Kolumne  

Gewagt gewonnen

Kolumne | Gewagt gewonnen

Staatschefs, Bodyguards und Jungunternehmer im Schnee

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Das Weltwirtschaftsforum Davos, einst Inbegriff der "bösen" Globalisierung, sucht das humane Gesicht des Kapitalismus.



Ein Mal im Jahr wird ein Schweizer Bergdorf zu einem verrückten Ort: Da schlafen die Gäste nicht nur in Hotelzimmern, sondern legen sehr viel Geld für Massenquartiere in Kellern und notdürftig adaptierten Ställen aus. Biedere Geschäfte werden leer geräumt und vorübergehend zum funkelnden Schauplatz teurer Abendveranstaltungen. An jeder Ecke steht Polizei. Hubschrauber fliegen gekrönte Häupter und ausländische Staatschefs ein.

Das ist die Zeit des Weltwirtschaftsforums (WEF), in der sich der biedere Skiort Davos ähnlich einer Filmkulisse zu einem Treffpunkt für Reiche und Mächtige wandelt.

Das ist, von außen betrachtet, bis heute so: Zutritt hat nur, wer a) dafür sehr viel Geld auf den Tisch legt oder b) Kraft einer Empfehlung oder seiner Position von den Veranstaltern eingeladen wird. Weniger sichtbar ist, dass es eine graduelle Öffnung gab: Nicht nur Geld, auch gute Ideen und Eigeninitiative können mittlerweile zu einem Eintrittsticket in die elitäre Davoser Welt führen. Unter den 2600 Teilnehmern finden sich mehrere Hundert Jungunternehmer und Gründer von sozialen Initiativen aus der ganzen Welt. Das ist eine neue Entwicklung: Die Veranstalter haben eingesehen, dass die Rettung der Welt, die sie sich auf ihre Fahnen heften, ohne die frischen Ansätze der Jungen hoffnungslos ist; dass ihre Einfälle sich über soziale Netzwerke oft rascher verbreiten als die hinter verschlossenen Türen ausgeheckten Konzepte der Mächtigen. Man kann die sachte Öffnung auch an einer anderen Beobachtung festmachen: Früher demonstrierten die Nichtregierungsorganisationen (NGO) draußen in Eis und Schnee, heute sind sie Teil des offiziellen Programms.

Eine Wandlung, die sich auch in den Themen des Weltwirtschaftsforums widerspiegelt: Die Zeiten sind vorbei, in denen es bloß um den schnöden Mammon ging, um Wachstum durch hohe Produktivität und niedrige Kosten. Welchen Beitrag können Künstler zur Führung von Unternehmen leisten? Wie wird in Zukunft Bildung funktionieren? Kann das Internet Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenführen, statt die Unterschiede zu vergrößern? Soziale und ökologische Themen werden mittlerweile so ernst genommen, dass diese in die Messung der Wettbewerbsfähigkeit einfließen sollen, die das WEF jedes Jahr in allen Ländern durchführt.

Die Umstände mögen diese Öffnung erzwungen haben. Doch noch etwas fällt auf: Moral ist wieder zum Thema geworden. Der Kapitalismus sucht eindeutig sein menschliches Gesicht.

 
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