Gehetzter Kopierautomat oder langsames Original?
Von Gertraud Leimüller | Aktualisiert vor 118 Tagen
Da kann man noch so laut nach Entschleunigung rufen, der Mensch liebt offenbar das Gegenteil: An den Börsen wird Wertpapierhandel in Millisekunden abgewickelt. Wer ein
E-Mail erst am nächsten Tag beantwortet, muss sich bereits für seine Langsamkeit entschuldigen. Und der Produktionsbetrieb, der Kunden mehrere Tage auf die bestellte Ware warten lässt, kann überhaupt gleich einpacken.
Beschleunigung - als das Radfahren erfunden wurde, glaubte man, dass die hohe Geschwindigkeit das Gesicht verformen würde. Als die Eisenbahn kam, dass man davon krank würde. Heute weiß man, dass der Mensch verdammt viel aushält, aber das größte Übel jenes ist, dass er einfach nicht genug kriegen kann: Immer mehr Aktivitäten in die vorhandene, begrenzte Zeit zu pressen, das ist die Sucht, die um sich greift. Man meint, alle Optionen nützen zu müssen, die sich auftun. Mithalten zu müssen mit der Konkurrenz und nur ja nichts versäumen zu dürfen.
Die Angst, hinten zu bleiben, beginnt schon im Kindergartenalter und prägt das Erwerbsleben der Erwachsenen. Ob kleiner Gewerbebetrieb oder großer Konzern, überall geht es heute gehetzter zu als früher.
Das Dilemma allerdings ist, dass sich die permanente Gehetztheit nicht mit einer Eigenschaft verträgt, die inzwischen überlebensnotwendig ist: Originalität. Man kann sie auch Innovationskraft nennen. Oder Differenzierung.
Wer immer gehetzt ist und permanent fünf Bälle gleichzeitig in der Luft halten muss, der wird nur schwer einzigartige Eigenschaften oder Produkte entwickeln und sich auf diese Weise von der Konkurrenz abheben können. Er wird vielmehr kopieren, was die anderen tun, oder das wiederholen, was er in der Vergangenheit bereits getan hat.
Das ist das natürliche Verhalten unter Zeitdruck, das dazu führt, dass am Ende alle das Gleiche tun. Und das führt - vor allem jetzt, in einem schwierigen wirtschaftlichen Umfeld - in den Ruin.
Wer sich von anderen abheben will, braucht Muße und Konzentration. Um eine Strategie zu schmieden. Stärken zu entdecken oder zu entwickeln. Ideen hochzupäppeln. Und klare Entscheidungen zu treffen.
Das lässt sich nicht nebenbei erledigen. Deshalb bringt es auch nichts, wieder einmal einen Kurs in Zeitmanagement zu buchen, der dann lediglich dazu führt, dass noch mehr in die vorhandene Zeit gepackt wird.
Es ist ein Appell, nachzudenken. Und dem Tempokult zumindest für kurze Zeit zu entsagen.
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