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Schwischeis EU-Check

Kolumne | Schwischeis EU-Check 

Das ungeliebte Europa mit der Brechstange

Von Gerhard Schwischei | 22.07.2012 - 19:06

Was haben Olympische Spiele mit der EU und ihrem derzeitigen Zustand zu tun? Gar nichts und doch auch sehr viel, wenn man sieht, wie der Sport nationale Identität und Zusammengehörigkeit schafft.



In dieser Woche beginnen in London die Olympischen Spiele. Ist schon jemand auf die Idee gekommen, ein EU-Team an den Start zu schicken? Nicht einmal im Traum.

Gleichzeitig zwingt die Eurokrise den Europäern praktisch mit der Brechstange die Vereinigten Staaten von Europa auf. Friss Vogel oder stirb? Denkbar schlechte Voraussetzungen, um die Europäer weiter friedlich einander näherzubringen.

Statt mit dem Binnenmarkt, offenen Grenzen und einer gemeinsamen Währung eine europäische Identität zu entwickeln, ist derzeit das Gegenteil der Fall. Der Nationalismus lebt umso stärker auf, je länger uns die Schuldenkrise in Atem hält. Und die Schuldenkrise wird uns umso länger in Atem halten, je mehr die nationalistischen Kräfte Oberwasser bekommen. Denn das befeuert die Teufelskreisläufe, in denen wir stecken, und verhindert Lösungen, die mehr und nicht weniger Europa erfordern.

Es ist nicht mehr auszuschließen, dass wir viel rascher, als uns lieb ist, das Ende mit Schrecken erleben, das sich schon zu viele Politiker und Experten herbeiwünschen. Nur dass niemand sagt und auch nicht sagen kann, welche Dimensionen dieser Schrecken dann annehmen wird.

Um aber zur eingangs erwähnten Idee zurückzukommen: Ist es tatsächlich so realitätsfern, eine Mannschaft der Europäischen Union ins Rennen um Gold, Silber und Bronze schicken zu wollen? Ja, das ist es noch - selbst wenn im Clubfußball schon längst die nationalen Grenzen nicht nur in der Aufstellung der Teams gefallen sind, sondern es mit der Champions League auch europäische Meisterschaften gibt. Aber gerade die Fußball-EM hat wieder gezeigt, dass der Sport noch immer ganz entscheidend nationale Identität und Zusammengehörigkeit schafft.

Als EU-Korrespondent erlebte ich zum Beispiel auf dem letzten EU-Krisengipfel Ende Juni das Halbfinalspiel zwischen Deutschland und Italien in Brüssel mit - eingekeilt zwischen deutschen und italienischen Korrespondenten. Während die einen immer mehr verfielen und kleinlaut, bestenfalls noch mit einem süffisanten Kommentar, von der Bühne abdrehten, gab es bei den anderen kaum noch ein Halten. Die Italiener, ohnehin im Gefühl, von den Deutschen geknechtet zu werden, wurden hämisch und versanken ganz im Jubel über den Einzug ins Finale. Und noch mehr in Stimmung kamen die Italo-Korrespondenten, als am Morgen danach der italienische Regierungschef Mario Monti sehr geschickt den politischen Gipfelsieg für sich reklamierte.

Da sage noch einer, Sport habe nichts mit Politik zu tun. Der dort auftretende Nationalismus zeigt jedenfalls, dass selbst "geschulte" Europäer, wie EU-Journalisten, zuerst Italiener und Deutsche sind. Und das offenbar deutlich mehr, als ein Österreicher zuerst Salzburger, Vorarlberger oder Wiener ist.

Was aber heißt das für die Europäische Union? Die Grenzen im Kopf löscht man auch nicht mit einem Schengenvertrag oder dem Euro von heute auf morgen. Noch dazu, wenn man in der Euphorie nach dem Fall des Eisernen Vorhangs glaubte, mit Halbfertigem Fakten schaffen zu können und dabei zunächst einmal auf der Nase landet.

Speed kills: Zu viel auf einmal gewollt zu haben erweist sich jetzt als Bumerang und wird in der Krisenbewältigung zur politischen Herkulesaufgabe.

 
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