie Sohn Sebastien Texier) umspielen. Und US-Gitarristin Mary Halvorson lieferte mit ihrem Quintett (ebenfalls mit zwei exzellenten Bläsern) tags darauf einen der überzeugendsten Festivalbeiträge: durchdacht, frisch und originell zugleich. Nicht überall entstand aus der Vielfalt der erkennbaren Einflüsse so eine überzeugende Gestalt. Der junge Pianist Giovanni Guidi etwa war mit seinem Quintett (und noch einmal zwei Bläsern), auf zu vielen Spielfeldern zwischen poppiger Ballade und freiem Spiel zu Hause.
Experimentierfreude hat indes nichts mit dem Alter zu tun: Die größte Spannung galt daher am Samstagabend der mit Legenden besetzten Experimental Band von Muhal Richard Abrams. Der 81-Jährige hat sein 1960 gegründetes Ensemble mit Musikern neu zusammengestellt, die allein einen guten Teil der Geschichte des zeitgenössischen Jazz (und des Jazzfestivals Saalfelden) abdecken: Henry Threadgill, Roscoe Mitchell, Wadada Leo Smith oder Amina Claudine Myers saßen in den Reihen. Musikalisch verweigerte Abrams aber die große Mannschaftsgeste: Auf seine Zeichen formten einzelne Musiker in verschiedenen Kombinationen kleine Klangzellen. Statt kollektiver Improvisation wurde der Individualismus gefeiert. Der Spannungsbogen hielt allerdings nicht über die einstündige Suite hinweg. Wer danach beim Trio des finnischen Gitarristen Kalle Kalima auf Durchlässigkeit zwischen E-Gitarre und großer Oper tippte, lag elegant daneben: Zwar hat er einer Suite den Namen "Vie de bohème" gegeben, doch geht es nicht um Puccini, sondern um Musik zu einem Film von Aki Kaurismäki. "Saturday Night in St. Petersburg" hieß einer der Teile. Die Samstagnacht in Saalfelden klang danach mit Aki Takases "New Blues Project" energetisch aus.
Mitteilungen





