| Standpunkt

Der institutionalisierte Missbrauch

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Was Kindern in Österreich in den 60er Jahren angetan wurde, wurzelte in alten menschenverachtenden Ideologien.



Wer in den 60er Jahren in einem österreichischen Heim oder Internat war und nicht geprügelt, missbraucht und misshandelt wurde, der hat offenbar großes Glück gehabt. Mit einer Zeitverzögerung von mehr als vier Jahrzehnten kommen Ereignisse von furchtbarem Grauen ans Tageslicht. Wir erfahren von medizinischen Experimenten an Kindern, von willkürlichem Einsatz von Medikamenten, von Prügeln und sexueller Gewalt.

Die Täter genossen private, staatliche oder kirchliche Rückendeckung, sie konnten sich auf ein Netzwerk von Gleichgesinnten verlassen und waren deshalb weitgehend immun gegen Verfolgung.

Nur zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs trieb eine seltsame Mischung aus "Autoritätspersonen" in diesem Land ihr Unwesen. Ein Teil der Erzieher, Ärzte, Polizisten, Staatsanwälte, Richter des Landes rekrutierten sich aus einem Personalreservoir, in dem sich neben extrem konservativen und autoritären Katholiken auch Nazis herumtrieben. Diesen Menschen war es gelungen, ihren Lebenslauf zu schönen und bei verschiedenen politischen Parteien Unterschlupf zu finden. Da hat sich die SPÖ genauso über neue Mitglieder gefreut wie andere Parteien. Diese Leute betrachteten Heimkinder als Spielmaterial, als Versuchsobjekte und manchmal als Objekte ihrer Lust.

Diese Haltung gründete in der Überzeugung, Kinder seien nicht vollwertige Menschen, sondern Sachen, verfügbares Eigentum, Objekte, die zu gehorchen hatten, mit denen man medizinische Versuchsreihen anstellen konnte, deren Gefühlswelt man kontrollieren durfte. Dies galt ganz besonders für jene Unglücklichen, die - aus welchen Gründen auch immer - in fremde Obhut gegeben worden waren.

Erst der gesellschaftliche Wandel in den späten 60er Jahren hat mit dieser menschenverachtenden Ideologie Schluss gemacht. Mit dem Muff unter den Talaren an den Universitäten hat man damals auch dieser Perversion im Umgang mit Kindern den Garaus gemacht - zum Glück für die folgenden Generationen.

 
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