Florian Hill: Expedition Alaska - die letzte Grenze
Von | Aktualisiert vor 102 Tagen
Einige der abgelegensten und rauesten Gipfel dieser Erde befinden sich in Alaska. Die Besteigung dieser Gipfel aus eigener Kraft gehört wohl zu einen der letzten großen Abenteuer unserer Zeit.
Ein Gefühl von innerer Leere und die Verschmelzung von Raum und Zeit, so hält mein Gedächtnis die langen Tage auf dem Juneau Eisfeld in Alaska fest. Erinnerungen, die unlöschbar in mein Gedächtnis eingebrannt sind. Die Zahl der Kilometer, die wir mit Ski und Schlitten auf dem Juneau Eisfeld zurückgelegt haben, die Schwierigkeitsbewertung der Kletterroute an der Südostwand des Taku Peak - es ist eine Geschichte von Herausforderung und menschlichem Ehrgeiz.
Unsere Spuren, die wir Schritt für Schritt auf dem Eisfeld hinterlassen haben, sind schon längst wieder durch den Wind weggefegt oder durch Neuschnee überdeckt - vergängliche Kunstwerke. Das Juneau Icefield, diese eisige Landschaft, wurde für mich zu einem Inbegriff von Zeitlosigkeit, die mich mitten aus der Welt in eine andere Dimension gehoben hat.
Abenteuer entstehen im Kopf
Stunden habe ich hinter meinem Schreibtisch mit voller Konzentration die feinen Linien auf der Landkarte analysiert. Eine Landkarte aus dem Jahre 1962, welche die einzig zugängliche topografische Aufzeichnung über das Juneau Eisfeld in Alaska wiedergibt. Magnetisch kreist mein Zeigefinger um den Berg, nach dessen Namen und Bildern man vergeblich sucht. Selbst der "Alleswisser" Google liefert keinerlei Informationen. Ein Beweis dafür, dass es sie noch gibt, die Berge, die wir nicht per Mausklick "bereisen" können.
Ungewissheit und der Mangel an Informationen ist meineTriebfeder - auf der gesamten Expedition sollte auf jegliche technische Hilfe und Transportmittel in dem fast 4000 Quadratkilometer großen Gletschergebiet verzichtet werden. Eine Art der Selbstverpflichtung, deren Regelgeber und Kontrollzentrum wir selbst sind.
Das bedeutet auch begrenzte Brennstoff- und Nahrungsmittelressource. In einer Notsituation können wir nicht auf eine Infrastruktur zurückgreifen . Das Abenteuer der Juneau Icefield Expedition entstand als Idee in meinem Kopf und folglich muss ich nach Alaska reisen, um herauszufinden wie viel Wirklichkeit hinter meiner Visionen steckt.
Juneau - Stadt der Wildnis
Keine Straße verbindet Juneau mit der Zivilisation. Juneau ist nur mit dem Schiff oder dem Flugzeug zu erreichen. Kaum eine Stadt auf dieser Welt ist so abgelegen wie Alaskas Hauptstadt mit ihren 32.275 Einwohnern, von denen ein nicht geringer Anteil zu den Tlingit-Indianern zählt.
Imposant eingerahmt von Mount Juneau und Mount Roberts empfängt mich die Hauptstadt des größten Bundesstaates der USA. Die Anfänge der Stadt begannen 1880, als der Goldrausch noch den Kontinent in Atem hielt. Zwischen und um den ursprünglichen Baubestand im viktorianischen Stil fügen sich im Stadtzentrum heute moderne Bürogebäude ein. Unmittelbar hinter den Toren von Juneau jedoch beginnt die "Wildnis Alaskas".
Das Juneau Icefield: Eine Welt aus Eis und Schnee
Etwa 25 Kilometer nördlich der Stadt kalbt die mächtige Gletscherzunge des Mendenhall-Gletschers in den gleichnamigen See ab - eine der Eintrittspforten auf das Juneau Eisfeld, Geburtsstätte von über 140 Gletschern.
Mit seinen knapp 4000 Quadratkilometern ist das Juneau Icefield eines der größten Eisfelder dieser Erde, ein Gletschergebiet im Grenzland zwischen Alaska und Kanada. Eine weiße und eisige, von wild gezackten Gipfeln umrahmte Welt und ein Ort der Gegensätze und unberechenbaren Wetterlage. Die Gipfel halten oftmals die Wolken so lange zurück, bis sie sich schlagartig und unvorhersehbar in Schneesturm oder Regen auflösen. Die westliche Seite des Eisfelds ist geprägt vom feuchten Seeklima des Pazifiks. Die tief eingeschnittenen Talgletscher haben dagegen ein ganz eigenes Mikroklima.
