Mittsommer für Furchtlose
Von | 18.06.2012 - 00:00
Vom längsten Tag des Jahres möchte jeder so viel wie möglich mitnehmen. Feste, Partys - doch weil die Finnen wahre Outdoorfreaks sind, spielt sich auch in der Nacht der Nächte alles in der Natur ab.
Aber zunächst, kurz vor Mitternacht, sitzt eine kleine Gruppe Touristen auf dem Rad, tritt gemütlich dahin und beobachtet die Geschehnisse der finnischen Nacht, die eigentlich keine ist. Die Straßen sind leer, die meisten Einheimischen sind zum Feiern längst in ihren Mökkis, den Ferienhäuschen direkt am See. Einige wenige Bars im 10.000-Seelen-Städtchen Kuhmo in Mittelfinnland haben geöffnet, die Gäste singen einheimische Volkslieder. Am Waldrand grasen friedlich zwei Rentiere. Auch sie scheinen den ständigen Sonnenschein zu genießen.
Nach knapp zwei Stunden haben die Radler ihr Ziel für das meist nasse und sportliche Mittsommer-Programm erreicht: Am Lammasjärvi-See wartet Abenteurer Urpa mit den Kanus, teilt die Gruppe in Zweierteams und schmeißt alle in das kalte Wasser. Ohne lange Einführung, Finnen machen nun einmal nicht viele Worte. Aber schnell ist klar, wie das Ganze funktioniert. Einer paddelt links, einer rechts, Hintermann gleich Steuermann. Die Gespräche verstummen, zu hören ist nur noch der Takt der Paddel, wenn sie ins Wasser eintauchen. Noch nie war Stille so wohltuend. Über dem See, der wie eine glatt gestrichene Folie zwischen den Wäldern liegt, scheint die Sonne schwach zwischen den Wolken. Nichts bewegt sich, die Zeit steht still. Nur die Uhr am Handgelenk zeigt, dass es bereits nach Mitternacht ist. Die kleinen Feuer überall am Ufer werden immer größer. Bald schon züngeln meterhohe Flammen in den finnischen Himmel.
Auch die Kanuten machen Feuer auf einer kleinen Insel. Allerdings nur, um Kaffee zu machen. Natürlich mit Seewasser, die Finnen sind stolz auf die Qualität ihrer Seen. Das gemahlene Kaffeepulver landet direkt in der Kanne. Das Getränk soll stark sein und wärmen, schließlich schneit es sogar in der Mittsommernacht hin und wieder. Diesmal nicht. Trotzdem fallen die Temperaturen erheblich, und schuld daran ist der Höhepunkt des nächtlichen Aktivprogramms. Mit Ganzkörperanzügen sollen sich die Wagemutigen in einen reißenden, kalten Fluss stürzen, die Felsen umschwimmen und den Strudeln entkommen. Eine Schwimmweste sorgt für genügend Auftrieb.
Seit fast zehn Jahren bietet Urpa das "Stromschnellen-Schwimmen" an. Mit Freunden hatte der kleine, kräftige Finne gewettet, den reißenden Payakka zu durchschwimmen - ohne Hilfsmittel. Er hat eine Flasche Schnaps und eine neue Geschäftsidee gewonnen. Viele finnische Paare testen auf diese Weise die Belastbarkeit des Partners. Anschließend wird geheiratet.
Niemand muss sich mit Urpa gleich in die Fluten stürzen. In ruhigem Gewässer treiben die Mittsommernachts-Gäste in ihren orange leuchtenden Anzügen auf dem Rücken dahin, fast schwerelos. Müdigkeit kommt dennoch keine auf, der Körper will wach bleiben, weil ja die Sonne immer noch scheint. Es ist kalt, Rufe nach einer Sauna werden laut, finnischer Volkssport und Pflichtprogramm für jeden Urlauber.
Urpa bittet nun zum "Spiel mit den Wellen", wie er es ausdrückt. Der reißende Flussabschnitt ist nur 300 Meter lang, links und rechts dräuen die Felsen, dazwischen Strudel und Strömungen. Keine Zeit für Fragen oder Zweifel, mit den Füßen voran treiben die Gäste bereits auf den ersten Wasserstrudel zu. Von Schwimmen kann keine Rede sein, so fühlt sich wohl ein Stück Treibgut, der Strömung hoffnungslos ausgeliefert. Der erste Tauchgang dauert eine Sekunde, wütend spuckt der Strudel seine Besucher wieder aus. Die Orientierung ist weg, es rauscht in den Ohren, das Herz rast. Und schon schwappt die erste Welle über den Helm, die zweite, die dritte, die Arme rudern verzweifelt, und schon wieder geht es hinab in die Tiefe. Dann wird das Wasser ruhiger, die Wellen schwappen nur noch bis zur Nasenspitze. Die Vögel singen, die Sonne scheint. Es ist vier Uhr morgens in Finnland.
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