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Leben mit dem weißen Wal aus Stahl

Von | 08.08.2012 - 10:33

Als wäre nichts gewesen, sonnen sich Urlauber auf den Meeresklippen und der Sandfläche nahe der engen Einfahrt zum Inselhafen. Als wäre nichts dabei, schwimmen einige an derselben Stelle, an der in der Nacht vom 13. auf den 14. Jänner dieses Jahres 32 Kreuzfahrer der "Costa Concordia" ums Leben gekommen sind.

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<?Uni SchriftArt="Frutiger LT Cn" SchriftStil="0" SchriftGroesse="6dp"?>Urlaub im Angesicht des gekenterten Kreuzfahrtschiffs. Bild: SN/Arens

Urlaub im Angesicht des gekenterten Kreuzfahrtschiffs.

Bild: SN/Arens

<?Uni SchriftArt="Frutiger LT Cn" SchriftStil="0" SchriftGroesse="6dp"?> Bild: SN/Arens

Bild: SN/Arens


Die Schwimmer sind von dem auf den Klippen gestrandeten weißen Wal aus Stahl nur durch den Wulst einer Ölbarriere getrennt. Wagt sich einer zu weit vor, ist gleich das kleine Boot der Wachmänner zur Stelle, die auch die Yachten mit Neugierigen auf Distanz halten. Die Katastrophentouristen, die im Frühjahr außer den Massen von Journalisten und TV-Equipments wie Heuschrecken auf der Insel eingefallen sind und diese nach einem Espresso, einer Pizza oder einem Eis schnell wieder verlassen haben, sind inzwischen etwas weniger geworden. Jetzt verbinden viele das Spannende mit dem Angenehmen. Sie kommen schon morgens beizeiten vom Festland mit dem Badezeug unter dem Arm, um nach dem Augenschein des Schiffsbruchs mit dem Bus von Giglio Porto über Giglio Castello, einem der schönsten toskanischen Hügeldörfer in über vierhundert Metern Höhe, hinunter auf die andere Seite der Insel nach Giglio Campese an den Strand mit seinem grobkörnigen Sand zu fahren.

Hier in der Bucht mit dem kristallklaren Wasser ist die "Costa Concordia" weit weg, die italienische Finanz- und Schuldenkrise aber ganz nah. Sonnenschirme und Liegen sind zu Angebotspreisen zu haben; die wenigen Hotels haben eine dramatisch niedrige Belegungsrate, die die Verantwortlichen lieber verschweigen. Aber eines sei klar, so ist zu hören, mit dem Schiffsunglück habe das nichts zu tun. Zurück nach Giglio Porto, dessen mit Restaurants und Geschäften belebte Uferstraße nicht sehr viel länger ist als der verhasste Koloss mit seinen 290 Metern da vorn im Wasser. Die "Costa Concordia", eine ehemals schwimmende Stadt mit über 4200 Menschen, wirkt deplatziert, wie aus einem falschen Film hierher geraten, eine "Titanic" am Dorfrand. Schiffskommandant Francesco Schettino, der mit einem verwegenen Bravourstück Eindruck machen wollte, aber nah vor der Insel die Katastrophe verursacht hat, wollte sich zunächst damit herausreden, die gerammten Felsen seien auf den Seekarten nicht eingezeichnet gewesen. Das war unverschämt und abwegig, weil diese Felsen über und unter Wasser jedem Giglio-Urlauber als Le Scole bekannt sind und ein Paradies für Sporttaucher darstellen.

Die Generosität bei der Hilfe für die Schiffbrüchigen hat die Gigliesi, die Einwohner der Insel, fast weltweit berühmt gemacht und ist zum Markenzeichen geworden. Ein anderes "Markenzeichen", die zwangsläufige Assoziation von Schiffsunglück und Giglio, möchten sie gern loswerden. Das aber ist unmöglich, solange das Wrack nicht weg ist. "Unsere Zukunft hängt ab von dem Schiff und seiner Entfernung", sagt Bürgermeister Sergio Ortelli, "es ist unser Recht, unsere Ruhe wiederzugewinnen." Wo auch immer man sich im Ortsteil Giglio Porto bewegt oder von der Trattoria aufs Meer hinausblickt, der ungebetene Riese ist schnell im Blick. Er ist präsent auch für die, die den Kopf nicht hinwenden. Er hat für eine längere Weile das Inselleben verändert.

Ruhiges Ferienleben

Die 23,8 Quadratkilometer große Insel lebt von einem Sommertourismus, der nicht auf mondäne Zerstreuung, sondern auf ein ruhiges, familiäres Ferienleben setzt. "Meine alten Gäste sind alle wieder da", stellt eine Restaurantbesitzerin zufrieden fest, "keiner ist wegen des Schiffs ferngeblieben." Doch auf der Insel mit den 51 Kilometer Wanderwegen macht sich die allgemeine Krise nicht nur im Ortsteil Campese bemerkbar. Bürgermeister Ortelli schätzt die Einbußen gegenüber dem vergangenen Jahr auf "25 bis 30 Prozent". Damit, so schätzt ein Hotelbesitzer, kommt die Insel noch deutlich besser weg als einige Fremdenverkehrsorte gegenüber an der Festlandküste der südlichen Toskana. Nach der Meinung des Hoteliers fallen die, die von der "Costa Concordia" abgeschreckt wegbleiben, nicht ins Gewicht. Bei ihm sind sogar Australier aufgetaucht, die auf ihrem Europa-Trip zwischen Venedig und Rom auf der Isola del Giglio Station gemacht haben - wegen des gekenterten Kreuzfahrtschiffs.

Pfarrer Lorenzo Pasquotti hat beobachtet, dass die Insulaner inzwischen sehr viel ruhiger geworden sind und nach dem riskanten Abpumpen des Öls auch Zuversicht gewonnen haben, auch den großen Rest noch heil zu überstehen. Auch die ständige Überwachung der Wasserqualität und anderer Umweltbedingungen durch staatliche Institutionen und Teams von verschiedenen Universitäten trägt zur Beruhigung bei.

 
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