Das Abenteuer beginnt: Über den Regenwald auf das Eisfeld
Mein Expeditionspartner Max und ich sitzen schweigend in dem kleinen Zwei-Mann Zelt. Ich rühre noch mehr Zucker in meinen Kaffee und beobachte die Regentropfen an der Zeltplane. Das Wetter in Juneau ist hauptsächlich durch hohe Niederschläge, häufige Bewölkung und starken Winden geprägt. Zwar beschützen viele kleine Inseln die Stadt vor den groben Launen des Ozeans, aber eine anhaltende Schönwetterperiode ist in Juneau so häufig wie ein Sechser im Lotto.
Zu Beginn der Expedition müssen wir aus eigener Kraft insgesamt 100 kg Material über den gemäßigten Regenwald Alaskas auf die Eiskappe transportieren. Faszinierend ist das Zusammenspiel von maritimem und terrestrischem Ökosystem. In den Jahresringen der Bäume hat man tatsächlich Spurenelemente von Lachsen gefunden. Doch wie sind die dorthin gekommen? Die nur teilweise von Bären gefressenen Fische werden in den Wald transportiert und dort liegen gelassen. Andere Tiere wie Adler, Möwen und Insekten fressen den Rest und verteilen den Lachs als Dünger im Wald. Forscher der Universität Victoria haben dies herausgefunden.
An einem verregneten und nebligen Morgen schleppen wir erste Lasten von Juneau über den Regenwald hoch auf eine subalpine Höhenstufe. Oberhalb der Baumgrenze schaufeln wir ein Depot im Schnee frei, wo wir unser Material zwischenlagern. Am nächsten Tag holen wir die zweite Ladung nach: gefriergetrocknete Nahrung, Brennstoff und KIetterausrüstung. Der Weg durch den Regenwald ist harte Arbeit, immer wieder greifen wir zur Säge, um unseren schmalen Pfad von dichtem Gestrüpp zu befreien. Die mächtige Sitkafichte, der Staatsbaum von Alaska, dominiert hier. Eine andere häufige Baumspezies des Waldes ist die westliche Hemlocktanne, die eine schiefe Krone und weiche, flache Nadeln besitzt. Diese Bäume sind bis zu 700 Jahren alt.
Die Ski haben wir auf unseren Rucksäcken befestigt. Immer wieder stoßen wir mit diesen an die nassen Äste der Bäume, die sich dann gießkannenartig über uns entleeren. Bis auf die Haut nass bauen wir am Abend unser Zelt in der Nähe des Depots auf und versuchen unsere Kleidung zu trocknen. Als Max am nächsten Morgen langsam den Reißverschluss der Zeltplane öffnet, macht sich Desillusion breit. Nebel und Schneeregen, die Sicht ist gleich null. Wir stellen uns ernsthaft die Frage, ob wir ohne technische Navigation den Weg finden werden.
Vier Tage der Schwerstarbeit sollen vergehen, ehe wir alles Material an den oberen Rand des Juneau Eisfeld transportiert haben. Einige Stunden verstecken wir uns in einer kleinen Schneehöhle vor einem tobenden Sturm der uns zu verschlucken droht. Nach einer anstrengen Anfangsphase sind uns bereits die Strapazen ins Gesicht geschrieben.
Auf dem Juneau Icefield
Heute wollen wir endgültig auf das Icefield aufbrechen und das Wetterglück ist mit uns. Wir sortieren zügig Proviant und Material. Alles ist genau abgewogen und das Essen in kleine Tüten verpackt. Wenn man alles selbst schleppen muss, wird man zum radikalen Grammjäger. Das Zelt, unser Wohnzimmer für die nächsten Wochen, unser Halbseil, und eine 6 Millimeter dicke und 60 Meter lange Reepschnur, verstauen wir mit dem Rest der Kletterausrüstung und anderem Equipment auf unsere Plastikschlitten. Nichts bleibt zurück.
