Kolumne  

Soll und Haben

Kolumne | Soll und Haben 

Die schwierige Wiederentdeckung der Langsamkeit

Von Richard Wiens | 21.12.2012 - 21:26

Nicht die Großen fressen die Kleinen, sondern die Schnellen fressen die Langsamen - so lautete für geraume Zeit das Mantra in der Welt der Wirtschaft.

Die Dinge beginnen sich allerdings umzukehren. Nicht nur, dass die Kleinen immer öfter ihre Chancen in den Lücken nutzen, die die Großen lassen, liegen vor allem die Langsamen voll im Trend.

Tempo ist längst nicht mehr alles - wir sind dabei, die Langsamkeit und ihre Segnungen wieder zu entdecken. Auf den ersten Blick bietet sich ein eher zwiespältiges Bild. Einerseits boomen der Hochfrequenz-Handel und die Just-in-time-Produktion. Alles muss höchst effizient und daher so schnell wie möglich passieren. Doch das Ergebnis sieht häufig ganz anders aus. Der sekundenschnelle Computerhandel bereitet zunehmend Probleme, weil der Mensch mit dem Tempo nicht Schritt hält. Und die Autokonzerne machen beinahe im Wochenrhythmus Rückrufaktionen.

Aber was ist mit der Entschleunigung, die liegt doch voll im Trend? Ja, aber auch sie findet in rasantem Tempo statt, für das langsame Herunterkommen lässt das Leben keine Zeit. Viele wollen es im Job ruhiger angehen, aber vorher müssen sie noch schnell einiges erledigen. Immer mehr wollen Slow Food, aber bitte sofort. Das ist so, wie wenn jemand ins Taxi spränge und zum Fahrer sagte: "Zum Gasthaus zur Langsamkeit, bitte. Aber fahren Sie schnell, ich habe wenig Zeit." Sten Nadolny beschrieb in seinem bekanntesten Werk "Die Entdeckung der Langsamkeit" den Seefahrer John Franklin als langsamen Menschen, im Denken und im Tun. Doch dessen vermeintliche Defizite erweisen sich nach und nach als Vorteile, die man nur richtig nützen muss.

Das muss auch jenseits der Literatur gelingen. Es geht nicht nur um Entschleunigung, es geht darum, den Wert der Langsamkeit und der Bedächtigkeit wieder zu erkennen. Das schließt ein, sich Zeit fürs Denken zu nehmen. Wer länger nachdenkt, ist möglicherweise am Ende vor denen, die auf alles sofort eine Antwort und für jedes Problem eine Lösung haben. Die wahren Revolutionäre sind heute die Langsamen.

Das geht nicht ohne Gelassenheit. Darin steckt schon das Loslassen. Und das ist gar nicht so leicht, weil wir alle ständig unter dem Druck stehen, zu vermitteln, dass wir alles im Griff haben, obwohl es nicht so ist. Zum Müßiggang gehört, wie so oft im Leben, auch eine Portion Mut. Sich zurückzunehmen, innezuhalten, in einer schnelllebigen Zeit, in der alle zur Ruhe kommen wollen, sie aber nicht finden. Man müsse, schrieb schon Cicero, "Muße mit Würde" tragen. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Aber es ist den Versuch wert. Es wird langsam Zeit, dass wir es ausprobieren.

 
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KOMMENTARE (3)
 

F H

24.12.2012
13:53 Uhr

Derivat auf Derivat auf Derivat. Und?

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heidi gruber

24.12.2012
13:52 Uhr

wir haben unsere zeit selber in der hand und oft die möglichkeit etwas weg-zu-lassen. lassen wir es zu, und gönnen uns die pause. vielleicht mal versuchen, die wörter "stress" und "hab keine zeit" weg-zu-lassen.

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Christiana Hribernik

23.12.2012
11:40 Uhr

In der Hektik des Alltags haben wir Sehnsucht, manches langsamer angehen zu können. Doch in unserem Leben von Zeit erleben wir die Ambivalenz, beides haben zu wollen, die Schnelligkeit und die Langsamkeit. Wenn ich bei einer Autobahnraststätte von "Landzeit" Halt mache, springt mir jedes Mal ein Beispiel dieses Widerspruchs in der "Landzeit-Philosophie" ins Auge: "Landzeit beschleunigt die Pause". Das lädt nicht zum Verweilen ein, ist wahrscheinlich auch nicht erwünscht.

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