Wer keine Fehler macht, der leistet nichts
Von Gertraud Leimüller | 11.07.2012 - 15:48
Es gibt Fehler, die hätte man nie machen dürfen: Die Eigentümerfamilie des insolventen Drogeriediskonters Schlecker weiß heute, dass es falsch war, ewig mit einem verstaubten Ladenkonzept weiterzuwursteln. Es war auch völlig falsch, nichts gegen den ramponierten Ruf des Unternehmens zu tun und erst um fünf nach zwölf nach externen Geldquellen zu suchen. Doch es ist zu spät: Aus kleinen Fehlern werden irgendwann große. Und dann sind die Monster nicht mehr zu reparieren.
Es gibt jedoch auch Fehler, die müsste man viel häufiger riskieren: ein Forschungsprojekt mit höchst ungewissem Ausgang starten. Eine neue Marketingstrategie ausprobieren. Einen unbequemen Mitarbeiter an Bord holen, der völlig anders als der Rest der Mannschaft tickt. Man sollte auch Ausschau nach Kooperationsmöglichkeiten in Indien oder Afrika halten. Über eigene Fehler reden und vor allem darüber, was man aus ihnen gelernt hat.
Doch dieser letzte Punkt ist der schwierigste: Hätte Herr Schlecker sich nicht eine persönliche Blöße gegeben, hätte er das Ladenkonzept, seine einstige Erfolgsbibel, umgekrempelt? Wird der Leiter eines schiefgegangenen Forschungsprojekts nicht sofort degradiert? Blamiert sich ein Manager, der einen "bunten Hund" einstellt, der bald darauf selbst kündigt, nicht bis auf die Knochen?
Ja, das war so in der alten Wirtschaft, die in der Vergangenheit gut funktioniert hat. In der neuen brauchen wir Pleiten, Pech und Pannen, weil sie die wahren Hebel für den Fortschritt sind: Jene Arbeitsteams, die am meisten Fehlermeldungen aufweisen, zeigen auch die besten Leistungen. Das weiß man aus wissenschaftlichen Untersuchungen von Krankenhäusern. Im Fußball haben die Titelgewinner in der Vorrunde oft mäßig gespielt. Und die besten Theaterpremieren werden oft nach einer verpatzten Generalprobe gegeben.
Warum das so ist, liegt auf der Hand: Gute Trainer und Regisseure sprechen vor dem großen Auftritt offen über Fehler und über die Verbesserungsmöglichkeiten. Mannschaftssportarten und Theater sind fehlerfreundliche Systeme, weil sie auf schnelles, gegenseitiges Lernen und Kooperation angewiesen sind.
Genau das sind auch moderne Unternehmen: Statt Mitarbeiter zur Schnecke zu machen, wenn sie Fehler zugeben, sollten die Chefs jene auszeichnen, die die mutigsten, spektakulärsten oder neuesten Fehler machen.
Das ist ein klares Signal, dass man über Fehler nicht nur sprechen darf, sondern sogar soll. Wer keine Fehler macht, leistet nichts.
Mitteilungen