Um auf den Gletscherboden zu gelangen, müssen wir in Schrägfahrt einen Steilhang vorsichtig auf den Skiern abrutschen. Die Sonne reflektiert sich jetzt im Eis und Schnee, sodass wir zum ersten Mal Sonnenschutzcreme auftragen. Kaum vorstellbar, welche Stürme hier über das Eisfeld fegen können. Vor uns liegt nun ein Teil des Juneau Icefield, das nördlich in kanadisches Territorium übergeht. Hinter uns, unvorstellbar, der pazifische Ozean. Ein schöner Moment, der uns die Sicherheit gibt, das gesteckte Ziel erreichen zu können. Eine erste und anstrengende Phase haben wir hinter uns und wissen noch nichts, welche Strapazen in den kommenden Tagen auf uns warten werden. Max und ich stehen stillschweigend nebeneinander, die Schlitten mit einem selbst konstruierten Zugsystem an die Hüftflossen unserer Rucksäcke befestigt.
Death Valley - Tal des Todes
Gerade hoch zum Himmel, so scheint es, bringt uns ein steiler Hang aus dem unteren Teil des Juneau Icefield auf einen Bergkamm. Diesen müssen wir in nordwestlicher Richtung überwinden, um in das "Death Valley" - das Tal des Todes - abzusteigen. Immer wieder unterbrechen wir jetzt unseren gleichmäßigen Trott. Spontane Lawinenabgänge beunruhigen uns. Einen einzigen Fehltritt würden wir hier sehr wahrscheinlich mit dem Leben bezahlen. So etwas wie einen Lawinenpiepser tragen wir nicht bei uns.
Als schlagartig die Sonne verschwindet und der Nebel zunimmt, wird die Sicht miserabel. Eine knappe Stunde später stehen wir im White-Out. Es gibt kein oben und unten mehr. Alles ist nur noch in einem dichten Weiß. Wir würden wahrscheinlich auf der Stelle umdrehen und nach Hause rennen, hätten wir uns die letzten Stunden nicht von der imposanten Umgebung überzeugen können.
Konzentriert zählen wir die Höhenlinien auf der Karte, rechnen von der amerikanischen Maßeinheit "feet" in Meter um und rätseln über unser Weiterkommen.
Um auf das "Death Valley" zu gelangen, müssen wir einen Gletscherabbruch überwinden. Darüber zu spekulieren, wie zerklüftet dieser Gletscherabbruch wohl sein mag, oder über die Gefährlichkeit der Spaltensituation, hat keinen Sinn, Informationen gibt es keine. So tasten wir uns langsam in dem Gebiet vorwärts. "Irgendwo hier muss es doch nach unten gehen". Diesen Satz sage ich mir immer wieder vor. Plötzlich bleibe ich stehen und drehe mich um. "Was ist los?" fragt Max. "Ich glaube wir sind hier falsch", antworte ich und werfe erneut einen Blick auf die Karte. Wie durch einen Zufall lichtet sich der Nebel für wenige Sekunden und wir können Umrisse der Umgebung erkennen. Meine Intuition bestätigt sich. Wir stehen auf einer großen gefährlichen Wächte, noch ein paar Schritte, dann wären wir samt mit unseren Schlitten eine über hundert Meter steile Felswand hinabgestürzt. "Runter wären wir da schon gekommen", spottet Max in seiner lakonischen Art.
Gemeinsam Alleine
Waghalsig seilen wir unsere Schlitten über den Gletscherabbruch ab. Dazu bauen wir mit den Skiern eine Verankerung im Schnee, an der wir anschließend die Schlitten ablassen. Diese Abseilaktion kostet Zeit und Nerven, ist aber aufgrund der schlechten Sicht nicht zu vermeiden. Plötzlich, in einem unachtsamen Moment, verschwindet einer unserer Schlitten fast ganz in einer dunklen Gletscherspalte. Nicht auszudenken, welchen Mehraufwand wir betreiben müssten, um den schweren Schlitten aus der Spalte zu bergen. Als wir endlich im "Death Valley" stehen, wird die Sicht besser. Jetzt können wir zum ersten Mal das gigantische Ausmaß des Juneau Icefield erkennen.
Die einzigen Fixpunkte sind die Berge am Horizont. Mehrere Stunden, gar Tage von unserem Standort entfernt. Bei guter Sicht scheint die Navigation klar zu sein. Doch etwas anderes bedrückt mich. Ein Gefühl des ausgesetzt Seins beschleicht mich. Es ist jetzt Realität und unverrückbare Tatsache, dass wir nur aus eigener Muskelkraft den Weg in die Zivilisation zurück finden werden. Das Schicksal liegt also bei uns selbst. Wir haben uns für einen radikalen "by fair means" Stil entschieden, könnten uns somit noch nicht einmal ausfliegen lassen, denn wir besitzen keine technischen Hilfsmittel, kein Satellitentelefon, mit dem wir Hilfe aus der Luft anfordern könnten.
