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Der Ochs, die Marschallin und die Zitate des Jahres

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Nahezu die Hälfte der großen Polit-Zitate des Jahres begannen mit dem Wort "Ich".

Einer der erfolgreichsten Heerführer der österreichischen Geschichte war Erzherzog Karl. Sein Denkmal steht unter den Bürofenstern des Herrn Bundespräsidenten auf dem Heldenplatz. Es zeigt ihn (den Erzherzog) im Moment der siegreichen Wende der Schlacht von Aspern gegen Napoleon 1809.

Bereits 13 Jahre davor - 1796 - hatte Erzherzog Karl gegen die Franzosen am Rhein einen Sieg errungen, der die Heimat kopfstehen ließ. Alles jubelte dem "Retter Germaniens" zu, Denkmäler wurden zu seinen Ehren errichtet, eine Universität wählte den Feldherrn sogar ehrenhalber zum Rektor.

Wenig später erschien eine Analyse des nur halb geglückten Feldzugs. Sie war mit so rücksichtsloser Offenheit verfasst, dass der Zensor das Werk wegen der schonungslosen Kritik am Erzherzog verbieten wollte. Da stellte sich heraus, wer der Verfasser des ursprünglich anonym erschienenen Buches war: Es war der Erzherzog selbst.

Diese kleine Geschichte über die Selbstkritikfähigkeit großer Männer hat der Militärhistoriker Johann Christoph Allmayer-Beck aufgezeichnet. An sie erinnerte sich vielleicht, wer die innenpolitischen "Zitate des Jahres" (siehe SN von gestern) gelesen hat. Denn nahezu die Hälfte dieser großen Politiker-Sätze begann mit dem Wort "Ich".

Gerne, oft und von keinerlei falscher Bescheidenheit angekränkelt reden Politiker von sich selbst. In solchen - und nur in solchen - Fällen formulieren sie auch prägnant, treffend und zitierenswert. Fragen Sie einen Politiker, wie hoch die Pensionen im Jahr 2050 sein werden: Sie werden einen Schwall an Worthülsen ernten. Fragen Sie ihn, warum er so gut ist: Er wird mit einem funkelnden Aperçu antworten, das leicht zum Zitat des Jahres taugt.

Selbstkritik hingegen ist ein rares Ingrediens heutiger Politikeraussagen. Selbst nach ihrer aktiven Zeit, wenn sie ausreichend Muße (und Anlass) zur kritischen Selbstreflexion hätten, sind ehemalige Amtsträger noch vollkommen von ihrer Weisheit überzeugt und stehen nicht an, sie kübel- und körbeweise in den öffentlichen Diskurs einzustreuen. Der Altpolitiker, der seine Nachfolger zu Taten auffordert, die er selbst nie gesetzt hat, ist geradezu zum Typus unserer politischen Debatte geworden.

Einer, der diese Spezies nicht mag, ist offensichtlich der frühere Präsident des Verfassungsgerichtshofs, Karl Korinek. Er gibt seinen Nachfolgern keine Tipps, sondern widmet sich seinen Steckenpferden. So hat er kürzlich ein Buch über die Oper "Der Rosenkavalier" geschrieben. Und darin legt er den Ex-Politikern wärmstens einen Satz ans Herz, den die Marschallin in der Oper zum Ochs spricht: "Versteht Er nicht, wenn eine Sach’ ein End’ hat?"

 
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