Der Affe holt die Nuss
Von | Aktualisiert vor 110 Tagen
Sumatra — auf dieser Insel im Indischen Ozean pendelt der Besucher zwischen Welten: In den großen Städten wie Medan träumen die jungen Leute von Spitzentechnologie und Multimedia, in den Dörfern hingegen wird oft noch nach Urgroßvaters Art gewerkelt, und sauberes Trinkwasser und gesundheitliche Betreuung sind noch längst keine Selbstverständlichkeit. Farbenfroh ist Sumatra, liebenswert und voll Abwechslung und zieht mit Natur, Traditionen und seinem bunten Völkergemisch jeden europäischen Besucher über kurz oder lang in seinen Bann.
Da leben Batak-Ureinwohner friedlich mit einst eingewanderten Chinesen, Indern und Malaien zusammen, muslimische Kinder besuchen gemeinsam mit katholischen, buddhistischen oder protestantischen Jugendlichen dieselbe Schule. Und da gibt es schließlich den riesigen Tobasee — den größten Kratersee der Welt —, hoch aufragende Vulkane, reißende Flüsse und Regenwälder ohne Ende.
Dschungelerlebnisse der besonderen Art vermittelt ein Besuch im Orang-Utan-Rehazentrum Bohorok und im angrenzenden Gunung-Leuser-Nationalpark. In den Weiten der geschützten Region sind neben Orang-Utans auch Sumatra-Tiger, Sumatra-Nashörner - beide vom Aussterben bedroht -, Krokodile und Elefanten daheim.
Die Entdeckungsreise beginnt im kleinen Ort Bukit Lawang. Entlang des Bohorok-flusses säumen unzählige Verkaufsbuden und winzige Kneipen den holprigen Weg, denn an den Wochenenden tummeln sich hier Hunderte Besucher. Am Ufer ist Picknick unter Palmdächern angesagt oder Raftingversuche in Autoschläuchen. Frauen bringen ihre Wäsche mit zum Fluss, und Kinder sind gerade dabei, ein Äffchen zu dressieren.
Hinter den letzten Häusern geht es auf glitschigen Pfaden bergauf. Doch zuvor muss der reißende Bohorok River überquert werden — vor wenigen Jahren erst hat er bei einem Unwetter das halbe Dorf weggespült. Abenteuerlich lassen sich Gäste für nur wenige Cent in einem hölzernen Boot an das andere Ufer übersetzen. Nasse Füße sind garantiert.
Nach einem dreiviertelstündigen Marsch über Stock und Stein quer durch den Regenwald ist die Futterstelle der Orang-Utans erreicht. Pünktlich zur gewohnten Zeit stellen sich zwei braun-zottelige Gesellen ein. Rutschend und an einem Baumstamm hangelnd landen sie auf der Fütterungsplattform. Die zusätzliche Tagesration heute: Bananen, Milch und gute Worte vom Ranger. Anschließend geht es zu einer mehrstündigen Trekkingtour in den Nationalpark. Mit viel Glück können hier nochmals ausgewilderte Orang-Utans in freier Natur beobachtet werden Aufpassen heißt es auf Rucksäcke und Fotoapparate: Die "Waldmenschen" sind neugierig.
Szenenwechsel. Aus einer Pflanze lässt die "Erfahrung der Jahrhunderte", wie die Leute in Südasien sagen, 101 nützliche Dinge entstehen — der Kokospalme. In der kleinen Siedlung Sihepeng, auf der Plantage von Hassan, einem 43-jährigen Bauern, recken sich die tropischen Bäume mit ihren gefiederten Blättern gertenschlank gen Himmel.
Hassan weiß seit seiner Kindheit aus dem Effeff, wozu die Palme gut ist: Sie gibt Öl, Fett, Karamell, Alkohol, Essig und Viehfutter. Sie lässt sich aber auch zu Seilen, Matten, Essgefäßen, Baumaterial und vielem anderen mehr verarbeiten — was übrig bleibt, ist immer noch nützlich für Brennstoff in der Küche oder als Räuchermittel gegen die Moskitos.
Doch wie kommt der Bauer an die schweren Steinfrüchte heran, die hoch droben am glatten Stamm bündelweise auf die Ernte warten? Mit einer Handbewegung weist er nach nebenan. Dort findet sich der Hauptdarsteller der nächsten Minuten — ein Affe. Der Siebenjährige wartet auf seinen Arbeitsbeginn. Zwölf Monate lang wurde ihm spielend anerzogen, wie er die Nüsse vom Baum zu holen hat.
