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Wandern zum Wein

Von Yvette Polásek | 29.07.2013 - 00:00

Im südmährischen Drnholec, gleich hinter der Grenze zum niederösterreichischen Weinviertel, wird im September ein für die Region untypisches Weinlesefest gefeiert, bei dem rund 30 Winzer ihre privaten Weinkeller für die Öffentlichkeit aufsperren.

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<strong>Wie der Wein ein Erbe</strong> aus der Antike: festlich geschmückter Wagen mit Bacchus und hübschen Nymphen. Bild: SN/oblec drnholec

Wie der Wein ein Erbe aus der Antike: festlich geschmückter Wagen mit Bacchus und hübschen Nymphen.

Bild: SN/oblec drnholec

<strong>Je größer das Gefäß,</strong> desto langsamer reift der Wein. Bild: SN/oblec drnholec

Je größer das Gefäß, desto langsamer reift der Wein.

Bild: SN/oblec drnholec

<strong>Grünes Idyll</strong> jenseits der Grenze: Mikulov in Südmähren. Bild: SN/polasek

Grünes Idyll jenseits der Grenze: Mikulov in Südmähren.

Bild: SN/polasek

<strong>Wo der Wein wächst,</strong> gedeiht auch die Gastfreundschaft.  Bild: SN/polasek

Wo der Wein wächst, gedeiht auch die Gastfreundschaft.

Bild: SN/polasek

<strong>Tracht ist Trumpf:</strong> bei Groß . . . Bild: SN/polasek

Tracht ist Trumpf: bei Groß . . .

Bild: SN/polasek

<strong>und</strong> Klein.  Bild: SN/polasek

und Klein. 

Bild: SN/polasek


Auf dem Hauptplatz von Drnholec wimmelt es nur so vor Menschen. Familien mit kleinen Kindern und Radfahrer vermischen sich mit Frauen in langen, mittelalterlichen Gewändern. Neben ihnen in Weiß gekleidete Männer, deren Hüfte von einer knielangen, blauen Schürze umschlungen wird, der Arbeitstracht südmährischer Weinbauern. Aus der Richtung der barocken Pestsäule, wo gerade ein Schwein goldbraun gebrutzelt wird, duftet es unwiderstehlich. Und auch von den anderen Ständen gehen verführerische Gerüche aus. Inmitten des Trubels steht ein kleines Zelt, in dem tschechische Kronen gegen Drnholecer Kreuzer getauscht werden - an diesem Samstag im Jahr die einzige im Dorf gültige Währung.

Punkt 13 Uhr betritt eine zierliche Frau in regionaler Tracht die mit Weinblättern geschmückte Bühne, um sich bei der Menge zu entschuldigen. Die Ankunft des Fürsten und seiner Gemahlin verzögere sich aufgrund eines Radbruchs. Doch der Drnholecer Bürgermeister weiß die Wartenden abzulenken, indem er freudig verkündet, dass am Vortag der letzte Star in der Nachbarortschaft Novosedly vertrieben wurde und die saftigen Reben in Sicherheit seien.

Eine halbe Stunde später ist es dann so weit. Vor der Bühne hält das fürstliche Pferdegespann. Der Landesherr erteilt den Weinbauern die Erlaubnis, ihre Weinkeller für den heutigen Tag zu öffnen - bevor er sich selbst samt Gefolge seinen Weg durch die Kellergassen bahnt. Gefolgt von einem festlich geschmückten Wagen, auf dem Bacchus, der Gott des Weines, höchstpersönlich sitzt. Umringt von Nymphen, einer Blasmusikkapelle und südmährischen Trachtenpärchen.

Dieses für die Region untypische "vinobraní", ein Weinlesefest, bei dem rund 30 Weinbauern in der kleinen südmährischen Marktgemeinde Drnholec ihre privaten Weinkeller für Besucher öffnen, geht heuer am 21. September über die Bühne. Während sich die großen, bekannten Weinfeste in Znaim und Nikolsburg auf historische Umzüge, Weinverkostungen sowie Handwerksmärkte beschränken, können Gäste in Drnholec, rund 15 Kilometer nordwestlich von Drasenhofen, hinter die Kulissen schauen, viel über die Weinproduktion erfahren und gleichzeitig den jungen, wild gärenden Sturm kosten.

