| Standpunkt

Ägypten verspielt jetzt seine Revolution

|

Gut drei Wochen nach dem Sturz des islamistischen Präsidenten Mursi herrscht in Ägypten eine explosive Stimmung.

Der Konflikt zwischen den herrschenden Militärs und den aufbegehrenden Muslimbrüdern droht außer Kontrolle zu geraten. Die Bereitschaft zu reflektiertem Handeln nimmt auf beiden Seiten rapide ab. Die Muslimbrüder wollen nicht begreifen, dass sie das politische Spiel zunächst verloren haben. Ungehört verhallen innerhalb ihrer Organisation Stimmen der jungen Generation, jetzt den Konsens in der ägyptischen Gesellschaft zu suchen und auf ein Comeback bei demokratischen Wahlen zu setzen. Stattdessen gewinnen die Radikalen die Oberhand, die Mursi mit Dauerprotesten in sein Amt zurückbringen wollen, auch wenn das Land damit ins Chaos stürzen sollte.

Dabei schlägt den Islamisten schon jetzt eine Welle des Hasses entgegen: Mursis Mannen haben nicht nur so dilettantisch regiert, wie viele befürchtet haben, vor allem im wirtschaftlichen Bereich. Sie haben auch arrogant und autoritär gehandelt, weil sie aufgrund ihrer Wählermehrheit nach der absoluten Macht im Lande trachteten.

Den Generälen hat die breite Proteststimmung gegen die Islamisten einen Vorwand verschafft, den gewählten Staatschef abzusetzen. Von "Putsch" sollte man nach Ansicht der sprachlichen Puristen in den Streitkräften am besten nicht sprechen, weil ihr Eingreifen ja der Demokratie eine zweite Chance geben solle. Aber trotz der wohlklingenden Worte ist längst klar geworden, dass es sich um eine militärische Machtübernahme handelt.

Zwar gibt es einen Übergangspräsidenten und eine Übergangsregierung. Aber Armeechef al-Sisi inszeniert sich als "starker Mann". Er ruft zu Massenprotesten für seinen Kurs auf, und jedermann im Lande weiß, dass damit ein härteres Durchgreifen gegen die Muslimbrüder gemeint ist. Für die Militärs zählt vor allem, die Islamisten mit allen Mitteln von der politischen Bühne zu drängen.

Mit der Revolution 2011 haben die Ägypter den brutalen Polizeistaat von Präsident Mubarak demontiert. Seit dem Sturz Mursis zeigt sich jedoch, dass der alte Sicherheitsapparat wieder fest im Sattel sitzt. Der Innenminister kündigt jetzt an, dass die politische Polizei, die Parteien und Religionsgemeinschaften "beobachten" solle, neu aufgebaut wird. Eine der zentralen Errungenschaften der Revolution wird rückgängig gemacht. Der "tiefe Staat" - das Netz aus Militär, Polizei und Bürokratie - zieht schon wieder die Fäden in Ägypten.

 
Teilen
Facebook Twittern Google+ Versenden Drucken
0
Dieser Artikel kann nicht kommentiert werden
 
KOMMENTARE (0)