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Kollers Klartext

Der stellvertretende Chefredakteur der Salzburger Nachrichten und Journalist des Jahres 2010 ist der beste Kenner der Innenpolitik. Hier schreibt er Klartext und zeigt die Hintergründe der österreichischen Politik auf.

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Birnbacher war nur der Auftakt

Von Andreas Koller | 29.07.2012 - 19:33

Wenn die Anzeichen nicht trügen, steht Österreich eine Reihe von Korruptionsprozessen bevor. Die ÖVP in ihrer derzeitigen Verfassung wird sich schwertun, diese Zeit der Reinigung unbeschadet zu überstehen.



Sollte die Justiz, was nicht gänzlich auszuschließen ist, in den kommenden Monaten ihren Job erledigen, kommt auf Österreich ein heißer Herbst zu. Oder auch, weil dies dem Tempo der Justiz angemessener ist, ein heißes Jahr 2013 (in dem dann praktischerweise auch die Nationalratswahl stattfindet).

Denn der Fall Birnbacher, der gegen den hinhaltenden Widerstand der Klagenfurter Staatsanwaltschaft nun doch vor der Aufklärung steht, ist kein Einzelfall. Die SN haben in ihrer Samstagsausgabe eine ganze Reihe von "Fällen Birnbacher" aufgelistet. Also Fälle, bei denen Zahlungen in Millionenhöhe an politiknahe "Lobbyisten" und "Berater" keine erkennbaren Gegenleistungen gegenüberstanden. Sodass der Verdacht naheliegt, die Geldflüsse seien in Wahrheit für die Kassen der Parteien bestimmt gewesen. Oder auch: für die Taschen von politischen Entscheidungsträgern. All diese Fälle sind bei der Justiz anhängig. Eine Reihe von Anklagen und Prozessen dürfte die Folge sein. Nicht nur Kärnten, ganz Österreich wird sich dann die Frage stellen müssen, ob nicht etwas faul ist im Staate.

Zwei Anmerkungen aus gegebenem Anlass. Erstens: Berater und Lobbyisten sind ehrenwerte Berufsstände. Diese Leute haben es nicht verdient, dass sich dubiose Landgrafen und ehemalige Kofferträger Jörg Haiders zwecks Verschleierung ihrer Missetaten mit diesen Berufsbezeichnungen schmücken.

Und zweitens: Dass die SPÖ in der Skandalberichterstattung der vergangenen Monate kaum vorkam, ist hauptsächlich dem Umstand geschuldet, dass diese Partei von 2000 bis 2007 nicht regierte. Und dass sie auch in Kärnten seit Jahren auf der Oppositionsbank sitzt. Wie ein Blick in jedes beliebige Zeitungsarchiv belegt, sind auch die Sozialdemokraten von Skandalen und Affären nicht frei.

Momentan geht’s aber um jene Parteien, die ab 2000 eine vorgebliche "Wende" herbeiführen wollten, also ÖVP, FPÖ und BZÖ. Und während man über die Korruptionsaffinität der beiden populistischen Haider/Strache/Scheuch/Westenthaler-Parteien nicht wirklich überrascht ist, verwundert die tiefe Verwicklung der staatstragenden ÖVP ins Gestrüpp der Sünden dann doch ein wenig. Noch mehr überrascht der Umstand, wie nonchalant die Spindelegger-ÖVP mit dieser Verwicklung umgeht.

Die sechs Millionen für Herrn Birnbacher haben die Parteiführung in Wien erst in dem Moment gestört, als Martinz vor dem Richter gestand, dass er einen Teil des Geldes in die ÖVP-Kasse verschob. Jedem denkenden Menschen war dies schon vorher klar gewesen, doch die ÖVP-Führung wiegte sich in der Illusion, Martinz sei nicht korrupt, sondern bloß unfähig. Weil er ja, so lautete die offizielle Lesart bis zu seinem Geständnis, sechs Millionen Euro Honorar für ein sechsseitiges Pseudo-Gutachten für angemessen gehalten habe. Was für Spindelegger & Co. aber keineswegs ein Grund war, am Geisteszustand ihres Kärntner Filialleiters zu zweifeln.

Die Nonchalance der ÖVP gegenüber deutlich sichtbarer Korruption ist ein altes Leiden der Volkspartei. Die ÖVP hielt selbst dann noch an Figuren wie Karl-Heinz Grasser und Ernst Strasser fest, als der Korruptionsverdacht mit Händen zu greifen war. Die ÖVP ließ zu, dass ihr blau-oranger Partner seine Regierungstätigkeit als Jackpot begriff, siehe die Gelder für angebliche "Beratungsleistungen" und "Studien", die in der Umgebung der Herren Rumpold, Westenthaler & Co. versickert sind.

Die ÖVP duldete das Treiben des ihr nahestehenden Grafen Mensdorff-Pouilly, der Millionen entgegennahm und auf Reisen schickte. Und die ÖVP machte in Kärnten willig mit als stiller Teilhaber im korrupten System Haider.

Die Beiträge der ÖVP zur Affäre Martinz-Birnbacher beschränkten sich auf fromme Aussendungen aus den Urlaubsorten der Parteispitze und einige Wortspenden der ehrbaren Ex-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic.

Das ist zu wenig. Ein Strache mag sich getrost in Ibiza verstecken - von einem ÖVP-Obmann erwartet man konsequenteres Durchgreifen gegen die Missstände in den eigenen Reihen. Wenn die Anzeichen nicht trügen, steht eine Reihe brisanter Korruptionsprozesse bevor. So, wie sich die ÖVP-Führung derzeit präsentiert, wird sie sich schwertun, diese Zeit der Reinigung unbeschadet zu überstehen.

 
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KOMMENTARE (2)
 

Gottfried Griesmayr

31.07.2012
09:46 Uhr

Jörg Haider ist tot, aber Wolfgang Schüssel lebt. Wo steckt er? Ist es möglich in für ein Interview in den SN zu bekommen? Die Birnbachergeschichte darf nur der Auftakt gewesen sein um endlich diesen unglaublichen Sumpf zu entwässern. Wir haben nicht nur einen Politskandal in Österreich, sondern auch einen riesigen Justitzskandal! Ein guter Teil des ehemaligen schwarz-blauen Kabinetts läuft immer noch samt Komplizenschaft als Unschuldsvermutung durchs Land, ohne dass Anklage erhoben wird oder Untersuchungshaft verhängt wird. Es existiert offensichtlich ein weit verzweigtes, kriminelles Netzwerk, aber die Staatsanwaltschaft kommt nicht auf die Idee den Paragraph 278 StGB anzuwenden!

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Gottfried Griesmayr

31.07.2012
09:44 Uhr

Die Parteizentralen von schwarz und blau stellen sich blind und taub um die Öffentlichkeit weiterhin für dumm zu verkaufen. Es wird zugegeben, was bewiesen ist, ansonsten wird vertuscht und gelogen. War Martinz ein Einzeltäter? Über die Wahrheitsliebe Straches mache ich mir ohnehin keine Gedanken, aber wenn Spindelegger jetzt nicht aufhört von Anstand zu faseln und nicht stattdessen sehr rasch beginnt klar Schiff zu machen, dann ist er mit von der Partie! Es gibt aber noch keine Anzeichen für ein Umdenken in der ÖVP. Im Gegenteil, es wurden schon die Schmutzkübel für den Wahlkampf ausgeteilt und es wird auf allen Ebenen populistische Fundamentalopposition gespielt (siehe Christian Resch am Samstag: ÖVP im politischen Guerillakampf)

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