Initiiert wurde das Spektakel erstmals vor zwei Jahren von einigen Enthusiasten, um das kulturelle Leben im Ort zu beleben. "Wir haben das Weinlesefest aus Spaß ins Leben gerufen hat, nicht aus kommerziellen Gründen", sagt Bronislava Simcíková, Mitorganisatorin der Veranstaltung. Und Petr Sevcík, Leiter des Drnholecer Weinlesefestes, lächelt: "Wir wollten an alte Weintraditionen anknüpfen und uns gleichzeitig von anderen Weinfesten in der Region abheben."

Nach der feierlichen Eröffnung am Hauptplatz neben Schloss Dürnholz, der Barockkirche und dem zum Wirtshaus umgewandelten Rathaus strömt die Menschenmenge zum Rundgang durch die Kellergassen der Stadt aus. Diese kannte viele Herren: Die von Kaunitz, Wartenberg, Liechtenstein, Teufenbach, Sternberg und Trautmannsdorf. Der Weinwanderweg führt über den Platz der Freiheit (Námestí Svobody) und entlang der Straßen Havlickova, Husova und Wolkerova wieder Richtung Ortszentrum. Die geöffneten Keller tragen kleine, blaue Fahnen.

In Keller Nr. 23, dessen Wände gemalte Weinreben und alte Bauernweisheiten schmücken, begrüßt Pavel Srnka seine Gäste. Der 75-jährige, der von der lokalen Jugend liebevoll "Deda", Opa, genannt wird, hat den Weinbau von seinem Vater gelernt. "Er ist 1947 aus der Slowakei eingewandert, hat unseren Keller aus dem Jahre 1820 nach dem Zweiten Weltkrieg erworben, nachdem die deutschsprachige Bevölkerung Drnholec verlassen musste. Zu dieser Zeit war der Ort quasi menschenleer", berichtet der ehemalige Autobuschauffeur.

Auch Familie Smékal widmet die knapp bemessene Freizeit den Rebstöcken. Jeder muss mithelfen, ob Groß oder Klein. "Ich habe in die Familie eingeheiratet und musste das Handwerk ebenso lernen", lacht eine junge Frau und reicht Wein und kleine Schmalz- und Grammelbrote dazu.

Wiederum einige Keller weiter, in einer kleinen Nebengasse, hat Pavel Václavík sein Weinrefugium, ein Erbe von seiner "Babicka". Während er den Besuchern mit dem Weinheber ihre Gläser auffüllt, erzählt er: "Die Alten hier im Ort kennen noch den Weinbau. Im Gegensatz zu den Jungen. Die haben kein Interesse, scheuen die harte Arbeit und kaufen sich lieber eine Weinflasche im Supermarkt." Und der Nachbar ergänzt: "Früher hatte jedes Haus seinen eigenen Keller, schließlich gab es keine Kühlschränke und irgendwo musste man die Lebensmittel einlagern." Kurz darauf steckt er wieder mitten in einer lebhaften Diskussion über die vom Staat geplanten neuen Abgaben auf Weinerzeugnisse.

Zwischen den kleinen, traditionellen Weinkellern fällt ein moderner Hallenkomplex auf: "Nové vinarství", der neue Weinbau, wie sich die seit 2005 hier ansässige Firma nennt. Sie hat sich auf die Erzeugung von Weißweinen mit Glasstöpseln spezialisiert. Ausnahme: ein Pinot noir mit Korkverschluss.

Abgesehen vom "Nové vinarství" handelt es sich bei den Gastgebern um Hobbywinzer, die ihrer Leidenschaft in der Freizeit frönen. Ganz nach dem Motto des Drnholecer Weinlesefestes "Pripijte si s námi vínem na zdraví" - "Trinken Sie mit uns einen Wein auf die Gesundheit", damit wir auch im nächsten Jahr alle wieder gesund und munter zusammenkommen.

Drnholecer Weinlesefest:
Samstag, 21. September 2013, ab 13 Uhr

Stadt Drnholec:
Tel. 00420/519 519 210, www.drnholec.eu

Touristeninfo Mikulov:
Tel. 00420/519 510 855, www.mikulov.cz

Czech Tourism:
www.czechtourism.cz

Interessante Webseiten:
www.mikulovskoregion.cz
www.palava-lva.cz
www.landumlaa.at

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