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Kollers Klartext

Der stellvertretende Chefredakteur der Salzburger Nachrichten und Journalist des Jahres 2010 ist der beste Kenner der Innenpolitik. Hier schreibt er Klartext und zeigt die Hintergründe der österreichischen Politik auf.

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Hirscher und der Nachzipf

Von Andreas Koller | 08.07.2012 - 19:36

Unser Bildungssystem produziert Durchschnitt und verhindert Spitzenleistungen. Wäre der Spitzensport so organisiert wie das Schulwesen, hätte Österreich nur wenige Siege zu feiern.



Endlich sind die Ferien angebrochen - also jene Wochen, die maßgeblich dazu beitragen, dass in diesem Lande der Durchschnitt vergöttert und die geistige Verflachung als gesellschaftspolitisches Primärziel akzeptiert wird: Zehntausende Schülerinnen und Schüler bereiten sich in diesen Wochen auf ihre Nachprüfungen vor. Sie werden in dieser Zeit ihr gesamtes geistiges Streben auf Dinge und Themen konzentrieren müssen, die sie nicht interessieren, für die sie kein Talent haben, die sie nicht können.

Und da auch der längste Nachzipf-Lerntag nicht mehr als 24 Stunden hat, müssen die betreffenden Schülerinnen und Schüler in diesen Wochen das, was sie interessiert und wofür sie talentiert sind, brachliegen lassen. Junge Mathematikgenies werden keine Zeit haben, sich eingehender in ihre Lieblingswissenschaft zu vertiefen, wenn sie gleichzeitig für den Französisch-Nachzipf lernen müssen. Jungen Sprachgenies werden die Ferien in England oder Frankreich nebst intensiver Vertiefung in die Fremdsprache verhagelt, weil sie leider zur Mathe-Nachprüfung antreten müssen. Und wer künstlerisch begabt ist, hat überhaupt Pech gehabt, denn dafür gibt’s im hiesigen Schulsystem nur sehr wenige Punkte.

Unser Bildungssystem ist nicht darauf ausgerichtet, die Stärken des Einzelnen zu fördern. Sondern darauf, die Schwächen des Einzelnen, wie es so schön heißt, "auszubessern". Das ist der beste Weg, Durchschnitt zu produzieren und Spitzenleistungen zu verhindern. Wäre die Welt des Spitzensports so organisiert wie das Schulsystem, hätte Marcel Hirscher heuer nicht den Ski-Weltcup gewinnen können. Er wäre nämlich zu sehr damit beschäftigt gewesen, allfällige Defizite im Kugelstoßen und Tontaubenschießen auszugleichen. Und Cristiano Ronaldo hätte erst dann einen Fußballrasen betreten dürfen, wenn er nachgewiesen hätte, dass er auch über eine Skischanze springen kann und einen gehechteten Delfinsalto vom Dreimeterbrett zustande bringt.

Unser Schulsystem fördert nicht die Hirschers und Ronaldos, die in einer Disziplin Spitzenleistungen bringen. Es fördert die, die in allen Gegenständen ein "Genügend" fabrizieren. Sie werden anstandslos ihr Abschlusszeugnis erhalten. Wer hingegen in einer Disziplin brilliert, und sei es auf nobelpreiswürdigem Niveau, der wird sich schwertun im Schulsystem, wenn er gleichzeitig in Mathematik oder Latein oder Deutsch einen blinden Fleck (und daher auch im Zeugnis einen solchen) hat.

Warum gibt man Schülerinnen und Schülern eigentlich nicht die Möglichkeit, einen Gegenstand aus ihrem Lehrplan zu streichen, wenn ihnen dieser absolut nicht liegt? Weil das dem Leistungsgedanken widerspräche, lautet das Gegenargument. Doch dieses Gegenargument ist nicht wirklich fundiert. Leistung, vor allem Spitzenleistung, kann nur durch Spezialisierung erreicht werden. In alle Lebensbereiche gerade so weit hineinzuschnuppern, dass es für ein positives Abschlusszeugnis oder für den bestandenen Nachzipf reicht, kann nicht wirklich als tolle Leistung betrachtet werden. Und vor allem: Es bringt unser Land, das seit Menschengedenken keinen Nobelpreisträger in wissenschaftlichen Disziplinen mehr hervorgebracht hat, nicht voran.

