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Hinter den Zahlen

Kolumne | Hinter den Zahlen 

Die verdorbene Moral der Finanzindustrie - Teil II

Von Marianne Kager | 01.08.2012 - 20:01

Auch die Aufsicht hat nicht eingegriffen, obwohl sie schon seit 2007/08 über die Zinsmanipulationen Bescheid wusste. Niedrige Zinssätze dürften ihr in der Krise gar nicht unrecht gewesen sein.



Die Manipulation des Libor und des Euribor, der beiden Richtzinssätze für alle möglichen Bankgeschäfte, hing nicht nur mit Gier und fragwürdiger Unternehmenskultur zusammen. Ein Grund war auch die Transparenz der Meldungen. Das scheint auf den ersten Blick etwas absurd, ist es aber nicht. Denn meldet eine Bank für die Libor-Ermittlung einen Zinssatz für ihre Refinanzierung, der weit über dem der anderen meldenden Banken liegt, so wirft das ein schlechtes Licht auf die Bonität der Bank. In Krisenzeiten, wenn die Liquidität schon angespannt ist, kann das verheerende Folgen haben. Also, Manipulation zum "Schutz" der Bank, der Eigentümer, der Investoren und natürlich der Reputation des Vorstands (inklusive Boni).

Oder wie sagte Barclays-Chef Bob Diamond (Jahressalär rund 26 Mill. Euro): "An den meisten Tagen gab es keine Anweisungen (seitens des Managements)." Wie bitte ist das zu verstehen? Anweisungen zum Betrug gab es nur manchmal, sonst tolerierte man einfach das Treiben der Händler? Wohl ein tiefer Einblick in die Moral mancher.

Auch die Aufsichtsbehörden müssen sich Fragen gefallen lassen. Schließlich waren die Manipulationen seit 2007/2008 bekannt, und was geschah? Waren die Ermittlungen wirklich so schwierig, dass es vier Jahre dauerte, bis man greifbare Ergebnisse hatte?

Oder wollte man am Höhepunkt der Finanzkrise die Märkte nicht durch einen weiteren Megaskandal belasten? Es ist naheliegend, dass ein niedriger Libor oder Euribor in der Finanzkrise Zentralbanken und Finanzmarktaufsicht gar nicht so unrecht war, man könnte durchaus argumentieren, dass das zur Stabilisierung beitrug.

Ein weiterer Grund liegt in der Indikatorfunktion des Libor, aber auch des Euribor. Sie sind "nicht nur" der Refinanzierungssatz für Großbanken, sondern sie sind vor allem die Basis für effektiv zu bezahlende Zinssätze anderer Marktteilnehmer. Das heißt, ein Kredit, den eine Bank gewährt, kostet zum Beispiel drei Monate Euribor plus einen Aufschlag von "x" Basispunkten (Anm.: Ein Prozentpunkt entspricht hundert Basispunkten). Diesen Indikator während der größten Finanzkrise seit 70 Jahren infrage zu stellen wäre ein enormes systemisches Risiko gewesen, das in der angespannten Situation 2008 zu einem Zusammenbruch des Weltfinanzsystems hätte führen können. Das würde auch erklären, warum - obwohl die Manipulation des Libor schon 2007 offenkundig war - während der Krise seitens Notenbanken und Finanzmarktaufsicht zu diesem Thema jedes Aufsehen vermieden wurde. Ob solche Überlegungen als Rechtfertigung für das Verhalten der Notenbanken und Aufsichtsbehörden reichen, muss erst bewiesen werden.

Die Konsequenzen: Dieser Skandal wird zu Recht mit dem Skandal in der amerikanischen Tabakindustrie 1998 verglichen, der die betroffenen Unternehmen 200 Mrd. Dollar kostete. Die Folgen sind aber mit Zahlen allein nicht zu erfassen. Das ohnehin schon schlechte Image der Finanzbranche ist nun absolut am Boden. Auch wenn - zu Recht - nun drastische Strafen verhängt werden, so sind diese Kosten gering gegenüber dem Imageschaden und den Kosten einer Prozesslawine. Effektiv Geschädigte gibt es viele, es wird eine Unzahl von Klagen geben.

Dennoch ist vor der Abschaffung eines Libor oder Euribor zu warnen. Nicht nur die Finanzindustrie, auch die Wirtschaft braucht diese Zinsindikatoren. Jedenfalls nötig ist eine andere Unternehmenskultur. Die kann man nicht im Detail verordnen, man kann dafür nur Rahmenbedingungen schaffen. Die Begrenzung der Managerboni ist eine davon. Wen wundert’s, dass gerade die City of London, inklusive Rückendeckung der eigenen Regierung, sich besonders dagegen wehrt.

Unmittelbar lassen sich die Erhebungsmethoden für den Libor (und Euribor) ändern. Eine schnelle und effektive Methode, solche Manipulationen zu erschweren, wäre etwa, den Kreis der meldenden Banken erheblich zu erweitern. Wenn zum Beispiel an der Ermittlung der Refinanzierungskosten in Dollar statt 18 Banken 50 Banken teilnehmen würden, wäre eine Manipulation schon viel schwieriger.

 
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