Österreich | Kultur 

Der Nussknacker an der Wiener Staatsoper begeistert

Von Ernst P. Strobl | 08.10.2012 - 18:03

Die neue Ballettproduktion des Nussknackers an der Wiener Staatsoper ist großer, klassischer Spitzentanz mit einem fabelhaften Ensemble.

Der Nussknacker an der Wiener Staatsoper begeistert

Albträume: Clara (Liudmila Konovalova) verteidigt ihr Weihnachtsgeschenk vor den Fledermäusen. Bild: SN/Staatsoper/Pöhn



Wer den Winter nicht abwarten kann, bekommt jetzt schon in der Staatsoper seine tanzenden Schneeflocken - und eine Weihnachtsgeschichte für die ganze Familie. Was ist nicht schon alles herumgebastelt worden an Peter Iljitsch Tschaikowskys Ballett "Der Nussknacker", vom zaristischen Museumsstück bis hin zu freudianisch angestrichenen Psychogeschichtchen.

Auch an der Staatsoper versuchten sich die Vorgänger von Manuel Legris, dem neuen Ballettdirektor, jeweils an eigenen Fassungen. Einer, der die Geschichte "Der Nussknacker und der Mäusekönig" von E.T.A. Hoffmann in der märchenhaften Aura beließ und dennoch stringent ohne psychoanalytische Mätzchen erzählte, war Rudolf Nurejew. Zeitlebens hat den Jahrhunderttänzer und Choreografen "Der Nussknacker" begleitet, er tanzte selbst die Traumrolle Drosselmeyer/Prinz und feilte an seiner 1967 in Stockholm herausgebrachten Choreografie bis zur Perfektion. Manuel Legris setzt nun seinem Entdecker und Mentor ein Denkmal, die "Nussknacker"-Premiere am Sonntag stieß auf einhellige Begeisterung, was nicht verwunderte.

Legris hatte seine Erbpflege im Vorjahr begonnen mit "Don Quixote". Wie kaum jemand sonst hat er sich die Choreografien Nurejews einverleibt und vor allem kann er auf ein austrainiertes Ensemble bauen. Das nunmehrige "Wiener Staatsballett" befindet sich auf Höhenflug, was zu vermehrtem Zuspruch bei den Ballettabenden führte, mittlerweile haben sich auch schon Publikumslieblinge herauskristallisiert.

Rudolf Nurejews Erbschaft

Zwei Virtuosen des Pas de deux hat Legris auch die Premiere anvertraut, der Moskauerin Liudmila Konovalova und dem Petersburger Vladimir Shishov. Nurejew hat nicht nur sehr geschickt verflochtene Massenszenen und organische Bewegungen im Corps de ballet erarbeitet, sondern sich selbst mit der Prinzenrolle athletische Tanzszenen vergönnt, welche nun Shishov athletisch beherrscht.

Liudmila Konovalova ist die anmutige Clara, die zum pompösen Weihnachtsfest vom Paten Drosselmeyer mit einem Nussknacker beschenkt wird, der in ihren Träumen wie andere Puppen auch ein Eigenleben entwickelt, den sie vor Angriffen eines Rattenheeres und flatternder Fledermäuse beschützen muss, und der ihr als strahlender Prinz in ihren Visionen beisteht. Tschaikowsky hat mit seinen weltberühmten Melodien die Basis gelegt für traumhafte Soli und Ensembleauftritte, Legris setzt seine Leute in plastischen Charakterrollen bestens ein.

Die Bühnenausstattung mit Villenarchitektur und Park ist eher zweckmäßig, aber die opulenten Kostüme von Nicholas Georgiadis sind ein Augenschmaus. Dazu zählt auch das groß besetzte, bezaubernde Kinderballett, das von Nathalie Aubin vorbereitet wurde, aber auch die anfangs putzigen Ratten und bizarren Fledermäuse neben den prächtigen Röckchen der Schneeflocken oder den "exotischen" Figuren, die in den folkloristisch grundierten Tänzen des Divertissements von Arabien bis China auftauchen.

Paul Connelly dirigierte mit Zurückhaltung das Staatsopernorchester, das zunehmend in Form kam und besonders im Finale des ersten Aktes und in den Tänzen immense Farbenpracht entwickelte. Jubel belohnte die harte Arbeit.

 
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