| Standpunkt

Am Everest bleibt dem Verstand die Luft weg

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Sperrt den Mount Everest einfach zu! Nur dann strömt frische Luft in Hirne, die sonst bloß an das Geschäft denken.

Am Mount Everest klebt Blut. Es ist aber längst nicht mehr das Blut, das jeder Mut und jeder Pioniergeist fordert. Es ist auch nicht mehr das Blut der Opfer von gescheiterten Versuchen. An diesem Berg klebt das Blut des Leichtsinns, der Geschäftemacherei und der schlechten Idee von einer Gaudi ohne Riskio.

60 Jahre nach der Erstbesteigung durch Edmund Hillary und Tenzing Norgay ist der Mount Everest ein Millionengeschäft geworden, ein Trampelpfad des Konsums. Das massenhafte Treiben auf diesem Berg symbolisiert das Schlechteste einer Epoche, die ihre ärgsten Lüste und waghalsigsten Sehnsüchte nur noch im Extremen stillen mag.

Hunderte wollen jedes Jahr hinauf auf das Dach der Welt. Viele, manche sagen, die meisten von ihnen, können das nur riskieren, weil ihnen weitgehend abgenommen wird, was sonst bei der Bewegung in der Natur zum Überleben notwendig ist: Selbsteinschätzung, Gefahrenanalyse.

Der höchste Berg der Welt ist ein Rummelplatz geworden. Es ist ein Rummelplatz inmitten einer wunderschönen Natur. Allzu leichtfertig wird aber vergessen, dass diese Natur auch gewaltigtätig werden kann, dass sie widerspenstig außer Kontrolle geraten kann. Dieses Risiko macht sicher auch einen Reiz aus, wenn sich zahlungswillige Kunden auf- und abgetreiben lassen.

Und selbst der Tod, am Everest tatsächlich ständiger Begleiter, hält keinen ab. Seine Nähe wirkt eher wie ein besonderer Reiz in einer Welt, die in einem Hochwasser aus Reizen unterzugehen zugehen dort. Der Everest ist für diese Welt ein herausragendes Beispiel.

Es gibt aber genug andere Bereich, in den die Grenzen des angeblich Machbaren immer weiter ins Ungewisse, ins totale Risiko verschoben werden. Immer öfter gilt dann die Rechnung: Je näher am Sterben, ums größer der Werbeeffekt.

Wie sonst könnte man es verstehen, wenn sich als bisher letzte Jahrmarktsattraktion ein Russe mit einem Gleitschirm aus Nordflanke des Bergens stürzt? Die weltweite Verbreitung des Videos über den irren Flug wird nicht lange auf sich warten lassen. Sind das die letzten Kicks in einer übersättigten Welt? Und was kommt, nachdem das alles überlebt wurde? Zählt dann auch der Tod selbst als Marketingspielzeug und nicht nur der Kitzel, weil der Tod irgendwie im Bereich des (Un-)Möglichen liegt?

 
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KOMMENTARE (1)
 

Der Deutsche

30.05.2013 
11:21 Uhr

"Sperrt den Großglockner einfach zu! Nur dann strömt frische Luft in Hirne, die sonst bloß an das Geschäft denken. " Warum so in die Ferne schweifen Herr Flieher, dieses Problem existiert in Österreichs Alpen schon seit vielen Jahren (mit mehr Todesopfern). Und darf man in Nepal die Berge nicht "touristisch" erschließen?

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