Elba nimmt gefangen
Von | 23.07.2012 - 00:00
Manchmal hängen Urlaubsträume am seidenen Faden statt Schiffe an Ankerketten. Ein ruhiger Tag im Mittelmeer, kaum Wellengang. Doch vor der Sandbucht von Sant’Andrea auf Elba ist der türkische Frachter "Mersa 2" auf Grund gelaufen. Erste Ölsperren sind platziert. Die Bilder der "Costa Concordia" in Schräglage vor der toskanischen Nachbarinsel Giglio sind noch allgegenwärtig.
Andrea, der Eigentümer der Tauchschule des gleichnamigen Orts, führte gerade 24 Stunden zuvor eine spritzige Motorbootfahrt just an jener Felshöhle vorbei zur 1972 gesunkenen "Elviscott". Das malerisch überwachsene Wrack zieht Unterwassersportler in seinen Bann. Ebenso wie Millionen von Brand- und Goldstriembrassen bis hin zum bunten Meerpfau.
Wobei sich die Faszination Meer keineswegs auf diesen Fleck Elbas konzentriert. Die Hauptinsel des toskanischen Archipels steht für Felsküsten, die von unterschiedlichsten Buchten unterbrochen werden: Schwarz mit blinkenden Quarzsplittern, dann wieder strahlend weißer Kalkstein am Capo Bianco, häufig aber Granit, manchmal von Erzen rötlich gefärbt, und dazwischen goldgelber Sand.
Die Fahrt über Elba offenbart nicht nur landschaftliche Vielfalt, sondern auch deren unterschiedliche Belebung. Im östlichen Teil des Eilands, das - mit etwas Fantasie - fischförmige Umrisse zeigt, konzentriert sich der Tourismus. Je weiter man gegen Westen vordringt, desto ruhiger wird es. Der internationale Flughafen liegt im Südwesten der Insel. Er ist nicht gerade einfach anzufliegen und eine Herausforderung für Piloten. Doch landen hier durchaus ein paar Ferienflugzeuge. "Und mit den Fähren kommen im Augenblick gar nicht mehr so viele Italiener", beklagt Hotelier Maurizio Testa. Für sein erstes Boutiquehotel der Insel namens Ilio braucht er sich ohnehin keine Sorgen zu machen. Von Juni bis September bleibt da, mit oder ohne Italienerboom, kaum eines der 20 Zimmer leer. Denn Großhotels sind auf Elba rar, seit zehn Jahren wurde keines mehr hier errichtet.
Dafür öffnet sich hinter jedem Hügelzug eine andere Landschaft. Werden die Täler sanfter, stehen Weinreben Spalier. Etwa jene mit der nur hier anzutreffenden Aleatico-Traube, deren süßer Saft auch die häufig servierte Süßspeise Schiaccia Briaca tränkt, den "besoffenen Kuchen". Auf einer italienischen Insel fällt das kulinarische Element eben nie unter den Tisch.
Doch es wäre kein Elba-Besuch, würde nicht Napoleon als der Insel berühmtester Langzeitgast seinen Tribut einfordern. In zwei Jahren wird das 200-Jahr-Jubiläum von Napoleons Exil auf Elba das Eiland dominieren. Das Hauptmuseum wird bis dahin rundum erneuert, Napoleons Landsitz zeichnet sich durch höchst schlichtes Interieur und geringe kulturhistorische Werte aus. Hier logierte also der kleine Franzose. Aber so richtig klein ist der Franzose nur auf den hier ausgestellten zeitgenössischen Karikaturen und dank Alfred Adlers "Napoleon-Komplex". In Wahrheit soll er wengistens 1,68 Meter erreicht haben. Vor allem aber relativiert sich nach Konsultierung der Geschichte der Begriff "Gefangenschaft". Als Napoleon für seine Rückkehr nach Frankreich alles vorbereitet hatte, entschwand der englische Bewacher zwecks "Liebesabenteuer" kurz einmal nach Pisa. Der Österreicher hatte sich schon vorher verkrümelt.
Sonst hat der toskanische Archipel stabilere Gefängnisqualitäten. Er umfasst sieben Inseln: Elba, Capraia, Gorgona, Pianosa, Montecristo, Giglio und Giannutri. Vieles davon streng geschütztes Naturschutzgebiet, welches exakt 1000 Menschen pro Jahr besuchen dürfen. Die kleine Insel Pianosa beherbergte noch länger Gefangene: Von 1979 bis 1998 "genoss" eine Handvoll Mafiosi streng bewacht die Insel. Heute werden all diese menschenarmen Eilande bevorzugt von Naturforschern besucht. Auf Elba selbst findet man Mufflons, Wildschweine, eine Vipernart und seltene Zugvögel. Ganz abgesehen davon, dass sich in die Meereswelt des Archipels gar nicht so selten neben Delfinen auch Wale einfinden.
Auch weiterhin. Denn nach wenigen Stunden ward "Mersa 2" befreit. Ohne Ölaustritt. Es ist noch einmal gut gegangen. Man begibt sich wieder in die Urlaubshorizontale - oder auf Tauchstation ins kristallklare Nass.
Boutiquehotel Ilio Elba:
Tel. +39/05 65-90 80 18
www.hotelilio.com
InterSky Luftfahrt:
www.intersky.biz
Osteria La Botte Gaia:
Porto Azzurro
+39/05 65-95 6 07
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