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Facebook als Klagemauer für Künstler

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Wer bekümmert ist, braucht Freunde. Oder zumindest eine Klagemauer. Eine Facebook-Seite für böse Erlebnisse von Künstlern bekam nun prominente Unterstützung.

Facebook als Klagemauer für Künstler

Elisabeth Kulman ist berühmt. Die Sängerin kämpft gegen Ungerechtigkeit, die es auch in der Oberliga gibt. Bild: SN/julia wesely



Seit 19. Februar gibt es auf Facebook die Seite "Die traurigsten & unverschämtesten Künstler-Gagen & Auditionserlebnisse", 3556 "Likes" waren es am Mittwoch. Das Interesse ist also enorm, die Nöte abseits des hellen Bühnenlichtes sind es aber auch, wenn man die Beiträge studiert.

Tänzer, Schauspieler, Sänger leiden unter demütigenden Zuständen, Minigagen oder Knebelverträgen, sofern sie nicht nur Ausgaben haben statt Einnahmen. Dass auf dieser Beschwerdeseite der Name Elisabeth Kulman auftaucht, überrascht. Was sie offenbart, ist mutig. Der Unterzeichner ihres Festspielvertrages, Intendant Alexander Pereira, sieht die Sache naturgemäß anders.

Es gibt Schwächere als eine Festspielkünstlerin. Johannes Maria Schatz als Administrator der Facebook-Seite "möchte möglichst viele Menschen auf die schlechten Gagen und prekären Lebensbedingungen von Künstlern aufmerksam machen", die sich zumeist nicht wehren können. "Uns erreichen immer mehr Nachrichten von Künstlern, die aber gerne anonym bleiben wollen, weil sie für künftige Auditions Nachteile befürchten."

Jetzt haben die meist jungen Menschen, die statt der erhofften Karriere eine Enttäuschung nach der anderen hinnehmen müssen, die nach einer Ausbildung, nach Studium und zahllosen Stunden des Übens eher draufzahlen müssen statt Geld zu verdienen, eine prominente Mitstreiterin.

Elisabeth Kulman, eine der großen Mezzosopranistinnen unserer Zeit, wurde bei den Salzburger Festspielen als "Orfeo" gefeiert, in der Mozartwoche gelang ihr mit Wagners "Wesendonck-Liedern" ein Triumph der Sonderklasse. Und im kommenden Sommer ist sie als Mrs. Quickly in Verdis "Falstaff" engagiert. Von Alexander Pereira. Der neue Herr über das Nobelfestival und damit auch über die Verträge.

Elisabeth Kulman spricht ganz offen darüber, was sie von ihrem Vertrag mit den Salzburger Festspielen hält. Mit der Künstlerin aus der Oberliga erhielt die Facebook-Seite eine neue Dimension. Das schlägt international Wellen bis hin in die USA. Bisher beklagten sich hier vorwiegend Nachwuchskünstler über Missbrauch, beinharte Behandlung, Demütigungen, "Verarschung" - etwa darüber, dass eine Band nach ihrem Auftritt statt einer Gage mit dem Hinweis "War eh Werbung für euch" abgefertigt wurde. Im Theaterbereich oder bei TV-Produzenten geht es oft brutal zur Sache. Zahlreich sind die Klagen von Musical-Darstellern, die auf Ausschreibungen hin zu weit entfernten Auditions fuhren, wo dann etwa ein ahnungsloser Korrepetitor nicht begleiten konnte und von einem Regisseur gar nichts zu sehen war. Absagen, null Ersatz für die Ausgaben. Immer wieder. Es handelt sich zumeist um gut ausgebildete Künstler, denn solche werden von den jeweiligen Intendanten und Chefetagen auch erwartet.

Dazu ein anschauliches Beispiel aus Wien. Wörtlich: Für die Produktion "Ein Sommernachtstraum" im Theaterbrett werden männliche Darsteller für folgende Rollen gesucht: Lysander (Spielalter 20-30) Theseus (35-45), Egeus (40-50), Zettel (Spielalter 30-45). Voraussetzung: Bitte Schauspieler mit Ausbildung oder entsprechender Spielerfahrung. Vorzubereiten zum Vorsprechen ist ein Monolog der gewünschten Rolle. Und die Gage? Pauschale: 150 Euro (inbegriffen: Proben, Aufführungen). 150 Euro! Das nennt man cool, oder wie sonst?

Elisabeth Kulman kennt kein Duckmäusertum. Ihre Offenheit stößt im Forum auf Begeisterung - und Bedenken. So erläutert sie etwa: "Die Salzburger Festspiele zahlen seit Alexander Pereira keine Probenpauschale mehr, sondern nur die Abendvorstellungen. Die Öffentliche Generalprobe (mit teuer verkauften Karten) gilt übrigens nicht als ,Vorstellung’, sondern als ,Probe’ und wird somit nicht vergütet. Hotelkosten werden keine übernommen, es gibt eine kleine Reisekostenpauschale. Wenn ich also nach den 6 Wochen Proben krank bin und keine einzige Vorstellung singen kann, gibt es nicht nur keine Gage, sondern ein dickes Minus zu verbuchen. Aber wer will nicht bei den Salzburger Festspielen dabei sein ,dürfen’? So akzeptiert man halt diesen Vertrag." Das Leben einer Sängerin ist riskant.

Die SN erreichten Festspielintendant Alexander Pereira in London. Kein Geld für Proben? "Das ist international so üblich, ich mache das seit 15 Jahren", erklärt Pereira. Er habe das in Salzburg abgeschafft und "zahle lieber für Vorstellungen mehr." Und der von Kulman angesprochene Ausfall? "Wer krank wird, kriegt nix", sagt Pereira. "In einzelnen Härtefällen kann man über eine kleine Pauschale reden." Die unbezahlte Generalprobe? "Das ist immer für einen guten Zweck. Jeder Einzelne wird gefragt, ob er mitmacht. Und ich kenne keinen Sänger, der bei der Generalprobe vor einem leeren Saal singen will." Wozu sich also aufregen, passt eh alles?

Dieser Artikel ist aus der gedruckten Ausgabe der "Salzburger Nachrichten".
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