Kolumne  

Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Helmut Berger erhebt sich über den Scheiß des Dschungels

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Helmut Berger macht mit bei der TV-Demütigungshow. Neben ihm, dem ewigen Überstar, vegetieren Figuren, denen er noch im Rausch überlegen ist, weil sie nie hatten, was von ihm bleibt: irre Großartigkeit.

Neben dem Fressen grauslicher Tiere gilt als Gesetz des Dschungels, wenn er Schauplatz von Entwürdigung für eine TV-Show ist: Nur ein privater Gegenstand darf ins Camp! So wurde aus der Tasche von Louis Vuitton eine Klobrille. Einer wie Helmut Berger setzt sich nicht auf dasselbe Klo mit gewöhnlichen Unterhaltungskasperln. Auch im Dschungel, wohin Berger ging, weil er den früheren Ruhm restlos ausgegeben hat und also das Geld braucht, gilt noch: Ein Dandy, und Berger war ein König dieser Spezies, erhebt sich auch aus dem letzten Dreck mit der größtmöglichen Geste des Narzissmus. So wie Oscar Wilde mit seinen letzten Worten auf dem Sterbebett in einem alten Pariser Hotel: "Entweder geht die scheußliche Tapete - oder ich." Im Zweifelsfall geht halt das Ich, selbstbestimmt, stolz, irrsinnig.

In den 1960ern, als aus dem Bad Ischler Steinberger Helmut der Weltstar Helmut Berger geworden war, wollte er in einem Louis-Vuitton-Shop Taschen kaufen und er wollte seine Initialen drauf haben. Er meinte, dass "LV" auf den Taschen stehe für Luchino Visconti, seinen Regisseur und Lebensgefährten. Gewöhnlich wäre so etwas peinlich. Wer so eine Episode aber in seiner Autobiografie - sie heißt "Ich" - niederschreibt, bekennt Größenwahn, aber eben auch eine klare Haltung: Le Star c’est moi! In "Ich" erzählt Berger auch die Geschichte von einem Nobelball in Monte Carlo. Im Rausch hatte er sich in die weiße Smokinghose, man kann’s nur sagen, wie’s er selbst sagt, g’schissn. Aufforderungen zum Tanz - es waren viele, denn er war damals offiziell schönster Mann der Welt und gefeierter Schauspieler - lehnte er mit dem Hinweis ab, dass ihn der Ball nerve, weil es so vom Hafen heraufstinke. Das kann man als Irrsinn deuten. Man kann es aber auch als Unverrückbarkeit von Idealen, nämlich denen des Ichs, des Starseins deuten. Solche Kaliber gibt es nicht mehr. "Ein Triumph der souveränen Pose über die Wirklichkeit", schreibt "Die Zeit" über die Begebenheit.

Jetzt sitzt Berger wieder in der Scheiße, hockt am Ende der Welt, die einmal ihm gehörte. Er muss in den nächsten Tagen, wenn das Publikumsvoting es will, Hoden oder Maden fressen. Er wird, hat er angekündigt, nur französisch und italienisch sprechen. Das ist allerdings egal, weil bei den Dschungel-Insassen perfekte Deutschkenntnisse nicht vorausgesetzt werden können. Aber es gibt für einen Unbeirrbaren, einen Großen - auch im Wahnsinn - keine Alternative: Es gibt nur die Tapete oder ihn. Mit Berger erlebt man im guten Fall TV-Sternstunden. Damit ist nicht zu rechnen, weil im Gegensatz zu Auftritten bei Harald Schmidt oder Stermann & Grissemann jetzt keiner da ist, der Respekt hat. Es geht um Demütigung. Im Dschungel weiß keiner, dass für Berger gilt: Er war, wo wir, die zum Gewöhnlichen Verdammten, nie sein werden. Er ist der ewige Helmut Berger. Wo er das spielt, spielt keine Rolle.

 
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KOMMENTARE (2)
 

Wolfgang kaufmann

13.01.2013 
15:40 Uhr

grossartig geschrieben! The one and only - Helmut B.

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michael pand

13.01.2013 
10:58 Uhr

großartiger Kulturkommentar ! (pand, dzt. saigon)

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