Kolumne  

Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Ohne jeden Zweifel: Es gibt das Christkind.

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Die Argumente gegen das Christkind erweisen sich als haltlose Lächerlichkeit jener Abgebrühten, die immer schon älter waren, als sie je werden können, und die immer nur sehen statt spüren können.

Liebes Kind!

Du fragst, ob es das Christkind gibt? Und du fragst das, weil ein paar deiner Freude sagen, dass es keines gibt, bloß weil sie es noch nie gesehen haben? Sag ihnen: Sie irren. Sag ihnen, dass sie nicht recht haben, wenn sie meinen, nur was man sehen kann, gibt es auch. Denn nur, weil etwas nicht zu sehen ist, weil man es nicht kaufen oder fangen oder angreifen kann, ist das kein Beweis dafür, dass etwas nicht da ist.

Stimmt schon: Alles, was wir sehen, ist da. So wie die Wörter in deinen Lieblingsbüchern. Die stehen da. Aber erst das Lesen und deine Fantasie machen aus ihnen eine Geschichte mit Bildern und Leben. Immer ist mehr da als das, was wir nur sehen. Es ist wie bei einem Lied, das du im Dunklen summst. Es macht dich mutiger, als du ohne dieses Lied sein könntest. Wenn du summst, reicht dir doch der Gedanke, dass dich die Melodie beschützt, dass du dich geborgen fühlst. Das kommt, ohne dass wir wissen müssen, wie es passiert. Es ist da. Einfach so. Es spürt sich an wie eine weiche Hand, die jemanden sanft streichelt. Wir wissen, wieso diese Hand so wärmt. Es ist eine Hand voller Liebe, Verständnis, voller Zuversicht. Das alles können wir nicht sehen. Aber es ist da. Wir können es nicht kaufen und nach Hause tragen. Weil so vieles, von dem, was großen Wert besitzt, keinen Preis haben kann. So wie alles wahrhaft Schöne nicht vor uns und also außerhalb von uns glänzt, weil es nicht allein mit den Augen zu erkennen ist, sondern nur zum Leuchten kommt, wenn wir es spüren können.

Niemals ist alles zu sehen, was es gibt. Wie traurig das wäre! Wir müssten keine Wünsche haben und hätten auch keine Hoffnung. Jede Überraschung ginge uns verloren. Alles wüssten wir. Wozu aber sollten wir dann noch hier sein? Warum sollten wir in den Wald gehen und vorsichtig lauern, ob sich ein Reh oder ein Biber anschauen lassen? Wir wissen, dass sie da sind, auch wenn wir sie nicht sehen, und wir lauern dennoch voller Aufregung.

Du fragt also, ob es das Christkind gibt? Es ist da, wie der Biber da ist, den wir nicht gesehen haben. Das Christkind gibt es, wie es die unheimliche Geborgenheit eines Liedes gibt, das du im Finsteren summst.

Wäre es nicht so, ein Teil des Lebens wäre kaputt. Nämlich jener Teil, den wir nur ahnen können, an den wir glauben müssen, damit es ihn gibt. Es ist der Teil des Lebens, der aus der Kindheit herüberflackert. Aus jener Zeit, als alle Erwachsenen einmal so waren wie deine zweifelnden Freunde. Es war die Zeit, als man wissen musste und mit dem Spüren nicht viel anfangen konnte. Jeder war auch so, jeder war so viel älter damals, als er oder sie es heute ist. Die Zeit wird vergehen und du wirst sehen, sie kann vergehen, ohne dass sich das Christkind in nichts auflöst.

Das Schöne der Idee, dass hinter allem etwas ist, das nur dir ganz allein gehört, wird es geben, solange es die Welt gibt. Und die Welt soll es immer geben.

Keine Angst, meine Kleine, alle Kleinen: Es gibt das Christkind. Sicher. Und immer. Frohe Weihnachten.

 
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KOMMENTARE (2)
 

adilos

25.12.2012 
16:51 Uhr

Danke lieber Bernhard Flieher! Das ist die schönste Weihnachtsgeschichte für mich, auch wenn ich das Oma-alter lägst erreicht habe. HW

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F H

24.12.2012 
13:53 Uhr

Der Titel entschädigt für den Rest.

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