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Das Dauerlächeln bringt den Tibetern wenig

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Die publikumswirksamen Auftritte des Dalai Lama verdecken die Tatsache, dass sein Wirken den Tibetern gar nichts bringt.

Der Dalai Lama ist zu Besuch und halb Europa gerät aus dem Häuschen. Mit Hingabe lauschen die Menschen seinen Worten, auch wenn er seine Zuhörer lediglich mit Plattitüden überschüttet. Selbst Leute, die sich von anderen religiösen Autoritäten längst abgewandt haben, titulieren ihn ehrfürchtig als "Seine Heiligkeit". Der freundlich lächelnde Brillenträger im gelben Tuch gibt vielen Menschen das Gefühl, sie selbst hätten es in der Hand zu entscheiden, ob es ihnen gut oder schlecht geht. Jedem, der selbst friedlich, freundlich und gütig auftrete, werde die Welt mit Frieden, Freundlichkeit und Güte begegnen.

Ja, man kann sogar als gewaltfreies Volk die Großmacht China herausfordern und ungeschoren davonkommen, bleibt man nur lang genug bei seinem hartnäckigen Lächeln. Nur wenige scheinen zu sehen, dass das die Tibeter in Jahrzehnten keinen Schritt weitergebracht hat. Erfolg hat der Dalai Lama ausschließlich dort, wo es nicht zählt: im Westen.

Eigenartig ist die Auswahl des Führers der tibetischen Buddhisten. Da entscheidet ein exklusiver Zirkel alter Männer ohne jede demokratische Legitimation über die Auswahl des nächsten Chefs der Religionsgemeinschaft aufgrund von Sternenkonstellationen und geheimnisvoll magischen Hinweisen des Himmels, die nur sie lesen können. Der Vorgang unterscheidet sich nicht wesentlich von dem, was im Konklave im Vatikan stattfindet: Ein exklusiver Zirkel alter Männer entscheidet sich für einen neuen Anführer. Aber in Rom wählt man einen theologisch gebildeten Mann, nicht ein Bauernkind im Säuglingsalter. Das Studium des Staates Tibet vor der Flucht des Dalai Lama zeigt ein Feudalsystem, in dem eine kleine Oberschicht über ein Volk von Leibeigenen und Sklaven herrschte.

Die Dauerpräsenz des Dalai Lama in den Medien des Westens ist China ein Dorn im Auge. Deshalb reagiert Peking heftig, wenn der Dalai Lama irgendwo von einem Staatsoberhaupt empfangen wird. So mancher Politiker trifft den Dalai Lama nur noch, um zu demonstrieren, dass er sich nicht einmal von China etwas vorschreiben lässt.

So versorgen einander beide Seiten mit Munition, um den derzeitigen Zustand zu erhalten. Der Dalai Lama liefert Peking den Vorwand, alle paar Wochen seine Herrschaft über Tibet zu betonen. Und China verleiht dem Mann in der gelben Robe die Aura des friedlichen Freiheitskämpfers, den man gernhaben muss.



 
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