Kolumne  

Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Üblich ist: Immer nie nachdenken

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Der Urlaub ist aus. Aber es gibt Orte, an denen Strategien perfektioniert wurden, in denen die schwierige Eingewöhnungsphase sorgsam gepflegt wird.

Amt hat sie keines. Aber sie arbeitet dafür. Sie macht das gewissenhaft, folgsam in der Kultur des Üblichen. Nicht, dass sie irgendetwas werden möchte. Nein. Gar nicht! Nach oben keine Chance. Nach unten viel Spielraum, um andere auch mal blöd ausschauen zu lassen. Alles gut, wie es ist, sagt sie. Und längst habe sie vergessen, seit wann es so ist. Um den Sachverhalt - wie es ihr Wesen vorschreibt - amtlich genau und behördlich korrekt, quasi formulartauglich auszudrücken: Sie sagt, dass sie die Zeit erfolgreich verdrängt hier im Bürosessel vor dem picobello Schreibtisch. Denn tät’ sie sich erinnern, fiele ihr auch ein, dass sie dauernd älter werde, und wenn ihr das einfällt, müsse sie immer gleich den Gang rüber in die Erfrischungsräume (so nennt sie das Klo) und dort müsse sie die Schminke checken, weil älter werden geht gar nicht. Und so tut sie, was am besten ist, und das ist immer nicht nachdenken. Sie kennt die Regeln. Sie kennt das Spiel. Sie bewegt sich unauffällig, aber overdressed, und so erfüllt sie leicht, quasi nebenbei, also anstrengungslos jede Formularanforderung. Wie jeden Sommer, wie immer die ersten zwei Augustwochen seit Jahren schon, war sie aber auch heuer dem System entrissen. Urlaub. Frühbucherbonus im Club, dort, wo es funktioniert wie am Amt, damit man sich nicht an was Neues gewöhnen muss. Weil wenn man den üblichen Rahmen verlasse, könne das ja den Erholungsfaktor einschränken, sagt sie. Und jetzt ist der Urlaub schon wieder ein paar Wochen hinüber und dieses Gefühl des Anderen im Gleichen wieder vorbei. Und sie sagt, dass sie das jetzt gar nicht verstehe, warum er heute schon da sei. Heute schon! Am Montag! Gleich nach dem Urlaub. Kaum daheim. Gleich wieder im Amt. Und er, ein frischer Kollege, wundert sich. Und weil sie nicht die Erste ist, die zu ihm sagt, wieso er schon da ist, wieso er schon am ersten Montag nach dem Urlaub wieder da ist und dem Amt nachgeht, fragt er: Wieso denn nicht? Und sie sagt, dass das nicht üblich sei hier. Und das Übliche stört (sagt sie nicht, aber es ist trotzdem zu hören). Üblich sei nämlich, dass man erst am Dienstag frühstens, eher am Mittwoch nach dem Urlaub komme. Dann nämlich, sagt sie, sei die erste Woche nicht so lang und man könne sich ein paar Tage ruhig eingewöhnen, bis es wieder richtig anfange. (Oder sagte sie: Man könne sich ruhig ein paar Tage eingewöhnen, bis man da wieder anfange.) Jedenfalls sagt er dann, dass sein Urlaub richtig schön gewesen sei, er sich aber auch gefreut habe, wieder in die Arbeit zu kommen. Und da sagte sie dann gar nichts mehr. Das Unübliche steht nämlich in keinem Formular. Es braucht also keine Antwort oder Widerrede oder Zustimmung, weil es gar nicht existiert. Es kann bestenfalls ignoriert werden und sie geht sich erfrischen.

 
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KOMMENTARE (2)
 

Wolfgang kaufmann

13.01.2013 
15:40 Uhr

grossartig geschrieben! The one and only - Helmut B.

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michael pand

13.01.2013 
10:58 Uhr

großartiger Kulturkommentar ! (pand, dzt. saigon)

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