| Standpunkt

Die Festspiele trotzen jeder Krise

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Die Salzburger Festspiele stehen unter einem guten und einem schlechten Stern.



Der schlechte steht für die offenbar schon schicksalhaft gewordenen Führungskrisen, die im unlängst vereinbarten vorzeitigen Abschied Alexander Pereiras, der die Mailänder Scala den Salzburger Festspielen vorzieht, einen neuen Tiefpunkt erreicht haben.

Der Krach mit Alexander Pereira - oh nein! Offiziell ist es freilich kein Krach. Alle Beteiligten sind klug genug, den Streit möglichst wenig nach außen zu tragen. Man spricht von Zukunftssicherung und Übergangslösung. Alexander Pereira selbst beteuert seine Liebe und seine unerschütterliche Einsatzfreude für die Salzburger Festspiele. Und redet er über das heurige Programm, entsteht tatsächlich das Gefühl: Dem Intendanten geht da das Herz über.

Allerdings wahrt Alexander Pereira nach außen den guten Ton, denn er wäre kein guter Manager, hätte er nicht seinen Kopf in der Zukunft, also in Mailand. In Salzburg wickelt er noch ab, hier läuft seine Funktion nur noch aus.

Vor ihm war ein Jahr lang eine Interimsintendanz, davor war der Krach mit Jürgen Flimm, auch der hat Salzburg vorzeitig verlassen. Seit 1998 sind die Differenzen mit den Schauspieldirektoren Legion. Hinzu kam ein Finanzskandal samt Rechnungshofprüfung auf Herz und Nieren, in deren Folge binnen Kurzem gravierende Mängel im Rechnungswesen zu beseitigen sind, die in Ansätzen erschreckende Ähnlichkeit mit jenen Strukturschwächen haben, die dem Land Salzburg einen Finanzskandal beschert haben.

Nie in ihrer Geschichte waren die Salzburger Festspiele so knapp hintereinander in Führungskrisen und Übergangsintendanzen. Von keinem anderen Festival der Welt, von keiner vergleichbaren Kulturinstitution ist Ähnliches bekannt. Kaum ein anderes Unternehmen dieser Größe - mit über 200 Jahresmitarbeitern und über 4000 Beschäftigten in den zwei Sommermonaten - würde dies ohne drastische Probleme, ja vielleicht sogar Insolvenzgefahr überstehen.

Doch die Salzburger Festspiele? Alexander Pereira antwortete auf die Frage, wie viele Veranstaltungen diese vertragen: "Die beste Antwort gibt das Publikum." Und dieses kommt mit offensichtlicher Freude und in Scharen.

Fast jährlich wird von neuen Rekorden im Kartenverkauf berichtet. Für heuer ist bereits jetzt, am Beginn, eine Auslastung von fast 90 Prozent erreicht. Darauf kann man nur sagen: Bravo!

Warum ist diese Institution derart erfolgreich? Nicht oft genug kann man die treuen, motivierten und qualifizierten Mitarbeiter loben, die dieses Unternehmen durch die Führungskrisen hieven.

Ein weiterer Faktor der Stabilität heißt Helga Rabl-Stadler, die nun seit rund zwei Jahrzehnten diesen Großbetrieb führt. Sie begann 1995 als Präsidentin, übernahm 2011 die kaufmännischen Agenden und wird 2015 und 2016 auch Semi-Intendantin, wenn - was zu erwarten ist - ihr Vertrag verlängert wird und sie mit Sven-Eric Bechtolf fürs Künstlerische zuständig wird. Auch diese teils aus der Not geborene Kompetenz- und Machtfülle ist in der Festspielgeschichte einzigartig.

Doch Ursache des Erfolgs der Salzburger Festspiele ist mehr als der brave Einsatz vieler Unermüdlicher. Es ist ein Glück. Es ist ein gnädiger, guter Stern, der über die Salzburger Festspiele wacht. Er strahlt mit der Kraft der Musik, der Poesie und des Schauspiels. Er entfesselt die Magie des Spiels, des Festes und der Kunst.

Wenn an diesem Wochenende die Salzburger Festspiele mit der Ouverture spirituelle und dem Fest zur Festspieleröffnung beginnen und sich in der kommenden Woche bis zur offiziellen Eröffnungsfeier steigern, wird dieser gute Stern die Krisen und die Kostenschrauben weit überstrahlen.

Schon das erste Konzert ist in diesem Sinne programmatisch: In Joseph Haydns "Schöpfung" wird das Chaos überwunden, sie endet mit der Aussicht auf "glücklich immerfort" und "des Herren Ruhm (. . .) in Ewigkeit". Dieses Werk - vor allem diese Musik - erzeugt in den Zuhörern Lauterkeit.

Ebenso programmatisch wird heute, Samstag, die Premiere des "Jedermann" als ein buntes, reiches, festliches Schauspiel, das die Stadt als Bühne nutzt.

Und ab der kommenden Woche reisen 1300 Kinder und Jugendliche von "El Sistema" aus Venezuela an. Spielend und singend sollen sie vorführen, wie gemeinsames Musizieren das Leben verändert.

Ja, es ist ein rätselhaftes Glück, das Kunst und Festspiele ausstrahlen. Heute beginnt es wieder.

 
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KOMMENTARE (1)
 

René Herndl

21.07.2013 
20:55 Uhr

Liebe Frau Kainberger, ich habe selten einen derart angepassten Leitartikel gelesen - Hofberichterstattung pur! Dass die Salzburger Festspiele als Festival der reproduzierenden Hochkultur noch immer existiert, ist gerade wegen der permanenten Einmischung durch die Politik ein soziologisches Wunder, die Eitelkeiten der aktiven und passiven Akteure eine geradezu verblüffende Tatsache. Frau Rabl-Stadler als stabilen und stabilisieren Faktor darzustellen, das ist jedoch die Absurdität schlechthin

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