Kolumne  

Gewagt gewonnen

Kolumne | Gewagt gewonnen

Ausnahmsweise ein Loblied auf die Imitation

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Der Nachbau des oberösterreichischen Dorfes Hallstatt in China ist keinesfalls die Ausnahme. Ohne Nachahmung gäbe es keinen Fortschritt.



China hat nun auch sein Hallstatt. Man kann sich das Schmunzeln über den Eifer, mit dem das touristisch erfolgreiche Original kopiert wurde, nicht verkneifen und sollte doch vorsichtig sein: Sieht man genauer hin, so wimmelt es auch bei uns nur so von Imitationen. Eröffnet ein neues, scheinbar originelles Restaurant, so war der Betreiber mit hoher Wahrscheinlichkeit vorher in New York, Kopenhagen oder einer anderen angesagten Stadt, um sich dort umzusehen. Hinter großen Namen wie Apple, McDonald’s oder Facebook stecken nur scheinbar Pioniere: Sieht man sich die Gründungs- und Produktgeschichten genauer an, übernahmen sie fast immer die Geschäftsmodelle und Ideen von anderen, meist kleinen und unbekannten Unternehmen. Ganze Branchen leben vom Nachahmen, wie zum Beispiel Generikaproduzenten, die chemische Wirkstoffe in großer Menge nachbauen und dadurch Medikamente wesentlich billiger anbieten können als im Original.

Dafür müssen sie sich auch gar nicht schämen: Im Grunde gäbe es ohne Nachahmung keinen Fortschritt. Denn Innovationen sind neue Kombinationen von bereits vorhandenen Elementen. Weder das Elektroauto noch der Roboter-Rasenmäher, um zwei Beispiele zu nennen, sind komplett neue Erfindungen, sondern setzen auf bestehenden, zum Teil alten Technologien auf. So ist es auch bei Unternehmen. In jeder guten Innovation steckt auch ein bisschen Imitation. Das werden noch am ehesten die Financiers von Start-ups zugeben: Wenn sich eine Geschäftsidee in einem Land bereits bewährt hat, wird sie woanders umso eher finanziert.

Umgekehrt steckt in jeder guten Imitation auch etwas Innovation: Blind Vorhandenes zu kopieren, bringt natürlich wenig. Deshalb darf man gespannt sein, wie das Experiment Hallstatt in China letztlich ausgeht. Erfolgreiche Imitatoren sind wählerisch und überwinden Distanzen. Sie sehen sich außerhalb der eigenen Branche und des eigenen Landes nach spannenden Ideen um. Und übertragen diese dann in den Heimmarkt. Jedoch nicht im Verhältnis eins zu eins: Sie analysieren genau, warum sich eine Idee in einem fremden Markt bewährt hat und was sie verändern müssen, damit sie auch daheim Erfolg haben können.

Es stimmt somit nicht, dass Imitation immer schlecht und das Gegenteil der so hochgelobten Innovation ist. Eigentlich handelt es sich um zwei Seiten einer Medaille. Ihr Name: Fortschritt.

 
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