Hassan wickelt die Halteleine ab, und schon huscht der Kletterkünstler in Sekundenschnelle den Stamm empor. Genau die Nuss soll es sein, die er abdreht und in das aufgespannte Netz wirft. Noch eine, lautet der Befehl. Und so geht es weiter. 200 bis 300 Kokosnüsse kann das tägliche Arbeitspensum betragen, wenn Ernte angesagt ist. Alles in allem 15 Jahre lang. Dann kommt das "Pensionistenleben" oder der Sprung zurück in die Natur.
Der nächste Besuch führt auf die Tobasee-Insel Samosir. 150.000 Toba-Batak, Ureinwohner, leben hier. Sie haben mit ihren Sitten und Gebräuchen, mit ihren Lebensgewohnheiten und mit beeindruckender Holzarchitektur das Gesicht der Landschaft geprägt.
Auch die 27-jährige Evalina aus Unjur gehört zu ihnen. Wohlstand ist für sie und ihre Familie ein Fremdwort. Ihr ganzer Besitz: ein klappriges Holzhaus mit offener Kochstelle, Schlafmatten, Essgeschirr und knapp ein Morgen Ackerland. Angebaut und aufgezogen wird alles, was sich auf dem Markt verkaufen lässt — Süßkartoffeln, Kakao, Bananen, Nüsse und Jamsknollen, dazu drei Schweine und eine Handvoll Hühner. Vier winzige Zuchtteiche sind der ganze Stolz der mehrköpfigen Familie. Doch jüngst schwemmte ein Wolkenbruch die Fische davon. Das Ziel, irgendwann ein Moped oder gar ein Fernsehgerät zu besitzen, ist so in weite Ferne gerückt.
Einen geruhsamen Ausklang findet die Reise auf der Insel Cubadak unweit der Provinzhauptstadt Padang. Gerade einmal 15 Quadratkilometer misst das Eiland am Rand des Indischen Ozeans. Nur von sieben Fischerfamilien bewohnt, tummeln sich im dichten unberührten Tropenwald neben unzähligen Vogelarten Affen, Wildschweine und Warane. Fast fühlen sich Besucher auf Cubadak allein gelassen wie Robinson, wäre da nicht das hübsche Resort Paradiso Village. Am Strand der Miniaturinsel entstand in den 90er-Jahren dieses Urlauberdorf mit 14 geschmackvollen Stelzenbungalows aus einheimischen Naturmaterialien — eine Augenweide für jeden Ökofreak.
Faulsein ist erlaubt. Nur etwa fünf Meter Weg sind es aus der Hängematte zum türkisblauen Meer. Und wer des Badens überdrüssig ist — für abwechslungsreiche Beschäftigung im Robinson-Leben auf Cubadak sorgen die französische Resortchefin Dominique Murail und ihr einheimisches Team jederzeit gern. Im Angebot für die Gäste stehen Tauchgänge, Kanufahrten, Segeln, Wasserski, Schnorcheln. Und natürlich die beliebten Bootsfahrten zum Picknick auf einer der benachbarten Inseln — indonesisch-französische Küche mit fangfrischen Meeresfrüchten inbegriffen. Nur der Tsunami kommt nicht bis hierher. Vorgelagerte Inseln brechen die Wellenberge und verhindern unliebsame Überraschungen.
Information:
Auf Sumatra gibt es keine richtige Trockenzeit, sehr angenehm ist der September.
Visit Indonesia Tourism Office, Tel. 0049/89/59043906 oder www.tourismus-indonesien.de
Asien-Spezialist:
Neben dem Münchener Veranstalter Lotus Travel Service haben auch Dertour, Meiers Weltreisen oder Jumbo Touristik die Insel Sumatra im Programm, meist im Rahmen
einer Rundreise.
www.lotus-travel.com
www.dertour.at
www.meiers-weltreisen.de
www.jumbo.at
Buchtipps:
Richtig Reisen "Indonesien", DuMont Reiseverlag, 27,80 Euro; "Indonesien", Nelles Verlag, 16,40 Euro; Landkarte "Indonesia: Sumatra", Nelles Verlag, 9,20 Euro.
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