Es entsteht eine einsame Stille und eine aufkommende innere Leere in mir. In der Monotonie des Gehens, mit jedem Schritt, kommt mir nun die eigentlich "brutale"Gewissheit, jeder von uns ist jetzt alleine und trotzdem gehen wir gemeinsam.
White-Out - Nervenprobe auf engstem Raum
Am anderen Morgen schaue ich vorsichtig aus dem winzigen Belüftungsschlitz unseres Zeltes. Draußen tobt der White-Out. Boden und Horizont gehen nahtlos ineinander über. Mit dem englischen Begriff "White-Out" wird ein meteorologisches Phänomen beschrieben, das häufig in Polarregionen auftreten kann. Durch die extreme diffuse Reflexion des Sonnenlichts an den Schneekristallen und der Bewölkung, vermischen sich Himmel und Erde zu einem einzigen Konglomerat ohne Horizont. Keine Entfernung, Keine Schatten, keine Landschaft.
Wir können uns nicht aus dem Zelt wagen, sind gezwungen auf bessere Sicht zu warten. So liegen wir nebeneinander, schweigend, die Augen auf die Zeltplane über uns gerichtet und verbringen 72 Stunden des Wartens auf bessere Sicht und Wetter in einer meditativer Haltung.
Die Warterei strapaziert das Nervenkostüm meines Kletterpartners. Wäre da nicht dieser Berg, den ich unbedingt besteigen will, ich würde in diesem Moment voller Sinnlosigkeit verrückt werden. Die Zeit in unserem Zelt scheint zum Stillstand gekommen zu sein. Wir kennen keine Minuten und Stunden mehr. Einzig das Tageslicht markiert den Übergang zwischen Tag und Nacht.
Es ist bedeutend kälter geworden und ich knipse meine Stirnlampe an. Eiskristalle funkeln im Lichtkegel meiner Lampe an der Zeltplane. Als ich mich in meinen warmen Daunenschlafsack zurechtrücke, weiß ich, dass wir am nächsten Tag weiterkommen werden.
Der Taku D Peak - anonymer Wegweiser
Am nächsten Morgen. Ein makelloser blauer Himmel strahlt uns entgegen und hebt sofort die Stimmung. Es ist sieben Uhr und eisig kalt.
Zügig schmelzen wir ein paar Eisbrocken zu Wasser, um unsere Thermoskannen damit zu füllen. Max und ich sind mittlerweile zu einer Einheit geworden und brauchen nicht mehr viele Worte zu wechseln, um bestimmte Tätigkeiten auszuführen. Wir funktionieren einfach, jeder kennt seine Handgriffe, die Aufgaben sind klar.
Als wir uns an diesem Tag langsam in Bewegung setzen, spüre ich eine unglaubliche Energie in meinen Beinen. Die letzten drei Tage Zwangsrast haben meinen Körper vollständig regenerieren lassen.
Jetzt besteht kein Zweifel mehr. Die ebenmäßige Pyramide, der wir uns langsam annähern, muss der Taku D Peak sein - dessen Namen nur Wissenschaftlern des "Juneau Icefield Research Programm" ein Begriff ist. In seiner ästhetischen Gleichförmigkeit hebt sich dieser Berg von allen anderen ab. Aus der Distanz betrachtet erscheint er vielmehr als ein Symbol in dieser schroffen Gebirgswelt zu sein, die keiner Ordnung und Geometrie zu folgen scheint.
Mit jedem weiteren Tag wird dieser Berg für uns zu einem immer wichtigeren Ziel. Ein Ziel, das aus weiter Ferne Hoffnung verspricht, irgendwann anzukommen. Kein bloßer Haufen aus Stein, Eis und Geröll, sondern eine Projektionsfläche der eigenen Gefühlswelt. Wie ein Pförtner überwacht der Taku D Peak den Übergang von Taku auf den Matthes Gletscher, dessen Eispanzer bis zu 1370 Meter dick ist. Nur wenige Kilometer nördlich gelangt man auf kanadisches Territorium. Kein Grenzposten, keine Linie markiert diesen Übergang zwischen Kanada und den USA. Die Anarchie der Natur kennt keine Grenzlinien, sie besteht nur in unseren Köpfen.
