Die Popularisierung der Nationalökonomie
Von Richard Wiens | 13.07.2012 - 14:47
"Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben. Das hat mehrere Gründe, die feinsten sind die wissenschaftlichen." Das schrieb Kurt Tucholsky 1931 im Essay "Kurzer Abriss der Nationalökonomie".
Mit der Wissenschaft ist es bekanntlich so eine Sache. Sie ist manchmal leichter zu durchschauen, als sie vorgibt elitär zu sein. Sie stiftet aber oft mehr Verwirrung, als sie Wissen schafft. Das gilt jedenfalls für die Nationalökonomie, die in den vergangenen Jahren eine regelrechte Renaissance feierte. Die Finanzkrise verkehrte ja vieles ins Gegenteil - aus Papiergewinnen wurden echte Verluste, aus Angehörigen bis dahin honoriger Berufsgruppen wurden Parias der Gesellschaft. Ja, wir reden von Bankern. In jenem Maß, in dem ihr Stern am Firmament des Börsenhimmels verglühte, begann die Bedeutung von Ökonomen kometenhaft zu steigen.
Jetzt gibt es Starökonomen, die, wie Nouriel Roubini, sogar in Hollywood-Filmen ("Money never sleeps") einen Auftritt haben, oder wie Paul Krugman, regelmäßig die Bühne der "New York Times" nützen, um ihr Wissen breiten Bevölkerungsschichten zu vermitteln.
Diese Popularisierung der Nationalökonomie gelingt freilich nicht immer gleich gut. Und da muss man offen sagen, dass die deutschen Ökonomen zwar Volkswirte heißen, aber - anders als ihre US-Kollegen - den Draht zum Volk nicht immer auf Anhieb finden. Am Bemühen fehlt es nicht. Neuerdings machen die Ökonomen dem Namen ihrer Disziplin, der Volkswirtschaftslehre, alle Ehre und begeben sich aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft immer öfter in die Niederungen der realen Wirtschaft. Allerdings gebricht es vielen am nötigen Werkzeug, um sich am Stammtisch des Volkes Gehör zu verschaffen. Differenzierung ist dort nicht gefragt, das erzeugt Missverständnisse. Den meisten macht das gar nichts aus.
Roubini lebt gut von seinem Ruf, dass er schon früher als alle anderen wusste, was kommen würde. Krugmans Berühmtheit leitet sich davon ab, dass er alles besser weiß als die Kollegen seiner Zunft. Hans-Werner Sinn geht es ganz ähnlich, und er ist zudem beseelt davon, die deutschen Tugenden zu bewahren. Daher warnt er unablässig davor, Europas Mezzogiorno den kleinen Finger zu reichen, weil der dann die ganze Hand nehme und das Geld der Deutschen dazu. Zur echten Renaissance der Nationalökonomie fehlt eines. Früher waren ihre Vertreter auch Philosophen. Adam Smith machte durch seine moralphilosophische Arbeit "The theory of moral sentiments" auf sich aufmerksam, bevor er mit dem "Wohlstand der Nationen" den Olymp der Nationalökonomie erklomm. Für einige seiner Nachfolger gilt, was der Römer Boëthius schrieb: "Hättest du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben."
Und noch etwas sollten sich Volkswirte, die sich an den Stammtisch und damit in die politische Arena begeben, ins Stammbuch schreiben: "Politiker, so sagt man, benutzen Ökonomen wie Betrunkene Laternen. Sie suchen nicht Licht, sondern Halt." Da kann es für so manche Lichtgestalt der Nationalökonomie ganz schnell sehr finster werden.
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