Der Lobbyist für mehr Sicherheit
Von Gerhard Kuntschik | 22.07.2012 - 00:00

Sein Terminkalender ist voll: Jean Todt wurde zum Wanderprediger in Sachen Verkehrssicherheit. Bild: SN/APA
Wer denkt, im internationalen Automobilverband (FIA) dreht sich alles nur um die Formel 1 und ein wenig um andere Disziplinen, der irrt. Und wird vom Herrn Präsidenten auch sogleich belehrt.
"Die FIA, das ist Mobilität und Motorsport", sagt er und verweist auf die breite Basis der Mitgliederclubs, die wiederum Millionen Verkehrsteilnehmer repräsentieren. Und zu seiner Hauptaufgabe hat der 66-Jährige sein Credo gemacht: "Erziehung zu mehr Bewusstsein für Verkehrssicherheit." Da wird der kleine Franzose sogar manchmal ein bisschen emotional.
"Die Menschheit macht wissenschaftlich so große Fortschritte, schauen wir nur auf den medizinischen Bereich. Doch in Sachen Unfallreduzierung und Bewahrung von Leben geht nicht viel weiter."
1,3 Millionen Tote im Straßenverkehr und 50 Millionen Verletzte pro Jahr, das sind die Fakten, die Todt zum Wanderprediger in Sachen Sicherheitsverbesserung machten. Dazu schließt er sich mit den unterschiedlichsten Partnern zusammen: "Wir kooperieren mit der UNO, der EU, der Weltgesundheitsorganisation WHO usw. Man muss den Leuten klarmachen, dass der Straßenverkehr mehr Opfer fordert als Aids, Malaria oder dergleichen."
Todt begreift die FIA nicht nur als Dienstleister für alle Verkehrsteilnehmer über ihre Mtgliederclubs, sondern vor allem als Lobbyisten für mehr Sicherheit.
"Unsere Arbeit", sagt er, "basiert auf drei Säulen. Aufklärung und Erziehung der Verkehrsteilnehmer und Schaffung von mehr Bewusstsein für Sicherheit ist die erste. Verbesserung der Straßeninfrastrukturen ist die zweite und schließlich Fortschritte in der Automobiltechnik in Partnerschaft mit den Herstellern die dritte."
Zu dieser fällt Todt eine Statistik ein: "Die Einführung elektronischer Stabilitätsprogramme in den Autos reduzierte Unfälle um 16 Prozent." Todt weiß, dass seine Kampagne Zeit braucht: "Heute ist es selbstverständlich, im Auto den Gurt anzulegen. Das brauchte auch seine Zeit. In vielen Dritte-Welt-Ländern fahren fünf Menschen auf einem Motorrad, und keiner trägt einen Helm. Da müssen wir ansetzen."
Es sei Verpflichtung der Industriestaaten, Entwicklungsländer auch in diesen Belangen zu unterstützen: "Dazu sind wir verpflichtet."
In der Vermittlung der Botschafter bedient sich Todt nicht nur der breit gestreuten Organisation der FIA und ihrer Mitglieder, sondern auch seiner Stars aus dem Motorsport:
Für die "FIA Action for Road Safety" sind von Michael Schumacher und Sebastian Vettel bis Sébastien Loeb, Yvan Muller und Alex Wurz alle Meinungsbildner engagiert. Und das Thema ist auch für ihn selbst ein Anliegen: "Ich habe das Privileg, ein erfülltes Leben genießen zu können. Ich denke, jeder Mensch, dem es so gut geht, sollte etwas zurückgeben. So denkt auch Dietrich Mateschitz, der dafür seine Stiftung Wings For Life gründete. Und so setze ich mich für unsere Kampagne ein, um Leben zu retten."
ZUR PERSON
Fahrer, Sportchef, Präsident
Jean Todt (geb. 1946), Franzose polnischer Abstammung, fuhr von 1966 bis 1981 Rallyes und führte anschließend als Sportchef Peugeot unter anderem zu zwei Rallye-WM-Titeln, vier Dakar-Siegen und zwei Erfolgen in den 24 Stunden von Le Mans. 1993 wurde er Sportchef Ferraris und bereitete die Basis für je sechs Fahrer- und Konstrukteurs-WM-Titel (2000 bis 2007). 2008 verließ Todt Ferrari. Im Herbst 2009 wurde er mit großer Mehrheit zum Nachfolger Max Mosleys als Präsident der FIA gewählt.
Die Fédération Internationale de l’Automobile, gegründet 1904, vereint 227 nationale Clubs in 132 Ländern. Der ÖAMTC ist eines der 13 Gründungsmitglieder. Die FIA ist oberste Instanz für Motorsport und Dachverband der Automobilclubs.
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