Das Schweigen der Unschuldslämmer
Von Richard Wiens | Aktualisiert vor 90 Tagen
Dass Telekom-Austria-Vorstandschef Hannes Ametsreiter am heutigen Donnerstag eine tiefrote Bilanz präsentieren muss, ist derzeit noch sein geringstes Problem. Im Unternehmen hat er mit Ronny Pecik einen neuen, höchst unbequemen Großaktionär im Rücken, den nichts anderes treibt, als aus seinem TA-Investment möglichst viel Gewinn zu ziehen. Ein legitimes Anliegen, aber Pecik hat deutlich gemacht, dass er der Führungsriege um Ametsreiter die Realisierung dieses Ziels nicht zutraut.
Ametsreiter hat andererseits das Pech, dass er einen zweiten Eigentümer hat, der ihn durch sein Schweigen schwächt. Die Staatsholding ÖIAG, immer noch größter Anteilseigner, versucht sich mit Neo-Aktionär Pecik zu arrangieren und lässt den TA-Chef im Regen stehen. Markus Beyrer, seit Mitte 2011 Chef der Staatsholding mit sehr überschaubarem Aufgabengebiet - es beschränkt sich auf die Verwaltung der Anteile an drei börsenotierten Gesellschaften -, ist abgetaucht. Zu aktuellen Fragen will er, kann er oder hat er nichts zu sagen. Warum eigentlich?
Zudem ist Ametsreiter das Saubermann-Image los, das er sich nach Hochkommen der Telekom-Affäre selbst anheftete. Die Zweifel steigen, dass er nicht mitbekommen hat, dass die Telekom jahrelang als Geldverteilungsmaschine in der Republik agierte. Seit zehn Tagen wird er von der Staatsanwaltschaft als Beschuldigter in der Causa geführt, auf Basis einer anonymen Anzeige, die ihm Bestechlichkeit vorwirft. Haltlos seien die Vorwürfe, sagt die Telekom, und für Ametsreiter gilt selbstverständlich die Unschuldsvermutung.
Aber das Adjektiv haltlos trifft den Zustand, in dem er sich befindet, auf den Punkt. Ametsreiter verliert den Halt. Neo-Aktionär Pecik rüttelt an seinem Stuhl, die ÖIAG versagt ihm den Rückhalt und von den Regierungsparteien ist schon gar keine Unterstützung zu erwarten. Die haben alle Hände voll zu tun, von ihrer Verstrickung in die Affäre abzulenken. Das persönliche Schicksal des Managers Ametsreiter, der wohl unterschätzt hat, wie ungemütlich der Job in einem Konzern mit Staatsanteil sein kann, ist eine Sache. Die andere ist das Schicksal eines Unternehmens, das immer noch zu 28 Prozent den Steuerzahlern gehört. Die haben ein Recht zu erfahren, was in der Vergangenheit mit ihrem Vermögen passiert ist und was damit in der Zukunft geschieht. Da sind ein paar Antworten fällig, nicht nur von Herrn Ametsreiter.
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