Fette Tage für Nixen und Jazz
Von | Aktualisiert vor 117 Tagen
Julie Lea ist mächtig stolz auf ihre Nixen. Mehr als fünfhundert Frauen haben sich dieses Jahr zum ersten rein weiblichen Karnevalszug angemeldet. "Es ist das erste Mal seit elf Jahren, dass sich eine neue Gruppe für den Mardi Gras von New Orleans formiert", sagt die 38-jährige Gerichtsangestellte. Noch wird an den Kostümen genäht, viel Zeit bleibt nicht mehr.
Seit mehr als hundertfünfzig Jahren ziehen in den zweieinhalb Wochen vor dem Mardi Gras, dem "fetten Dienstag" also, Dutzende Vereine in farbenfrohen Fantasiekostümen durch die Stadt. Die Gruppen mit afrikanischen, altgriechischen und ägyptischen Namen bereiten sich das ganze Jahr auf die mehr als fünfzig Umzüge vor, die von mehr als fünfhundert Blechbläser-Bands begleitet werden.
Über eine Million Menschen säumen die Umzüge durch verschiedene Viertel der Stadt, Höhepunkt ist der Faschingsdienstag, der Mardi Gras. Auch Peter Fonda und Dennis Hopper, die Archetypen des rebellischen Amerika aus "Easy Rider", hatten den berühmten Mardi Gras als Ziel ihres "Born to Be Wild"-Trips.
Selbst Hurrikan Katrina konnte im Jahr 2005 die Feierlust der Menschen in New Orleans nicht stoppen. Neun Monate nach der Flutkatastrophe zogen Karnevalisten schon wieder durch die zu zwei Dritteln unbewohnbare Stadt und verkündeten ihr berühmtes Motto: Anything goes. Am wildesten geht es im French Quarter zu, obwohl dort seit Mitte der 70er-Jahre keine Umzüge mehr stattfinden. Feuerwehr und Polizei konnten nicht mehr für die Sicherheit der enthemmten Massen garantieren.
Das alte Viertel, Le Vieux Carré, das in sieben Quer- und 13 Längsstraßen das Amüsierviertel French Quarter umfasst, wurde Anfang des 18. Jahrhunderts auf dem höher gelegenen Nordufer des Mississippi erbaut und ist heute das ganze Jahr über die größte Freiluftpartymeile der Vereinigten Staaten. Sie ist ganzjährig geöffnet und der einzige Ort der USA, an dem man auf offener Straße Alkohol trinken darf.
Bezeichnenderweise heißt der für New Orleans typische Cocktail "Hurricane", eine meist fürchterlich süß servierte — und an der berüchtigten Bourbon Street in Miniatur-Waschmaschinen gemixte — Rummischung mit durchschlagender Wirkung. Inmitten einer in Amerika einmalig hohen Dichte ausgezeichneter Restaurants, Cafés, Clubs und Bars gehen die meisten Besucher rund um die Bourbon Street der Hauptbeschäftigung von New-Orleans-Touristen nach: Drink um Drink in einen Zustand benebelter Euphorie zu gelangen und sich an den Tönen der zahlreichen Bands zu berauschen. In Dutzenden Bars und Clubs kann man die Musik des tiefen Südens genießen: Blues, Rock, Jazz, Cajun-Music oder Hip-Hop, es ist für jeden etwas dabei.
Höhepunkt der Musik-Gemeinde ist das Jazz- & Heritage-Festival. Heuer spielen an den zwei Wochenenden von 27. bis 29. April und vom dritten bis zum sechsten Mai auf dem Festivalgelände mehr als hundert Bands. Die Beach Boys feiern Wiederauferstehung, die berühmte Preservation Hall Jazz Band begeht ihr 50-jähriges Jubiläum, Tom Petty, die Eagles, Herbie Hancock treten auf — und natürlich Irma Thomas, New Orleans’ berühmteste Sängerin. "New Orleans ist Musik pur", brüllt mir Queen Pleshette ins Ohr. Die tätowierte Sängerin hält sich mit Auftritten in den Clubs der Stadt über Wasser. Wir stehen in der Sing-Sing-Bar an der Bourbon Street, einem der ältesten Rock-&-Blues-Schuppen im French Quarter. Auf der kleinen Bühne drängelt sich eine Handvoll Musiker und spielt feinsten Rock. Einige Paare tanzen, die Stimmung ist prächtig. Nach dem Ende des Sets geht ein Musiker mit einem großen Pappbecher herum und sammelt "tips", Trinkgeld für die Band. Nicht jeder gibt etwas, schließlich kostet das Bier ja schon fünf Dollar.
Fast sieben Jahre nach dem Hurrikan Katrina herrscht im French Quarter wieder business as usual. Aus dem "Krazy Korner" dröhnt lauter Pop, im "Old Absinth House" trinken sich Mittelklassepärchen warm und vor dem "Bourbon House" warten Kunden geduldig in einer Schlange darauf, dass ein Tisch frei wird.
Bereits morgens stehen die Touristen an der Canal Street für die berühmten Street Cars Schlange, mit denen man in das Nobelviertel Garden District mit seinen verspielten, weiß leuchtenden Südstaaten-Villen fahren kann, für 1,25 Dollar je Fahrt. Eine neue Linie zum Bahnhof wurde kürzlich eröffnet. "New Orleans ist wieder da. Dank unseres Überlebenswillens, dank unserer Musik und dank Mardi Gras", sagt Julie Lea und freut sich auf den ersten Umzug mit ihren Nixen.
Anreise:
Flüge z. B. mit United Airlines ab Frankfurt ab 580 Euro, mit American Airlines ab 600 Euro, zu Karneval und Jazzfest steigen die Preise stark.
Unterkunft:
Hotel Monteleone, mondän, mitten im French Quarter, www.hotelmonteleone.com.
Le Richelieu im French Quarter, schnuckeliges, ruhiges Hotel, www.lerichelieuhotel.com.
Bed & Breakfast-Tipp: Garland Guest House, www.historicgarlands.com.
Essen:
"August", New-Orleans-Küche, www.restaurantaugust.com. "Brennan’s", Frühstück, www.brennansneworleans.com.
Musik:
Preservation Hall, www.preservation-hall.com.
Krazy Korner, Rock, www.krazykorner.com.
Snug Harbor, Jazz, www.sugjazz.com.
Touren zu den Themen French Quarter, Voodoo, Jazz, Friedhöfe: www.tourneworleans.com
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