Kolumne  

Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Jedermann bereut. Ingo bezahlt.

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Martin Luther würde die Domtür zunageln, wüsste er, welch ein Ablasshandel rund um die Festspiel-Cashcow "Jedermann" getrieben wird.




Ingo sagt, dass er seit Jahren versucht, Karten zu bekommen. Nichts. Null Chance. Die Domplatzshow steigt jährlich ohne ihn (er sagt auch immer gleich dazu, er würde eh nicht hingehen, aber er hätt’ viele, die da gern hingingen). Aber: Ausverkauft. Jedes Jahr keine Chance. Jedes Jahr das Gejammere der eh nur weitschichtigen Verwandtschaft, die sich sonst einen Dreck um Kunst schert. Aber so schön wär’s . . . ein Mal in Salzburg . . . auf dem Domplatz, wie früher die Mami beim Curd Jürgens . . . das hat sie nie vergessen können. Der Ingo, der seit Jahren im Umfeld der Salzburger Festspiele arbeitet, besorgt immer Karten für Pernerinsel oder Landestheater. Aber das ist ja nur Theater, also Trostpreis, olympisch gesprochen: vierter Platz. Und er hört das dann jedes Jahr: Du bist doch . . . Du könntest doch leicht . . . Du kennst doch . . . Sagen sie. Aber er kennt zwar, könnte aber nicht. Heuer aber konnte er, weil er dann doch einen kannte, der jemanden kannte, der dann durch Zufall . . . Heuer wird alles gut. Nicht für den Jedermann. Für den läuft’s ungut wie immer. Der kratzt ab. Wie immer bereuend, also katholisch gesehen grad noch gut gegangen, grad noch aus der Hölle geflutscht. Aber der Ingo wird nach der Riesen-Reue-Show auf dem Domplatz ein freier Mann sein und zwar nicht als Toter: Ingo wird strahlend und beliebter denn je weiterleben. Weil Karten für den "Jedermann", sagt er, die machen alles gut. So wie - als sie noch in ausverkauften Hallen spielte - Madonna-Karten alles gut machen konnten, oder wegen der Romantik ein Chris-Isaak-Konzert oder wegen der Coolness das Einschmuggeln auf einer Party, auf der James Bond vorbeikam. Wobei: Madonna, Isaak und Bond - das galt, sagt Ingo, weniger für die Verwandtschaft als für die Mädels, die man haben wollte. Die Mädels, die man haben will, wollen gottlob nicht zum "Jedermann", der ist eher so eine Art Familienprogramm. Eher eine Frage des Alters als der Kühnheit. Die Mädels wollen heuer auch eher - und auf bloßen Verdacht - auf die Pernerinsel, weil dort vielleicht Iggy Pop auftauchen könnte. Jedenfalls, sagt Ingo, kaufst du dir mit solchen Karten schöne Zeit, vielleicht sogar Sex - mit einer "Jedermann"-Karte aber kaufst du Freiheit, Lossprechung und totales Vergessen. Eine "Jedermann"-Karte ist in Ingos Verwandtschaft quasi nichts als moderner Ablasshandel. So intensiv kann der Jedermann gar nicht bereuen, wie mir verziehen und nachgesehen wird, wenn ich so Karten aufstell’, sagt Ingo. Nur, sagt er, ist das eine halbwegs teure Sache. Die ganz Altmodischen erkaufen ihren Ablass durch Blumen oder Schoko. Andere schenken Müttern, Tanten oder Schwiegermüttern Wellness-Gutscheine. Oder sie kaufen sich bei den Mädels, die nun ihre Frauen sind, ihre Ruhe mit einem Ausflug ins Schuhgeschäft. Wobei: Die Schuhgeschäft-Variante lässt eine Frage offen: Ist das nicht teurer als Festspielkarten? Schuhe nämlich gibt es immer.

 
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KOMMENTARE (2)
 

Wolfgang kaufmann

13.01.2013 
15:40 Uhr

grossartig geschrieben! The one and only - Helmut B.

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michael pand

13.01.2013 
10:58 Uhr

großartiger Kulturkommentar ! (pand, dzt. saigon)

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