Kolumne  

Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Bei wilden Kerlen will ich hausen

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Kann bitte, im Gedenken an den Kinderbuchautor Maurice Sendak, irgendwer anderer allen Elternbeamten sagen, sie sollen sich nicht über jeden Krach aufregen?! Denn wenn ich das tun muss, wird’s wieder laut und wild und beleidigend.

Max war bald ein Held daheim - und ist’s nun schon in zweiter Generation. Wie der Bub, gehüllt in einen Wolfspelz, frech allem trotzt! Und dann schickt ihn Mama in sein Zimmer. Ohne Essen! Da hört man schier die schmerzverzerrten Schreie der Überbeschützer und Vorsichtsschisser. Da plärren sie, die Kindsein-Theoretiker, die aus lauter Höflichkeitsrausch für die Kinder immer ein Zuckerl zur Beruhigung im Tascherl haben, weil sich Frechheiten so auch erledigen lassen. Als Max das Licht der Welt erblickte, erschüttert es diese. Seit 1963 ist Max Held im Buch "Wo die wilden Kerle wohnen". Traurig ist der Anlass, daran zu erinnern: Autor und Illustrator Maurice Sendak starb dieser Tage mit 83 Jahren. Er ließ Max in seinem Zimmer in ein sagenhaftes Land aufbrechen. Dieser Max hat nichts zu tun mit hübschen, nur selten irregeleiteten Kinderhelden. Seine Spielkameraden sind rüpelhafte Monster, die sich einer wie Max aber schnell untertan macht. Diese Monster mögen lange Krallen haben, wilde Mähnen, scharfe Zähne, haben aber trotzdem etwas Weiches, Liebenswertes. In ihren Zügen versteckt sich keine Bosheit, kein Hinterhalt. Sie sind ganz einfach wild. Aber sie sind nicht gefährlich. Die Wildheit der Kerle um Max ist eine wahrhaftige Wildheit. Sie sind laut, aber ihr Lärm hat nichts gemein mit schrillem Getöse der Welt aalglatter Trickser, die schon den Kleinen jeden Traum zum Höchstgebot verscherbeln. Diese Kerle sprechen keinen Pseudo-Jugendjargon, um in Banken und bei Kulturevents, im Supermarkt und im Kinder-TV den Nachwuchs zum Blödkonusm zu animieren. Es gibt bei Sendaks herrlich wilden Kerlen eine Lieblingsstelle, ja es ist eine Lieblingsstelle aller Dinge, die ich je las (und auf die Gefahr, dass ich der Überheblichkeit gescholten werde, brülle ich punkig: Wer die Wichtigkeit der Stelle fürs Leben nicht versteht, hat wenig verstanden!). Als Max also zum König der wilden Kerle geworden ist, befiehlt er: "Und jetzt machen wir Krach!" Und dann sind die Kerle laut, toben und spaßen. Jeder hat eine Freude, weil er nichts tut, außer sich wild eine Freude zu machen. Bedingungslos erfreulicher Krach ist das. Er wird nicht aufgehalten durch vermeintliche Korrektheiten, durch penetrante Brav-sein-Dogmen und Bloß-nicht-auffallen-Credos. Der Krach der wilden Kerle ist einfach nur Krach, ohne Hintersinn und deshalb so gescheit. Es ist ein Toben, das die Welt retten kann, weil es klingt wie Zukunftsmusik - und am Ende steht eh ein warmes Essen in Max’ Zimmer.

 
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KOMMENTARE (2)
 

adilos

25.12.2012 
16:51 Uhr

Danke lieber Bernhard Flieher! Das ist die schönste Weihnachtsgeschichte für mich, auch wenn ich das Oma-alter lägst erreicht habe. HW

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F H

24.12.2012 
13:53 Uhr

Der Titel entschädigt für den Rest.

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