| Standpunkt

Der Staat als Fitnesstrainer

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Eine tägliche Turnstunde an den Schulen wäre schön. Es ist nur die Frage, ob wir uns das leisten können.

In Wahlkampfzeiten sitzen die Versprechen locker. Und so hat Bundeskanzler Werner Faymann am Wochenende die Einführung einer täglichen Turnstunde an den Pflichtschulen versprochen.

Blenden wir zurück: Vor genau zehn Jahren kürzte die damalige Regierung die Zahl der Turnstunden, um Geld zu sparen. Sie kürzte auch andere Stunden (etwa in Latein, Geografie und Physik), Aufregung gab es aber nur wegen der Reduzierung des Turnunterrichts.

Diese Aufregung kochte vergangenen Sommer wieder hoch, als Österreich bei den Olympischen Sommerspielen in London ohne eine einzige Medaille blieb. Seither wurden mehr als 150.000 Unterschriften für eine tägliche Turnstunde an den Schulen gesammelt.

Das Anliegen ist berechtigt. Die Gesundheitsstatistik, die Ergebnisse der militärischen Musterung und der bloße Augenschein auf der Straße zeigen: Viele Jugendliche (und auch Erwachsene) leiden unter Bewegungsmangel und sind zu dick. Eine Stunde Bewegung pro Tag könnte da gewiss nicht schaden.

Eine tägliche Turnstunde an den Schulen wäre allerdings weit mehr als die Rücknahme der 2003 erfolgten Kürzung. Damals wurde eine Turnstunde pro Vier-Jahres-Einheit (Volksschule, Unterstufe, Oberstufe) gestrichen. Es blieb - je nach Schulstufe und Schulart - bei zwei bis vier Stunden Turnen pro Woche. Eine tägliche Turnstunde würde nach Adam Riese also zusätzlich eine bis drei Wochenstunden Turnen bedeuten.

Daraus ergeben sich mehrere Fragen. Werden im Gegenzug zu den zusätzlichen Turnstunden andere Stunden gekürzt? Und wenn ja, in welchen Fächern? Oder handelt es sich um zusätzliche Unterrichtszeit? Und wenn ja, ist das Geld für diese Lehrerstunden vorhanden? Die Gemeinden als Erhalter der Pflichtschulen fragen sich weiters, wer die vermutlich notwendigen zusätzlichen Turnhallen und Sportplätze finanziert.

Erlaubt sei bei aller Sympathie für Sport, Spiel und herumtollende Kinder auch eine grundsätzliche Frage: Ist es wirklich Aufgabe des Staates, für die Bewegung seiner Bürger zu sorgen? Muss sie wirklich unter Aufsicht eines staatlich besoldeten Aufsichtsorgans erfolgen?

Diese Frage stellt sich vor allem im Lichte einer erst im heurigen März veröffentlichten Studie, wonach Österreich trotz der Kürzungen 2003 neben Frankreich das Land mit den meisten Schulturnstunden in Europa ist.



 
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KOMMENTARE (2)
 

transnational

23.01.2013 
11:48 Uhr

Direkte Demokratie hat Grenzen, ebenso wie die indirekte Demokratie. In einer modernen repräsentativen Demokratie darf es aber keine materiellen Unterschiede geben, was die Bürger direkt - oder eben indirekt über das Parlament - entscheiden können. Und noch was: ein Plebiszit ("Volksbefragung") ist nicht dasselbe wie eine Volksabstimmung ( "Referendum"). Eine tatsächlich wichtige Lehre des 20. Jänners.

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franz auer

23.01.2013 
09:32 Uhr

Koller: Demokratie ist das, was mir passt und was ich dafür halte

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