Kolumne  

Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

Kolumne | Fliehers Journal

Da steht der Depp im Bus umgeben von bunten Zeichen

|

Wie ein Depp ohne die richtigen Worte stehe ich da, weil Lolinger im Bus eine Wurstsemmel mampft und dabei unschuldig und mit einem kurzen Satz den Sprachverlust der Welt beweist.

Da steht gar nix, sagt Lolinger beim Einsteigen in den Bus. Sicher steht da was, sage ich. Es steht: Kein Eis! Keine Pommes! Kein Cola oder andere Getränke!, sage ich. Das steht da nicht, sagt Lolinger und beißt in ihre Wurstsemmel. Und ich denk’: Beiß ruhig, Kind, ein bisserl Aufstand gegen Ver- und Gebotswahn macht ja noch keinen Terroristen, während eine duldsame Permanentunterwerfung unter Regeln schnell Unmündige, Angepasste und Selbstunterwerfer produziert. Hauptsache, sie rennt nicht bei Rot über die Kreuzung, denke ich - und ich denke gleich dazu, dass ich, falls aus der Busfahrt eine Glosse wird, an dieser Stelle nicht vergessen darf dazuzuschreiben: Ironie oder ;-). Das Wurstsemmel-Essen fällt ja auch gar nicht unter die Verbote, die im Bus gelten. Jedenfalls steht das nicht explizit da. Kein Eis. Keine Pommes. Kein Cola. Das ist verboten, steht da. Wurstsemmel steht nicht da. Und was heutzutage nicht explizit dasteht, öffnet der Interpretation alle Räume. Und darin gehen viele verloren. Das passiert, weil das richtige Wort, der treffende Begriff unter Zeitmangel und wegen der Lust an der Oberflächlichkeit abhanden kommen. Im Anfang war das Wort, beginnt das Johannes-Evangelium. Und was nach diesem Anfang war, wäre nicht und nichts gewesen ohne das Wort. Eine schöne Vorstellung ist das, dass wir nur sein können, weil wir dafür passende Worte haben. Und wer Mark Twain als einen der Säulenheiligen der Wortfindung beim Erzählen großer Geschichten mit sich herumträgt (etwa beim Schreiben dieser Glosse), der kennt den Satz. "Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glühwürmchen." Sprich: harter Einschlag gegen zappelndes Flirren, Treffsicherheit gegen Getänzel. Doch die Akkuratesse bei der Wortwahl vergeht. Geschaffen wurden Hilfsmittel, die die Auslöschung eines hintersinnigen Umgangs mit Sprache fördern. In E-Mails oder SMS erfolgt - schweigend hingetippt - die Verständigung darauf, dass sich Witz oder Ironie, Trauer oder Erstaunen eben nicht mehr aus dem Satz und dessen Worten selbst herauslesen lassen. Gibt ja Piktogramme . . . Und wo gelacht werden soll, steht dann eben :-). Das es solche Bilderwelten gibt, ist eh gut, weil man so auf jedem Flugplatz der Welt ein Klo findet. Weil man weiß, wo man als Raucher noch Platz bekommt. Und weil im Bus dann jedem Deppen völlig klar ist, wo man weg muss, weil da ein Kinderwagen hin darf, wenn er rein kommt. Steht doch alles da, sage ich zu Lolinger: Platz machen für Behinderte oder ältere Leute. Kein Eis, keine Pommes, kein Cola, sage ich. Nein, steht nicht da, sagt Lolinger in diesem schwer packbaren kindlichen Totaltriumphton. Es steht eben überhaupt nicht da, sagt sie. Es ist, sagt sie, alles nur hingezeichnet und durchgestrichen und dann als Pickerl ans Busfenster gepickt. Und ich stehe resignierend blöd da. ;-)



 
Teilen
Facebook Twittern Google+ Versenden Drucken
0
Dieser Artikel kann nicht kommentiert werden
 
KOMMENTARE (2)
 

adilos

25.12.2012
16:51 Uhr

Danke lieber Bernhard Flieher! Das ist die schönste Weihnachtsgeschichte für mich, auch wenn ich das Oma-alter lägst erreicht habe. HW

Kommentar melden!

 

F H

24.12.2012
13:53 Uhr

Der Titel entschädigt für den Rest.

Kommentar melden!