Der Durchschnittsfetischismus ist nicht das einzige Problem in unserem Bildungssystem. Man denke an den Umstand, dass unsere Lebenswirklichkeit sich in Lichtgeschwindigkeit vom klassischen schulischen Fächerkanon wegentwickelt. Oder den Umstand, dass Österreichs Schülerinnen und Schüler nicht fit gemacht werden für eine Welt, in der sie per Stimmzettel über Fragen wie Faymann oder Spindelegger, Glawischnig oder Strache, ESM oder Euroausstieg mitentscheiden müssen. Oder den Umstand, dass unsere Politik den Lehrerjob offensichtlich als mittelmäßig wichtige Halbtagsbeschäftigung betrachtet, was dazu führt, dass die Lehrerschaft den Gutteil ihrer Arbeit daheim am Küchentisch mit dem selbst finanzierten Computer erledigt. Oder man denke an das Dienstrecht, das Kleinkindpädagoginnen - die für die Gesellschaft Wesentliches leisten - immer noch so bezahlt, als handle es sich um Kindergartentanten seligen Andenkens.

All das trägt zur Misere unseres Bildungssystems bei. All das könnte die Bildungspolitik leicht ändern. Doch all das ist nicht so schädlich für unsere Gesellschaft wie der schulische Durchschnittsfetischismus, der tief in unserer Gesellschaft verankert sein dürfte.

 
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KOMMENTARE (4)
 

Reinhard Gschwandtner

19.07.2012
07:17 Uhr

Sehr geehrter Herr Koller! Vielleicht mögen Sie der beste Kenner der Innenpolitik sein, der beste Kenner unseres Bildungssystem sind Sie meiner Meinung nach nicht. Ich empfehle Ihnen, den Leserbrief (SN v. 18. Juli 12) von Herrn Rohm zu überdenken. MfG Reinhard Gschwandtner

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Maria Ives-Strasser

11.07.2012
13:08 Uhr

Ihr Artikel spricht mir aus der Seele! Ich wäre allerdings noch etwas radikaler und würde mich eher am englischen Schulsystem orientieren: Dort können sich die SchülerInnen in den letzten beiden Jahren auf 3 Gegenstände konzentrieren. Was spricht dagegen, dass sich die SchülerInnen in der 11. und 12. Schulstufe auf zum Beispiel 5 Fächer konzentrieren und sich so optimal auf ein Studium oder den Beruf vorbereiten? Schon als Schülerin hab ich manchmal mit Wehmut jene Stunden gezählt, die ich Gegenständen widmen musste, mit denen ich nie mehr was zu tun haben würde und hätte diese Energie so gerne in meine Lieblingsfächer investiert, die ich anschließend auch studiert habe. Als AHS-Lehrerin kann ich Ihre Vorschläge nur voll unterstützen!

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Ernst Wegscheider

10.07.2012
07:29 Uhr

Wir kennen uns ,Herr Koller, Sie waren zu meiner Zeit , als ich Direktor des Melker Stiftsgymnasiums war, am Gymnasium zu Besuch. Wenn Sie Lust haben, schicke ich Ihnen den neuen Jahresbericht meiner alten Schule zum Beweis, dass es Abweichungen vom Durchschnitt gibt. Würde mich gerne mit Ihnen über Ihre Schulutopie unterhalten. Ich konnte 27 Jahre als Leiter des Stiftsgymnasiums keinen einzigen Schüler/in kennenlernen, der als Spitzenschüler in in einem Fach (Sport möglicherweise ausgenommem) nach der Wahl des richtigen Schulzweigs an unserer Schule zu einem Nachzipf verdammt wurde Der Durchschnittsfetischismus hat vielmehr seine Wurzeln in der Ideologie des Gleichmachens aller Schüler. Spitzen unerwünscht!

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Edith Brandstätter

09.07.2012
13:56 Uhr

...wie wahr! Als Kunsterzieherin muss man ordentlich Durchhaltevermögen zeigen, um nach 30 Dienstjahren nicht völlig desillusioniert und leidenschaftslos in Randzonen unseres Schulsystems zu tümpeln. Aber nein, ich tu es nicht! Noch immer bin ich der Meinung, dass die "Kunst" alle(!) brauchen, dass sie ein existenzielles Lebensmittel ist, dass unsere Welt und die der folgenden Generationen Menschen braucht, die musisch gebildet sind - ob als Wissenschafter, Arzt, Verkäufer... oder Künstler. Menschenbildung? Soziale Kompetenz? ...? Vieles, was das Leben ausmacht, scheint unser Schulsystem zu ignorieren (...!?) Nicht nur in Lehrplänen, auch in den Gehaltsstrukturen wird diese Mittelmäßigkeit (oder Minderwertigkeit?) sichtbar... Leider!

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