Kurt Palm: Im Innenohr tobt der Alltag
Von Bernhard Flieher | Aktualisiert vor 104 Tagen

„Das Buch schneidet heikle Themen an“, sagt Kurt Palm über sein neuestes Werk. Bild: SN
Das Unheimliche lauert unter der Bettdecke. Der verschrumpelte Penis. Erinnerungen an Unerledigtes. Die Ängste vor dem Versagen. Und erst recht wohnt unter der Decke die Ungewissheit, woher dieser Ton kommt, dieser hirnzersetzende, zerstörerische Dauerton im linken Ohr. Martin Koller hat sich in seinem Krankenhausbett unter die Decke verzogen, windet sich, leidet, will sich nur noch verstecken. Diagnose: Hörsturz! Auslöser: unbekannt. Stress? Burn-out? Unbewältigte Familienvergangenheit? Sexuelle Affären? Genervt von der Ehefrau, die sich nichts mehr wünscht als ein Kind, das er nicht will? Ein ehrgeiziger Kollege, der seinen Job übernehmen will? Alles. Und von allem zu viel. Zu viele offene Fragen. Aber im Grund ein schier normaler Alltag der Gegenwart. Gehetzt und getrieben. Ohne Zeit. Ohne Pause. Nur Funktionieren. "You can run, but you can’t hide", wird ein legendäres Zitat des Boxers Joe Louis abgewandelt. Wie auch immer: Der Journalist sitzt "in der Falle seiner Paranoia".
Der gebürtige Oberösterreicher Kurt Palm lässt Koller, den Protagonisten seines neuen Romans "Die Besucher", seitenweise leiden (und die Leser warten). Aus den Gedanken wird eine Hölle. Und Palm dreht - angereichert mit medizinischer Genauigkeit - die Schrauben im Hirn immer lockerer. Bis es nur mehr rauscht. Das passiert in scheinbar harmlosen, einfach erzählenden Sätzen. Mit der Zeit aber entwickeln diese Sätze einen Sog ins Fürchterliche.
Mit dem Roman "Bad Fucking" gelang dem 56-jährigen Palm vor zwei Jahren ein Überraschungserfolg. Rund 70.000 Exemplare wurden bisher verkauft. Schlag auf Schlag ging es in der Provinzpolitgroteske. So hätte Palm weitermachen können mit großer Aussicht auf Erfolg. Bad Fucking ist - bis auf den Scherz, dass Kollers Schwester in Bad Fucking kuren würde - vergessen.
Palm nimmt volles Risiko. Er ist kein Wiederholer. Er sucht das Experiment, wagt sich mit den Mitteln der Literatur an gesellschaftliche Themen, die gern tabuisiert werden. Da wäre eine Satire das falsche Genre. Das Mysteryfach, die Gruselstory, hingegen ist eine perfekte Wahl.
Und so konsequent wie Palm zwischen Schriftstellerei, Filmemachen und Theaterarbeit in seinen Interessen vielseitig bleibt, treibt er in "Die Besucher" seinen Protagonisten in den Wahnsinn. Das Surren im Schädel steigert sich von Satz zu Satz. Ganz unaufgeregt kommt das daher, aber eben doch ganz unausweichlich.
Und schließlich, als Koller in seinem Elternhaus die Mutter in den Tod begleitet, tauchen aus allen Richtungen Geister auf. Mysteriöse Ereignisse verdichten sich, bis man schier Mitleid bekommt mit dem Hauptdarsteller (oder ist er nur Spielball höherer Mächte?).
Palm lässt auf dem Weg ins Ungewisse Erzählstränge ins Leere laufen. Es gibt keine Klärung. Es gibt nur noch Verstörung. "Du hast nur einen Albtraum", sagt Kollers Ehefrau Paula an einer Stelle. Vielleicht! Vielleicht aber auch nicht! Wie Palm diese Vielleichts verschwimmen lässt, steht in einer Mysterytradition, die an die psychologische Feinheit von David Lynch erinnert. Bei dem kommt auch alles recht logisch, ja normal und alltäglich daher. Und schließlich wirbelt sich dann aus der Normalität doch eine Spirale hinein in ein unfassbares Grau(s)en. Und am Ende wünscht man, dass die Bettdecke dicht ist, dass sie schützt. Man wünscht sich Stille. Vergeblich.
Lesung: Kurt Palm präsentiert den Roman gemeinsam mit Musiker Christoph Köpf derzeit auf Lesereise. Am Donnerstag (9.2.) gastieren die beiden in Salzburg (Literaturhaus, 20 Uhr).
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