Kolumne  

Fliehers Journal

Beobachtungen des Alltags zwischen Popwahnsinn, Sprachverwirrung und Kinderl(i)eben von SN-Kulturredakteur Bernhard Flieher.

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Weiter! Weiter! Weiter! Und von Einschlafen keine Rede

Von Bernhard Flieher | 03.08.2012 - 12:44

Es reicht der Diebstahl einer Kaffeemühle und schon beginnt ein Abenteuer, das nie und nimmer enden wird: Otfried Preußlers "Der Räuber Hotzenplotz" verhindert seit 50 Jahren das Einschlafen.



So eine Geschichte lässt sich nicht erzählen über Zocker in Banken und Börsen, abgedrehte Politiker in Kärnten oder über die skrupellos Erfolgreichen, die Geld zum Saufüttern haben und halbe Länder aufkaufen oder die Olympischen Spiele oder die Fußballweltmeisterschaft. So eine Geschichte lässt sich nicht mit den Ganoven der Gegenwart erzählen. Weil diese heutigen Ganoven nämlich haben alles, aber schon gar nichts Sympathisches an sich. Und weil ihnen jeder Charme, jedes Augenzwinkern fehlt, werden sie niemals nie nicht Legenden, sondern bleiben immer nur Fußnoten. Das liegt auch daran, dass man ihre Waffe nicht sieht, dass man nicht erkennt, auf welche Art sie uns ausnehmen. Sie zocken und stehlen und rauben in Hinterzimmern und in den Briefkästen auf den Cayman Islands. Der Hotzenplotz dagegen, der Räuber aller Räuber, der hat Mut, der tritt zur Tat am helllichten Tag, wenn er der Großmutter die Kaffeemühle stiehlt, und wenn er sie dann entführt, dann radelt er sogar quer durchs Dorf. Er fladert und betrügt im Angesicht der Gefahr. Und seine Waffen trägt er offen bei sich. Wer ihm entgegentritt, weiß worauf man sich einlässt! Erst recht gilt das, wenn man über ihn (vor-)liest. Am Ende, das dann doch keines sein wird, entscheidet nämlich ein simpler Befehl über die Macht und Qualität der Lektüre - und damit über die Verlängerung der Aufbleibzeit für die Zuhörenden. Ein Wort, ein Befehl: "Weiter!" Und dann folgen diese elend zähen Verhandlungen und während der Verhandlungen denkt man: "Hätte ich einfach weitergelesen, hätten wir genauso viel Zeit gebraucht!" Aber spannender wär’s gewesen. Die Intensität solcher Schlaf-jetzt-Verhandlungen adelt das Gelesene. Und nun: Selbst als Vorleser schweben die Erinnerungen daher, wie das früher war, als man selbst nicht nachgeben wollte. Als man selbst "Weiter! Weiter! Weiter!" gerufen hat und wie auch die zigste (Vorlese-) Wiederholung immer noch aufregend war. Das erinnert dann an die Herrlichkeit einer Welt ohne Melancholie, ohne dieses tief rührende und auch tief an die Endlichkeit erinnernde Gefühl, dass etwas, wenn es passiert, auch gleichzeitig niemals wieder so passieren wird wie in diesem ersten Moment. Ein Kind kennt diesen Gedanken nicht - erst recht nicht bei Geschichten, die es liebt. Die können immer wieder klingen und tun es immer wieder neu. Der Hotzenplotz, fein rhythmisierte Sprache, ideal im Timing zwischen Aufregung und kurzer Entspannung, raffiniert in der Dramaturgie, die sich an klassische Abenteuergeschichten hält, gehört zu diesen All-Time-Einsetzbaren.

Dabei hat der Typ mit dem ungepflegten Bart und der Schnapsnase zunächst wirklich nur eine neue Kaffeemühle gestohlen und nicht mit Spekulationen oder Ausbeutung die halbe Welt an den Rand des Abgrunds geführt! Aber sieben Messer hat(te) er und eine Höhle und Dynamit. Bei aller kriminellen Energie war er eben doch zutiefst liebenswürdig und gemütlich irgendwie, dieser Räuber Hotzenplotz, der Razbojnik Chotzenplotz, der Ryöväri Hurjahanka, der Ladrão Catrabum, der in 34 Sprachen Übersetzte, geboren am 1. August 1962, Vater: Otfried Preußler. Fünfzig Jahre alt also wurde der Hotzenplotz diese Woche. Und von Einschlafen noch lang keine Spur. "Kein Buch hat ein Ende", sagte Preußler einmal und raubt weiter den Schlaf. Aber es ist eine angenehmer Raub.

 
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