Kolumne  

Soll und Haben

Kolumne | Soll und Haben 

Wo man auf Gesetze pfeift, da wird verpfiffen

Von Richard Wiens | 15.09.2012 - 09:22

104 Mill. Dollar hat ein früherer Mitarbeiter der Schweizer Bank UBS dieser Tage von der US-Steuerbehörde zugesprochen bekommen.

Als Belohnung dafür, dass er seine Vorgesetzten verpfiffen hat und dem Fiskus ermöglichte, gegen betrügerische Machenschaften von UBS vorzugehen. Auch wenn am Ende "netto" nur 44 Mill. Dollar übrig bleiben, kann sich der zum Whistleblower mutierte und vorzeitig aus der Haft entlassene Ex-Banker nun auf ein Leben ohne finanzielle Sorgen einrichten.

Nicht jeder taugt zum professionellen Anschwärzer und ist noch dazu in der Lage, daraus ein einträgliches Gewerbe zu machen. Aber der Whistleblower ist ja nur eines von mehreren Berufsbildern, die in den fünf Jahren der Finanz- und Wirtschaftskrise an Bedeutung gewonnen haben. In mitteleuropäischen Breiten hat sich in Steuerangelegenheiten etwa die Profession des Datendiebes herausgebildet. Auch damit lässt sich Geld machen, Freunde macht man sich damit nicht. In der Eidgenossenschaft hat man kein Verständnis für Neidgenossen, die das Bankgeheimnis wie einen Emmentaler aussehen lassen.

Wenig Freunde zu haben, das ist auch das Los von Regulatoren. Die feiern im Finanzbereich nach Jahren der Deregulierung nun eine Renaissance. Die Art, wie sie ihre Gunst verteilen, erinnert ein wenig an Brechts Dreigroschenoper, wo es heißt: ". . .und man siehet die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht." Mit Vorliebe widmen sich die Regulatoren den Banken, im Wissen, damit nichts falsch machen zu können. Waren Banker früher angesehene Verwalter des Geldes, so sind sie jetzt die bösen Buben. Als Bad Banker gilt heutzutage praktisch jeder, nicht bloß jene, die tatsächlich ein Bad Bank führen.

Da haben es Schattenbanker besser. Gemeint sind jene Finanzfachleute, die im Schatten der regulierten Banken, also etwa bei Hedgefonds, genau jene Geschäfte machen, die man den Banken untersagt. Aber Regulatoren und Politiker, die auf Schattenbanken nicht schauen, werden schnell zu Schattenboxern. Apropos - eine Profession, die aus dem Schatten ins Licht getreten ist, sind die Risikomanager. Lange Zeit wurden sie eher als dem Erfolg im Wege stehende Bedenkenträger abqualifiziert. Heute kommt ein Bankvorstand nicht einmal mehr beim Kauf des Dienstwagens an seinem Risikomanager vorbei.

Schließlich gilt es auf einen in der Öffentlichkeit wenig beachteten Aufstieg hinzuweisen, den der Compliance Officer. Das sind jene Menschen, die in Unternehmen darauf achten, dass Gesetze und andere Regeln eingehalten werden. Sie sind also dafür zuständig, dass nur solche Geschäftspraktiken gepflogen werden, die man reinen Gewissens vertreten kann. Auch sie sind freilich manchmal machtlos. Wenn alles nichts hilft, auch der Appell an den Anstand nichts fruchtet, weil Manager auf die Regeln pfeifen und linke Geschäfte machen, dann hilft nur mehr der Whistleblower. Wo auf die Regeln gepfiffen wird, da wird Verpfeifen zum Geschäft.



 
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