Vorbereitungen auf ein Abenteuer in der Vertikalen
Es ist ein Phänomen der Berge, dass sie aus der Distanz abweisend, steil und unnahbar wirken. Ganz so, als wollen sie uns damit warnen, ihnen bloß nicht zu nahe zu kommen. Aus nächster Nähe aber betrachtet erschließen sich für einen Bergsteiger manchmal gleich mehrere Möglichkeiten, eine solche Wand zu durchsteigen. Die steile Süd-Ost Wand des Taku D Peaks stößt uns sofort ins Auge. Hastig machen wir Bilder aus der Ferne, die wir abends im Zelt auf dem Display unserer Digitalkamera analysieren. Wir meinen bereits so etwas wie eine "Schwachstelle" in der Wand gefunden zu haben, durch die wir steigen könnten.
Etwas Nervosität macht sich breit. Die Zeit ist in natürlicher Weise gegen uns. Zwar liegen wir bis zum jetzigen Moment im Zeitplan, aber sollte die Kletterei aus irgendeinem Grund zu lange dauern, werden wir beim langen Abstieg vom Juneau Icefield ein Problem bekommen. Nicht zu vergessen die unberechenbaren Wetterkapriolen und die daraus resultierenden Zwangsrasten. Jeder Tag ist kalkuliert, limitiert und deswegen sehr wertvoll für uns.
Im Basislager auf dem Juneau Icefield
Unser Basislager errichten wir 20 Minuten Gehzeit von der Wand entfernt. Langsam erlischt die Sonne am Horizont und taucht das Icefield in eine pastellfarbene, surreale Stimmung. Unsicher machen uns die Lawinenkegel. Zwar sind die Nächte kalt, aber im Tagesverlauf wird es von Tag zu Tag wärmer. Verspätet erreichen auch uns die frühlingsbedingten, warmen Temperaturen auf dem Juneau Icefield in Alaska, die loses Wasser in die Schneedecke bringen.
Bis spät in die Nacht skizzieren wir auf einem Blatt Papier verschiedene Routenverläufe. Bei aller Unklarheit über die Bedingungen in der Wand ist eine Sache klar, der Abstieg über den Südwestgrat. Oftmals sind es die Abstiege, die dem Bergsteiger das Leben schwer machen. Eine Statistik beweist es, die meisten tödlichen Unfälle passieren im Abstieg und nicht im Aufstieg.
Zum letzten Mal an diesem Tag schmelzen wir Schnee und Eis zu trinkbarem Wasser. Das gleichmäßige Zischen der Kocherflamme hypnotisiert mich und langsam spüre ich Müdigkeit. Doch einschlafen kann ich nicht. Mich plagt das Wissen, dass wir nur einen "Schuss" für unsere Erstbegehung haben. Geht der Schuss daneben, müssen wir einpacken und weiter ziehen. Eine zweite Chance haben wir nicht. Auch die aktuelle Lawinensituation setzt mich unter Druck. Ich versuche, wenigstens ein paar Stunden zur Ruhe zu kommen.
Ein Kletterabenteuer in der Eiswüste beginnt
Mitten in der Nacht werden wir munter. Der obligatorische Blick aus dem Zelt: dichter Nebel, leichter Schneefall. Bergsteigen in Alaska hat seine ganz eigenen Gesetze. Wir setzen alles auf eine Karte und entscheiden uns nach einem kurzen Frühstück, die bereits gepackten Kletterrucksäcke zu schultern und loszuziehen. Unsere Spur, die wir in der Vorbereitung bis an den Wandfuß gespurt haben, ist noch gut sichtbar. Etwa 30 Minuten später stehen wir am Wandfuß. Beide sind wir schon viel zu entschlossen, das Seil auszupacken und loszuklettern, als den Versuch abzubrechen und wieder zurück zum Zelt zu gehen.
Wir wissen aus den vergangenen Tagen, wie blitzartig morgendlicher dichter Nebel und Schneefall sich in einen strahlend blauen Himmel verwandeln kann. Eine rationale Erklärung dafür haben wir in diesem Moment nicht. Wir legen die Klettergurte an und sortieren die Absicherungsgeräte an unserem Gurt. Mit einem Seil verbunden werden wir jetzt zu einer Einheit am Berg.
