Protestsongcontest: Konsum und Ratings
Von Sn, Apa | Aktualisiert vor 104 Tagen

Dirk Stermann moderiert auch heuer wieder den Protestsongcontest im Wiener Rabenhof. Bild: SN/APA/HERBERT PFARRHOFER
Urgestein Dirk Stermann - seit dem ersten Protestsongcontest dabei - moderiert. Und auch unter den Teilnehmern gibt es Wiederholungstäter. Musikalisch bunt wird heuer vor allem gegen die Wirtschaftskrise, ihre Auswüchse und den dennoch ungebremsten Konsumwahn protestiert.
Die besten zehn wurden schon am 27. Jänner in einer Vorausscheidung aus 25 Teilnehmern ausgewählt. Jetzt dürfen sie sich vor Publikum beweisen. Fast schon Fixstarter sind Rotzpipn & Das Simmeringer Faustwatschenorchester. Bereits 2010 und 2011 dabei, protestieren sie heuer mit einer adaptierten Version der Bundeshymne "Hymne 2.0" - statt Land der Berge heißt es dann "Land der Ämter und Beamten, Land der Stadlmusikanten". Österreichkritik hagelt es auch von wos i sig. Mit "Erwin" hat sich die Band aus Amstetten allerdings ein konkreteres politisches Feindbild ausgesucht. Gegen österreichisches "Kastldenken" und dörfliche Scheinidylle singen hirschl mit "Wernhartsgrub" an. Die Wiener sind ebenfalls schon das zweite Jahr in Folge dabei.
Die Weltwirtschaftskrise macht auch vor dem Protestsongcontest keinen Halt. Wait For The B-Side, It's Better denken über "Wie hat die Börse reagiert?" nach: "Und gibt's einmal ein Erdbeben läuft der Spekulant zu Höchstform auf/ und jeder neue Tote ist ein Punkt im Kursverlauf." Das Frauenensemble Comedian Feminists macht das Phänomen des "Cross Border Leasen" zum Thema. Den Abschluss der kapitalismuskritischen Fraktion bilden die Niederösterreicher Gregor Fröhlich und die Krisenstimmung. Aus Nirvanas Klassiker "Rape me" wird eine Liebeserklärung an die Ratingagenturen: "Rate me". Beim Protestsongcontest sind sowohl Coverversionen als auch Originale erlaubt, nur der Text muss eine Eigenkreation sein.
Aber auch die schlimmste Weltwirtschaftskrise kann den Konsumwahnsinn nicht bremsen. Die Meinung vertreten Johanna Zeul aus Deutschland mit "Ich will was Neues" und there is something to be learned mit "Alles, alles": "Produkte gibt's für jedes Bedürfnis, Konfliktmanagement löst jedes Zerwürfnis." Die politische Hip-Hop-Formation ist zum zweiten Mal beim Protestsongcontest. Wirklich glücklich macht aber auch Geld nicht, wie wir von Witwer aus Wien mit "man findet immer was, das stört" lernen.
Hip-Hop bringt auch die Rapperin Yasmo & Miss Lead (ihr Alter-Ego wenn es um englische Textpassagen geht) mit "Fuck the academy" in den Songcontest. Sie übt schon im Song für einen etwaigen Preisregen: "First of all, I want to thank myself." Wer gewinnt, bestimmt auch dieses Jahr eine Jury aus Musikern, Journalisten und anderen Protestkundigen. Liedermacher Ernst Molden, FM4-Altmeister Martin Blumenau, Ex-Kulturgewerkschafter Peter Paul Skrepek und Journalistin Doris Knecht dürften sich aus den letzten Jahren in der Jury bereits gut kennen. Auch die Stadtzeitung "Falter" ist wie im Vorjahr vertreten: Redakteurin Nina Horacek ersetzt Ingrid Brodnig. Neu in der Runde ist Christina Nemec. Die Musikerin Nemec, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen chra, betreibt auch ein eigenes Label.
Der erste Protestsongcontest fand 2004 statt. FM4 und das Rabenhof Theater suchten damals anlässlich des 70. Jahrestags der Februarunruhen 1934 die wildesten und emphatischsten Protest-Sänger. Von den ersten Gewinnern Georg Freizeit und den Rosaroten hört man heute nichts mehr. Aber auch bekannte Namen der jungen österreichischen Musikszene wie Christoph und Lollo, Hörspielcrew, Mieze Medusa oder Der Nino aus Wien haben in den letzten Jahren ihr Protestpotenzial unter Beweis gestellt. Bis auf Mieze Medusa allerdings nicht siegreich. Letztes Jahr konnten die Gebrüder Marx mit dem Wienerlied "Hättma, kenntma" Jury und Publikum von sich überzeugen.
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