Lifestyle | Genuss 

Kochen für eine bessere Welt

Von | 07.08.2012 - 10:33

Barbara van Melle ist ein Tausendsassa. Wertvolle Nahrungsmittel und gutes Essen sind Vehikel für ihre Botschaften.

Kochen für eine bessere Welt

Barbara van Melle ist seit ihrer Kindheit eine leidenschaftliche Köchin. Bild: SN

Sie ist ein Wirbelwind, sprudelt vor Energie und Tatendrang. Sie ist unkonventionell und unangepasst, selbstbewusst und mutig. Barbara van Melle, unüberhörbar Steirerin, 52 Jahre alt, vierfache Mutter (drei eigene Kinder, ein Pflegekind), seit Kurzem Oma und Botschafterin - als Chefin von Slow Food Wien, einem Verein zur Förderung von Esskultur, Genuss und regionaler Vielfalt. Ihre Bekanntheit nutzt die einstige ORF-Moderatorin (bis zum Jahr 2009), um weltweit die Werbetrommel für wertvolle Nahrungsmittel zu rühren. Mindestens genauso gern wie die Werbetrommel rührt sie den Löffel im Kochtopf für Familie und Freunde. "Ich liebe es, gut zu essen", erzählt die Powerfrau. Und: "Wenn ich Menschen besser kennenlerne, fange ich an zu kochen." So kamen schon prominente Persönlichkeiten wie US-Regisseur Peter Sellars in den Genuss der van-melleschen Kochkünste.

Ihre Küche zu Hause beschreibt van Melle als "total ehrlich und authentisch". "Ich verwende gute Grundprodukte und koche einfache Rezepte wie Pasta, Risotto, Salate oder Fisch. Es muss schnell gehen, ich nehme mir im Alltag nicht länger als eine halbe bis zu einer Dreiviertelstunde Zeit." Das Thema Kochen begleitet Barbara van Melle seit ihrer Kindheit. Die erste Kochbuchsammlung startete sie im Alter von zwölf Jahren. Mit dem Taschengeld kaufte sie jeden Monat ein weiteres Exemplar, bis sie eine Menüserie beisammenhatte. Und da war doch der Mädchentraum, Patissière zu werden. Letztlich beschränkte sie sich darauf, im Elternhaus die Kuchen zu backen. Längst hat Barbara van Melle ein eigenes Kochbuch veröffentlicht, moderiert und lädt monatlich mit Fernsehkoch Oliver Scheiblauer zum achtgängigen Genuss-Dinner. "Meine Mutter würde sich sehr freuen. Sie war geschieden und hat neben ihrer Selbstständigkeit als Dentistin irrsinnig gern gekocht", erzählt Barbara van Melle. "Ich habe den Geschmack der Kindheit kennengelernt und weiß seit damals, wie sonnenwarme, frisch gepflückte Paradeiser schmecken. Wir alle sind nur zu verstehen vor dem Hintergrund der eigenen Biografie." Was sie damit meint? Dass viele Kinder heute nur mehr mit Fast Food und Fertiggerichten aufwachsen. "Wenn sie nur mehr Käpt’n Iglo und Fruchtzwerge kennen, woher sollen sie die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, Intensität und differenziertem Geschmack haben?", fragt sich van Melle.

Hilfe für Drittweltländer

Ihre Genussgene hat sie offensichtlich an den zwölfjährigen Sohn Leon weitergegeben. Er verweigert das Schulkantinenessen, liebt es, fein zu speisen, und kocht selbst. Zum Thema Essen und Schule hat Barbara van Melle viel zu sagen - dass es Zeit wäre für einen nationalen Aktionsplan mit Schulgärten wie in anderen Ländern oder regionalen, gesunden Rezepturen. "Ernährung kommt im Lehrplan nicht vor. Essen hat an Schulen keinen Stellenwert. Und wenn in einer Schule Kochen unterrichtet wird, nennt man diese abfällig Knödelakademie." Barbara van Melle auf Ernährung zu reduzieren wäre viel zu kurz gegriffen. Sie ist Botschafterin, Nahrungsmittel sind das Vehikel für ihre Botschaften. Sie hat jahrelang Connecting people unterstützt, ein Patenschaftsprojekt für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Derzeit bereist sie als Slow-Food-Expertin im Rahmen eines UNIDO-Entwicklungsprojekts Drittweltländer. Es geht um Armutsbekämpfung auf Basis von nachhaltigem Tourismus. Van Melle, zuständig für Essen und Kulinarik, soll Hotellerie und Gastronomie mit Produzenten vor Ort vernetzen. "Ich bin überzeugt davon, dass alles sinnvoll ist, was dem großen Ganzen dient." Sie glaubt fest an eine neue europäische Landwirtschaft, an eine Abkehr von industrieller Fertigung. Handarbeit und der Erhalt der Vielfalt und Regionalität würden wieder einen höheren Stellenwert bekommen, betont die Optimistin. "Es gibt den Wandel und die Bewegung." Sagt’s, setzt ihren Radhelm auf, der aussieht wie ein Safarihut, und radelt mit ihrem neuen E-Bike zum nächsten Termin.

 
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