Einstieg in die Route
Durch hüfthohen Schnee spuren wir den Weg an der Felswand hoch. Max' Gesicht zeigt mir am Einstieg alles, Bereitschaft und Freude, aber auch Ernst und Sorge. Grauer und schwarzer Fels türmt sich über uns auf. Ich mache den Einstieg in die Wand. Es sind nicht nur die kalten Hände, sondern auch die steifgewordenen Muskeln vom tagelangen Schlittenziehen, die die sonst flüssigen Kletterbewegungen einschränken.
Der Fels ist brüchig, aber ich finde guten Halt mit meinen Expeditionstiefeln. Die erste Seillänge beende ich nicht ganz 50 Meter über dem Boden. Vorsichtig taste ich die Felsrisse ab, um dort zwei Friends und einen Klemmkeil zu legen, die ich mit einer Reepschnur miteinander verbinde, um einen soliden Stand zu bauen.
Ich ziehe drei Mal am Seil, ein wortloses Zeichen für Max, losklettern zu können. Der vorher dichte Nebel über dem Eisfeld weicht langsam den kräftigen, morgendlichen Sonnenstrahlen. Trotz der Anspannung macht sich Zufriedenheit breit. In der nächsten Seillänge müssen wir ein kleines Dach umgehen, dass wir nur technisch hätten klettern können. Ich bin noch im Vorstieg und wage mich nur langsam daran vorbei. Ich kann keine Zwischensicherung legen, da in den Rissen noch Eis steckt, das wiederum für eine Eisschraube nicht solide genug wäre. Zum Glück haben wir ein großes Sortiment an Schlaghaken mitgenommen, die zwar zusätzliches Gewicht bedeuten, aber mir hier unerlässlich sind.
Ungefähr 200 Meter über der riesigen Eisfläche des Juneau Icefield müssen wir uns jetzt über den weiteren Verlauf der Route einigen. Es gibt die Möglichkeit, durch einen schweren Riss zu klettern oder über ein kleines Feld aus Faulschnee heraus zu traversieren. Das eine verlangt Können, das andere etwas Glück. Wir entscheiden uns für den Riss. Reibend und raspelnd stemme ich mich durch den Riss und schlage einen langen Winkelhaken zur Sicherung. Immer wieder verklemmt sich mein Rucksack. So kann ich hier gar nicht aus der Wand fallen, denke ich mir. Als ich aus dem Riss aussteige und auf ein steiles Schneefeld gelange, starre ich in einen makellosen, blauen Himmel.
Der Schneeanker, den ich versuche zu setzen, um Max sicher nachzuholen, ist mehr als fragwürdig in seiner Belastung. Solide klettert Max durch den Riss und entfernt alle Zwischensicherungen.
Realutopie - wenn Träume sterben
Die letzten hundert Meter zum Gipfel des Taku D Peak stapfen wir unsicher wie auf Eierschalen in knietiefem Schnee. Die steile Flanke ist jetzt stark der Sonne ausgesetzt und der Schnee ist weich und schwer. Unsere Angst vor einem spontanen Schneerutsch ist fast größer als die Angst vor einer durch Zusatzbelastung ausgelösten Schneelawine, die uns in den sicheren Tod reißen würde.
Auf dem Gipfel angekommen, kann ich zum ersten Mal bewusst diese faszinierende Umgebung genießen. Mein Blick schweift in die Ferne, meine Gedanken mit ihm. Der neuen Route an der Süd-Ost Wand des Taku D Peak geben wir den Namen "epic", was so viel wie "lang und abenteuerlich" bedeutet.
Und wie immer, wenn ich am Gipfel stehe, hat es auch diesmal etwas Wehmütiges, man verliert einen Traum der nun zu einer Realutopie herangereift ist. Die Juneau-Icefield-Expedition - ein ständiger Tanz zwischen den Grenzlinien Himmel und Erde. Monatelange Recherchearbeit und Vorbereitungen gehen mit einem Schlag zu Ende. Um zu unseren ganz persönlichen "Traumberg" zu gelangen, mussten wir aus eigener Kraft verschiedene Vegetationsstufen durchlaufen, vom pazifischen Ozean über den Regenwald, auf das "ewige" Eis bis hinauf zum Gipfel des Taku D Peak. Ein Abenteuer, das erst durch die Reduktion technischer Hilfsmaßnamen komplex und zu einem Grenzgang geworden ist.
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