Kolumne  

Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Da habe sie’s nicht mehr geschafft, sagt sie. Da ist sich’s nicht mehr ausgegangen. Obwohl sie eh gerannt ist, weil sie schon dachte, dass wir es sein könnten.

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Aber ihr wisst eh, sagt sie: Im Garten draußen höre ich das Telefon halt kaum und wer mich erwischen will, der probiert’s eh noch einmal. Haben wir dann auch getan. Noch einmal probiert, und noch einmal. Lolinger wollte der Oma gratulieren zum Geburtstag. Aber erstens ist Oma keine, die sich hinsetzt und auf die Gratulanten wartet, dazu hält sie Geburtstage für zu unwichtig. Und zweitens hat Oma kein Handy, gehört nicht zu denen, die angeblich immer erreichbar sind. Bei Oma geht das Telefon nicht immer mit ihr mit, bemerkte Lolinger einmal. Da wollte sie Omas Telefon ausprobieren. Omas Telefon ist an der Wand im Vorzimmer festgeschraubt. Festnetz. Das Kabel am Hörer lässt wenig Spielraum. Auf diesem Telefon gibt’s kein Display, keine Mailbox. Hier lassen sich keine Nachrichten hinterlassen. Und es tauchen auch keine Namen auf, die man dann eh nicht zurückrufen mag und die dann blöd beleidigt tun, weil sie erwarten, dass sie stets zurückgerufen werden, bloß weil ihr Name oder ihre Nummer auf dem Display auftauchen. Aber es muss auch im Zeitalter des Handys ein Recht auf das Ignorieren geben, auf ein Dasein entfernt vom Handy. So wie Oma, wenn sie im Garten ist. Seit ich denken kann, hängt Omas Telefon, wo es immer noch hängt. Immer noch, wenn ich es sehe, höre ich das Klacken des Viertelanschlusses, wenn beim Part zwei Häuser weiter telefoniert wurde und unser Telefon blockiert war.

Und während Lolinger - mit meinem Handy durchs Wohnzimmer wandernd - mit Oma redet, fuchtelt sie mit den Armen und flüstert: Da piepst was! Da ruft hinten wer an! Und Lolinger nimmt das Telefon vom Ohr, während Oma weiterplaudert, und hält mir das Handy hin vor das Gesicht. "Annehmen und Halten" steht da als eine Variante und als zweite steht da "Ignorieren". Während Oma allein im Vorzimmer steht, kann’s schon sein, dass die Kommunikation in unserem Handy parallel und übereinander und kreuz und quer läuft.

Lolinger beendet das Gespräch mit Oma und fragt, wer der andere war, und ob wir den jetzt gleich zurückrufen. Und ich sage: Nein, wir sind jetzt im Garten. Wir haben keinen Garten, sagt Lolinger. Doch, sage ich, jetzt haben wir einen, leg das Handy weg. Und Lolinger sagt: Dann ist das wie bei Oma.



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KOMMENTARE (2)
 

adilos

25.12.2012 
14:23 Uhr

Danke lieber Bernhard Flieher! Das ist die schönste Weihnachtsgeschichte für mich, auch wenn ich das Oma-alter lägst erreicht habe. HW

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F H

23.12.2012 
22:30 Uhr

Der Titel entschädigt für den Rest.

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