Standpunkt

Franziskus nimmt die katholische Vielfalt ernst

Das Ergebnis der Bischofssynode über Ehe und Familie lässt Papst Franziskus freie Hand. Er wird nicht zögern.

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In den nur zweieinhalb Jahren seit der Wahl von Jorge Mario Bergoglio zum Papst haben sich die Vorzeichen in der römisch-katholischen Kirche um 180 Grad gewendet. Unter Johannes Paul II. und Benedikt XVI. konnten die konservativen Kreise stets sicher sein, dass es der Papst am Ende in ihrem Sinne richten werde. Unter Papst Franziskus sind es nun die fortschrittlichen Laien und Bischöfe, die ihre Hoffnung auf die Autorität des Bischofs von Rom setzen. Man kann das bedauern, weil diese römische Kirche immer noch sehr hierarchisch organisiert sei. Oder man kann es als ausgleichende Gerechtigkeit sehen.

Wie immer: Der Lateinamerikaner und Jesuit auf dem Stuhl Petri wird sich nicht bitten lassen. Bei der "Generalprobe" der Bischofsversammlung vor einem Jahr waren seine Reformpläne noch auf harsche Ablehnung gestoßen. Dieses Mal hat der Papst zwei Drittel der Synodenteilnehmer dahin bekommen, wo er sie haben wollte. Die Formulierungen im Schlussdokument sind so offen, dass er freie Hand hat.

Franziskus wird diese seine päpstliche Autorität freilich anders nützen als seine Vorgänger. Er wird genau nicht den römischen Zentralismus festzurren, sondern er wird die Bischöfe in aller Welt in eine größere Freiheit entlassen und sie gleichzeitig in eine größere Verantwortung einbinden. Franziskus ist der erste Papst, der die "allumfassende" ("katholische") Vielfalt ernst nimmt. In seiner Schlussansprache sagte er, die Synode habe gezeigt, dass das, was dem Bischof eines Kontinentes als normal erscheine, für den Bischof eines anderen Erdteils ein Skandal sein könne, und dass das, was die eine Gesellschaft als Verletzung eines Rechtes ansehe, in einer anderen eine selbstverständliche Vorschrift sein könne.

Daher setzt Franziskus auf Dezentralisierung. Die Nichtigkeitserklärung einer kirchlichen Ehe hat der Papst den Bischöfen bereits vor der Synode übertragen. Das war der Probelauf. In dem lehramtlichen Schreiben, das er als seine Quintessenz nach Ende der Versammlung verfassen will, wird er in diese Richtung weiter gehen. Er wird die Praxis derjenigen Pfarrer, Bischöfe und Bischofskonferenzen, die bei der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene schon längst vorangegangen sind, bestätigen - und damit ganz ohne autoritäres römisches Gehabe den anderen, die nicht so weit sind, den Weg weisen.

Papst Franziskus ist dabei, eine Quadratur des Kreises zu schaffen: Er bringt die Kirche näher zu den Menschen, ohne an den Grundfesten des Bischofs von Rom als Zeichen der Einheit zu rütteln.

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