Vorwärts in die sowjetische Vergangenheit
Von Susanne Scholl | 17.07.2012 - 19:43
Meine Freundin Julia ist über 70 Jahre alt und hat in ihrem Leben allzu viel miterlebt. Stalin nur mehr ganz am Rande - das kurze Tauwetter unter Chruschtschow schon sehr bewusst und die lange Eiszeit unter Breschnew ebenso. Sie hat während des Putschversuchs gegen Gorbatschow das Moskauer Weiße Haus bewacht und auch danach immer wieder für mehr Demokratie und Freiheit demonstriert. Zuletzt an jenem 6. Mai, am Vorabend der dritten Inthronisierung Wladimir Putins als russischer Präsident, als die Sicherheitskräfte unter einem Vorwand brutal gegen die Zehntausenden vorgingen, die ihrem Unmut über die neuerliche Präsidentschaft Putins auf der Straße Ausdruck verliehen. Keine Handtasche, keine Jacke, an der Julia nicht demonstrativ das berühmte weiße Band befestigt hat - das Symbol jener, die sich ein "Russland ohne Putin" wünschen. Seit Kurzem macht sich meine Freundin Julia strafbar, wenn sie mit einer ihrer weiß geschmückten Handtaschen auf die Straße geht - und riskiert in ihrem nicht mehr ganz zarten Alter verhaftet zu werden. Denn das von Putin kontrollierte Parlament hat diensteifrig ein Gesetz verabschiedet, das eine Reihe von Symbolen verboten hat - auch, vielleicht sogar vor allem, das eben erwähnte weiße Band. Gleichzeitig gelten neuerdings Mitarbeiter mehr oder weniger aller regierungsunabhängiger Organisationen, vor allem solcher, die sich um die Einhaltung der Menschenrechte bemühen, als vom Westen finanzierte Agenten. Sechs Monate lang hat die Opposition mit großen und sehr oft auch sehr originellen Aktionen auf die politischen Missstände in Putins Russland aufmerksam gemacht. Jetzt schlägt dieser unbarmherzig zurück. Ohne Rücksicht. Die Aktivistin Nastja Rybachenko zum Beispiel riskiert acht Jahre Haft. Sie hat nichts getan, was ein solches Urteil rechtfertigen würde - aber: Sie hat laut gegen Putin agitiert und natürlich auch an der schon erwähnten Demonstration am 6. Mai teilgenommen. Während sie sich auf Besuch in Frankreich aufhielt, durchsuchte die Polizei ihre Wohnung und verhörte ihre Mutter. Nastja Rybachenko ist nicht die Erste und nicht die Einzige, die Putins Russland verlassen musste. Mehrere Aktivisten der Opposition, denen ebenfalls hohe Haftstrafen angedroht wurden, haben das Land verlassen. Die Mädchen der Punkgruppe Pussy Riot sind angeklagt und könnten wegen ihres Anti-Putin-Auftritts in der Erlöser-Kathedrale zu bis zu sieben Jahren Haft verurteilt werden. All dies allerdings geschah, noch bevor das neue Gesetz über die verbotenen Symbole in Kraft trat. Jetzt könnten sich die Verhaftungen noch weiter häufen. Putins Russland in der dritten Amtszeit nähert sich in gewissen Bereichen also immer mehr jener Sowjetunion an, deren Ende der alte neue russische Präsident einst nicht zufällig als größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet hat.
Mitteilungen

